Zwei Stuttgarter wollen mit einem Elektroauto durch Eurasien

Konstantin Neumann und Marina Selezneva wollen durch Eurasien touren. 50.000 Kilometer, nur mit einem Elektroauto. Ihr Ziel: weltweit so viele nachhaltige Start-ups wie möglich vernetzen. Wie wollen sie das anstellen?

Stuttgart – In einem knappen Jahr quer durch Europa und ganz Asien, 50.000 Kilometer – und das alles mit einem Elektroauto. Was Konstantin Neumann und seine Verlobte Marina Selezneva sich da vorgenommen haben, könnte auch ordentlich schief gehen. Aber wer große Ziele und Visionen hat, der muss dafür eben große Risiken eingehen, vielleicht mal nicht alles bis ins Detail durchdenken und vor allem optimistisch bleiben.

Im ersten Semester kam das erste Start-up

Konstantin ist so ein Großdenker. Der 22-Jährige kommt gebürtig aus einem kleinen Dorf in Sachsen – was man ihm nicht anhört, er erzählt es einfach gerne. Genauso gerne und oft erzählt er die Geschichte von dem großen Garten seiner Oma, in dem in seiner Kindheit so viele Sorten Obst und Gemüse wuchsen und unverpackt auf dem Tisch landeten.

Schon früh habe er sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Zum Studieren zog es den Sachsen nach Stuttgart, er begann an der Universität Hohenheim, Lebensmittelwirtschaft und Biotechnologie zu studieren. In der Stadt und im Supermarkt musste er dann sein Gemüse in Plastik verpackt kaufen. Nur studieren war ihm schnell zu langweilig, zu gewöhnlich. Noch im ersten Semester, im März 2017, gründet Konstantin mit Kommilitonen sein erstes Start-up: nachhaltige, essbare Trinkhalme, gefertigt aus Apfelresten.

Die Studenten schaffen es mit ihrem Produkt in die Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“, verkaufen die Trinkhalme bald weltweit, sind erfolgreich. Konstantin bricht sein Studium ab und widmet sich voll und ganz der Start-up-Welt. Andere würden sich mit diesem Lebenslauf zufriedengeben, aber dem Wahl-Stuttgarter ist das nicht genug. Ihn zieht es weiter, er denkt größer.

„Das Wissen ist da, man muss nur miteinander reden.“

Vor einem guten Monat hat der 22-Jährige seine Anteile an dem mittlerweile zehnköpfigen Start-up verkauft und stattdessen gemeinsam mit seiner Verlobten den Verein „The Way We Go“ gegründet. Mit ihrer Organisation wollen sie ein weltweites Netzwerk nachhaltiger Start-ups aufbauen, den „internationalen Wissens- und Technologietransfer fördern“, wie Marina Selezneva es ausdrückt.

„Wir sind der Meinung, dass man die Probleme auf der Welt lösen kann, wenn man sie global betrachtet und angeht“, sagt Konstantin. „Das Wissen ist da, man muss nur miteinander reden.“ Mehr als 40 nachhaltige Start-ups seien dem Verein schon beigetreten, sagen die Gründer. Um ihr Netzwerk weiter auszubauen, nehmen die beiden nun den eurasischen Markt in den Fokus. Da macht sich so eine nachhaltige Reise durch fast alle Länder natürlich gut.

30.000 Euro für den Umbau, Solarpanels für die Wüste

In den Ländern wollen die beiden Gespräche führen, Interviews, Vorträge an Universitäten und in Schulen halten, Projekte wie Müllsammelaktionen starten – oder kurz gesagt: Bewusstsein für eine nachhaltige Lebenshaltung wecken. Begleitet werden sie von einem Kameramann, denn aus dem Projekt soll auch ein Kinofilm entstehen. Und natürlich wird Travelbloggerin Marina ihre Follower auf Instagram mitnehmen.

Ende Juli soll die Reise starten und zwischen zehn und zwölf Monate dauern. Dem Projekt fehlen allerdings momentan noch die nötigen Mittel: Etwa 30.000 Euro wird der Umbau eines alten Campers mit Verbrenner zu einem Fahrzeug mit Elektroantrieb kosten, schätzen die beiden. Das soll zusätzlich mit Solar-Panels ausgestattet werden, mit denen das Auto auch in der mongolischen Wüste geladen werden soll – denn dort sieht es mit E-Ladesäulen bekanntlich eher schlecht aus. 500 Kilometer Reichweite soll das umgebaute Fahrzeug am Ende haben, behauptet Konstantin.

Vieles ist noch unklar

Und wenn das mit der Reichweite nicht klappt? Oder keine Steckdose in der Nähe ist und die Sonne nicht scheint? „Dann schiebe ich“, sagt Konstantin und lacht. Er sei ja nicht umsonst Weltmeister im Kraft-Dreikampf, einer Version des Gewichthebens.

Um Werbung für ihr Vorhaben zu machen, ist das Pärchen an diesem Wochenende auch auf der „i-Mobility“-Messe in Stuttgart mit einem Stand vertreten. Dort steht ein großes rotes Auto, eines wie das, mit dem sie in zwei Monaten ins Abenteuer starten wollen – wenn denn alles funktioniert. Denn vieles an der „Expedition Eurasien“ ist noch alles andere als klar. Aber Konstantin und Marina lassen sich nicht beirren. Sich selbst wollen die beiden in dieser Zeit privat finanzieren, Konstantin als Start-up-Mentor und -Gründer in verschiedenen Projekten, Marina als Bloggerin und Social-Media-Coach.

„Ich bin eben gut vernetzt“

Bisher haben sie nur etwa 2.000 Euro eingesammelt, aber die Rückmeldungen der Sponsoren, die sie angefragt haben, seien bisher sehr positiv, so Konstantin. „Ich bin eben gut vernetzt“, sagt er und grinst. Dann konzentriert er sich wieder auf seinen Laptop, er muss noch eine Präsentation fertig machen, die er in fünf Minuten in der Messehalle hält. Dann noch schnell umziehen, ein Foto, und weiter. Auf der Bühne erzählt er den Zuschauern von dem Garten seiner Oma.