Zwanzig Jahre Turntablerocker im Stadtpalais

Am Samstag feiern Thomilla und Michi Beck zwanzig Jahre Turntablerocker im Stadtpalais. Ein Besuch bei Thomilla in seiner Wahl-Heimat Berlin.

Berlin – Wenn der Postmann zweimal klingelt, bringt er in Berlin die Testpressung des neuen Albums der Fantastischen Vier. Thomas Burchia, in der Welt des Pop besser bekannt als Thomilla, läuft entspannt wie ein buddhistischer Mönch mit dem Päckchen unter dem Arm durch einen Gang in sein Studio in Berlin. An den Wänden hängen Platin-Schallplatten der Fanta-4-Alben „Fornika“ und „Für dich immer noch Fanta Sie“, an deren Produktion und Komposition Burchia entscheidenden Anteil hatte.

Höchste Zeit, Thomillas Geschichte zu erzählen.

Thomillas Hund Hedi, der eigentlich Röhrle heißt –  „die können wir hier aber nicht so rufen, sonst kriegt sie den Schwabenhass zu spüren“ –   zeigt am Besucher ein so kurzes wie charmantes Interesse. Dann macht es sich die Hundedame auf dem Sofa bequem, um ihr Herrchen im Notfall gegen blöde Interview-Fragen zu verteidigen.

Spätestens mit dem Album „Fornika“ von 2007 hat sich Thomilla zu einer Art fünftem Mitglied der Fantastischen Vier entwickelt. Der gebürtige Stuttgarter ist heute der maßgebliche Produzent einer der erfolgreichsten deutschen Bands. Mit dem Bandmitglied Michi Beck bildet er seit genau 20 Jahren das DJ-Duo Turntablerocker. Der Geburtstag des  DJ-Teams wird am 21. April im  Stadtpalais in Stuttgart gefeiert. Das neue Fanta-Album Captain Fantastic erscheint am  27. April. Höchste Zeit, einmal  Thomillas Geschichte zu erzählen.

Die Welt hat sich seit den 90ern rasant geändert

Die hat 1991 an einem popkulturell später legendären Ort am Stuttgarter Rotebühlplatz begonnen. „Mit 17 habe ich  bei Radio Barth meine Lehre zum Einzelhandelskaufmann absolviert.  In dem Laden  herrschte Krawattenpflicht. Blue Jeans und Sneaker waren verboten, es musste mindestens eine Bundfaltenhose sein“, erinnert  sich Thomilla.

Wenn er von seiner Ausbildung erzählt, wird klar, wie rasant sich die Welt seit den 90er Jahren verändert hat.  „Ich habe in der  Abteilung für Henkelware gearbeitet, in der die tragbaren Geräte zu finden waren. Dort habe ich angefangen, mich für Mischpulte zu interessieren“, erinnert sich  Thomilla.  Und zwischendrin verkaufte er alten Damen, die einen neuen Weltempfänger für ihre Küche haben wollten, ein Gerät mit Radio, doppeltem Kassetten-Deck und CD-Player, „damit die Enkel bei der Oma ihre CDs anhören können, so mein Verkaufsargument“, erinnert er sich lachend.

Die Fantas war den jungen Wilden zu poppig

Bei seinem Ausbildungsbetrieb kaufte sich Thomilla zwei Technics-Plattenspieler, um seine Fähigkeiten als DJ auszubauen. „Die habe ich damals von  meinem Lehrgehalt abbezahlt. Meine Mutter hat mich für verrückt erklärt.“ Mittlerweile dürfte sich die Investition  amortisiert haben. Thomilla wurde zu den stilbildenden DJs des Hip-Hop-Zusammenschlusses Kolchose, der nach der Pleite der Firma Radio Barth von dem Gebäude aus die Deutsch-Rap-Revolution  mitgestaltete.

Der Zusammenhalt der Kolchose, zu der unter anderem die Bands Freundeskreis und Massive Töne gehörten, beruhte anfangs auch auf der Ablehnung der Fantastischen Vier. Die Fantas waren den jungen Wilden zu poppig. Thomilla stellte in dieser innerstädtischen musikalischen Auseinandersetzung eine Art Schweiz dar. „Nach meiner Lehre habe ich im Plattenladen Imports gearbeitet.“ Dort kauften Mitglieder aller  Fraktionen ein. „So wurde ich zur neutralen Zone.“ Im Plattenhandel lernte Thomilla auch Michi Beck kennen. „Da  kam ein langhaariger Typ im schwarzen Mantel auf Roller-Skates in den Laden. ,Das ist doch der Typ von den Fantas’, dachte ich mir. Die Chemie hat gleich gestimmt, er wurde Stammkunde.“

Die „Burg“ war einer der Pop-Orte der Stadt

Zu der Zeit hat Thomilla im Club Red Dog den Hip-Hop-Mittwoch veranstaltet. „Irgendwann haben wir Michi eingeladen, dort aufzulegen. Dabei war er da längst stiller Teilhaber, also haben wir quasi den Chef gefragt, ob er in seinem eigenen Laden spielen möchte. Das habe ich erst Jahre später erfahren, weil er das nie an die große Glocke gehängt hat“, so Thomilla. Das Stuttgarter Credo, wirtschaftliche Intelligenz nicht durch einen Münchner Hang zum Protz zu verderben, gilt eben auch bei Michi Beck.

Das fantastische Viertel Beck fragte Thomilla schließlich, ob er nicht Songs für sein Solo-Album schreiben und produzieren möchte. „Natürlich wollte ich das, wusste aber überhaupt nicht, wie das geht. In der Zeit hat mich Peter Hoff in die Welt des Produzierens eingeführt.“ Über den damals schon arrivierten Produzenten bekam Thomilla seine ersten Aufträge, wenig später gründeten die beiden Benztown Productions und zogen in eine hoch herrschaftliche Villa an der Weinsteige, die fortan unter dem Namen „Burg“ zu einem der Pop-Orte der Stadt wurde.

Stuttgarter Rapper, amerikanische Rapper, Securitys, Tänzerinnen

Um den Status der Burg zu verdeutlichen, muss man Thomilla eine Anekdote aus dem Jahr 2000 erzählen lassen. Damals war der amerikanische Produzent Puff Daddy eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Unterhaltungs-Branche. Zu seinem Konzert in der Schleyerhalle hatte er die Kolchose eingeladen. Nach dem Auftritt feierte man gemeinsam in einem Stuttgarter Club weiter. „Das war wie in einem seiner Videos: Er ist im Pelzmantel mit Champagnerflasche in der Hand herumgesprungen, umgeben von Bikini-Girls. Ich bin um zwei nach Hause.“

Dann ging alles ganz schnell: Die Kolchose-Kollegen riefen aus dem Club an, Thomilla möge bitte den Rechner hochfahren und einen Song programmieren. Puff Daddy habe den Wunsch geäußert, Musik an der Weinsteige aufzunehmen. Am Ende steuerten laut Thomilla drei Nightliner die Burg an: Stuttgarter Rapper, amerikanische Rapper, Securitys, Tänzerinnen. „Das müssen insgesamt 100 Leute gewesen sein. Mittendrin Puff Daddy, Jogging-Anzug, Slippers vom Hilton,  Sonnenbrille, an allen Aufnahme-Stationen hat er nach dem Rechten gesehen. Morgens um 8 Uhr sind alle wie eine Wolke wieder verschwunden.“

Der Name Turntablerocker wurde zu einem Bio-Label für Abriss-Partys

Heute unvorstellbar: damals gab es noch keine Handys mit Foto-Funktion, also existieren keine Bewegtbilder von der Aktion. „Keiner von uns kam auf die Idee, mit einer Videokamera zu filmen.“ Selige Vor-Selfie-Ära! Heute hätten die Instagram-Stories aus dem Benztown-Studio sämtliche Server dieser Welt in die Knie gezwungen.

Auf dem von Thomilla produzierten Solo-Album von Michi Beck, „Weltweit“, fand sich schließlich der Track Turntablerocker, der titelgebend für das DJ-Duo wurde. Der Name Turntablerocker wurde zu einem Bio-Label für Abriss-Partys. Thomilla und Beck produzierten gemeinsame Alben, die wie eine deutsche Antwort auf Fat Boy Slim oder Daft Punk funktionierten. 2005 zog Thomilla nach Berlin, nachdem andere Weggefährten schon zuvor in die Hauptstadt gegangen waren.

Captain Fantastic am Mischpult

Und wie wurde Thomilla schließlich zum 5. Mitglied der Fantastischen Vier? Von Album zu Album übernahm er mehr Verantwortung als Produzent und Komponist. Längst ist er der Captain Fantastic am Mischpult und unterstützt Smudo und Michi Beck außerdem maßgeblich bei der Fernseh-Show „Voice of Germany“, wo es das Team Fanta auf die ihm eigene, strategisch schlaue Weise schafft, ein jüngeres Publikum als die klassischen Fans der Gruppe zu erreichen.

Vom Radio-Barth-Azubi auf die große TV-Bühne: Thomilla ist schon so lange im Pop-Business dabei, dass er den Umbruch der Branche genauso live miterlebt hat wie den technischen Wandel – zum Beispiel in Bezug auf den  Produktionsprozess bei den Fantas: „Heue landen pro Album bis zu 300 Skizzen in einem Dropbox-Ordner. Am Ende werden wie im Fall der neuen Platte 16 Stücke ausgewählt.“

Exil-Schwaben mit Sehnsucht nach Stuttgart

Die technischen Veränderungen bringen Vereinfachungen mit sich: „Als wir kürzlich in Stuttgart  im Wizemann geprobt haben, hat mir ein Sound gefehlt, den konnte ich mir kurz von der Dropbox ziehen. Früher hätte ich mir einen Kurier bestellen müssen, der mir einen  Datenträger vorbeibringt.“

Zum Schluss noch die alles entscheidende Frage zu den Fantas: Wie schafft man es eigentlich, sich immer wieder dann neu zu erfinden, wenn man denkt, dass die Band schon alles erzählt hat? Thomilla spricht von den Zweifeln, die am Anfang eines jeden neuen Albums stünden und wie dann aber solch ein Coup wie die Single „Zusammen“ mit Clueso zustande komme: Die Band habe lange auf seinem Sofa diskutiert, ob man den Sänger nach einer Zusammenarbeit fragen könne. Womöglich würde der ja absagen und wie stehe man dann da? „Thomas D. hat Clueso schließlich angerufen, über Lautsprecher haben alle mitgehört, und Clueso meinte nur: ,Endlich fragt ihr mich. Natürlich mache ich mit!‘“.

Es klopft an der Tür. Studio-Nachbar Jochen Schmalbach, unter anderem Teil der  Bietigheimer Band Camouflage, sagt Hallo. Es folgt ein herzzerreißender Dialog der Exil-Schwaben über ihre Sehnsucht nach Stuttgart, die sich unter anderem am besseren Wetter und den freundlicheren Bäckereifachverkäuferinnen festmacht. Zeit zu gehen, Milla will die Testpressung der Fantas anhören. Wo er die Platte abspielt? Auf  seinen Technics-Plattenspielern, die er bei Radio Barth gekauft hat.

DJ-Duo Turntablerocker im Stadtpalais

Florian Kolmer

 

 

Die Turntablerocker aka Michi Beck und DJ Thomilla stehen seit 20 Jahren gemeinsam hinter den Plattenspielern.

Am Samstag wird das von 23 Uhr an im Stadtpalais gefeiert.

Mehr Infos gibt es hier >>>

Mehr aus dem Web

Hinterlasse eine Antwort