Zuhause auf Rädern: Kat and rollin‘ Karlos

Die Welt bereisen, von überall arbeiten – für viele der Traum. Stuttgarterin Kathrin lebt ihn seit ein paar Monaten und vergleicht Vorstellung und Realität. Wie ist es denn wirklich?

Stuttgart – Vorstellung und Realität: oft kommt es anders und meistens als man denkt. Die Stuttgarterin Kathrin Beinlich hat im vergangenen Jahr beschlossen, dass sich jetzt mal was ändern muss. Also hat sie das hiesige Zuhause verlassen und ein neues angeschafft – kleiner, mit vier Rädern und einer Menge Arbeit, die noch investiert werden musste. Denn wer kauft ein fertiges Wohnmobil, wenn er auch einen Sprinter kaufen und nach seinen eigenen Vorstellungen umbauen kann? Richtig, Kathrin.

Seit etwa drei Monaten ist sie jetzt an den Küsten Europas unterwegs, von Frankreich über Spanien, residiert sie aktuell in Portugal. Die ersten Wochen begleitet sie ihre beste Freundin Carmen, mit der sie gemeinsam dieses Abenteuer gestartet hat. Mit der Zeit lernt man auch, sagt sie, was es wirklich braucht, was einen überrascht und was einfach komplett anders läuft als gedacht. Für uns hat Kathrin Vorstellung mit Realität verglichen.

Vorbereitung: Bevor es überhaupt mit irgendetwas los geht, hilft irgendeine Art von To-Do-Liste. Wenn dann alles erledigt ist – wie viele Häkchen sind gesetzt und was wurde im Nachhinein ergänzt?

Vorstellung: In der Vorstellung hatte ich wirklich diese To-Do-Liste und wollte natürlich alles am Ende abgehakt haben, weil ich sonst ja nicht starten kann. Daher habe ich mir einen unglaublichen Stress gemacht.

Realität: In der Realität wird man aber nie fertig mit Planen. Unterwegs sind mir immer wieder neue Optimierungen eingefallen, daher sind so To-Do-Listen auf jeden Fall hilfreich, aber sie werden mit der Zeit eher länger als kürzer.

Fahrt: Lange und viel im Auto sitzen – Euphorie oder großer Nervenfaktor?

Vorstellung: Ich liebe Autofahren. Ich habe es immer geliebt. Das Auto, die Straße, Natur um mich herum und gute Musik.

Realität: Ich liebe ich es weiterhin genauso! Gerade gestern ist mir wieder aufgefallen, wie gerne ich einfach durch die Gegend fahre. Stressig wird es nur in Städten oder gegen Abend, wenn es dunkel wird. Schlafplätze im Dunkeln anzufahren, an denen ich die Straßen nicht kenne, mag ich nach wie vor nicht und versuche ich zu meiden.

Geld: Reicht der Betrag zum Leben, den man sich vorher vorgestellt hat – oder ist alles teurer als gedacht?

Vorstellung: Ich habe mir natürlich im Vorfeld Gedanken gemacht, wie viel ich für Fixkosten ausgebe, was ich wirklich brauche und was nur Luxus ist.

Realität: Ich komme überraschend gut hin! Ich verbrauche weniger als daheim in Deutschland und kann mir doch einiges unterwegs leisten, ohne große Abstriche zu machen. Im ersten Monat waren es etwas mehr Ausgaben, da ich da auch noch „frei“ hatte und es wie im Urlaub war – da fließt der Geldhahn ja bekanntlich erstmal. Zudem kam noch die Fahrt über Frankreich dazu. Hier haben wir ziemlich viel Maut bezahlt und auch viel mehr Campingplatz-Aufenthalte gehabt, da man dort nicht so gut frei stehen kann. Hier in Portugal kann man schon recht günstig über die Runden kommen.

Versicherung: Allein bei dem Wort wehrt sich das Träumerherz. Überblick verschaffen, selektieren, beantragen – geht leichter als gedacht?

Vorstellung: Ja ekliges Thema, hatte ich auch gar keinen Bock drauf.

Realität: Aber so viel war es am Ende dann gar nicht. Auslandsversicherung ist schnell und günstig gemacht. Ich habe eine zusätzliche Diebstahlversicherung, die mein Handy und meinen Laptop abdeckt. Ansonsten nur eine allgemeine Hausratsversicherung fürs Wohnmobil. Interessant war es allemal, da es für die Versicherung auch nicht zur allgemeinen Tagesordnung gehört, sich mit sowas zu beschäftigen. So lernen alle dazu.

Begleitung: Gemeinsam ins Abenteuer starten – läuft es so geschmeidig wie gehofft?

Vorstellung: Uns war von vorne herein klar, dass es nicht immer easy und reibungslos ablaufen wird. Dafür kennen wir uns zu gut und waren in der Hinsicht auch realistisch – 2 Girls – Comm’on! Da wir aber zuvor schon öfters gemeinsam reisen waren, wussten wir, was auf uns zu kommt.

Realität: Es war genauso wie in der Vorstellung. Wir hatten unsere guten sowie schlechten Tage. Trotz allem haben wir es geschafft! Zu zweit unterwegs zu sein, ist doch einiges leichter und ich war froh darüber, sie dabei gehabt zu haben. Gerade in der Anfangsphase des Reisens, da für mich auch alles Neuland war. Trotzdem muss man sich immer abstimmen und Kompromisse eingehen. Alleine reisen ist nochmal etwas komplett anderes. Ich habe mich nach fast drei Monaten auf engem Raum auch echt drauf gefreut, eigene Entscheidungen zu treffen und meinen Tag nur für mich zu gestalten. Klingt egoistisch, ist auch so – fühlt sich aber wahnsinnig toll an.

Route planen: Bleibt die geplante Route bestehen oder nimmt man auch spontan andere Abzweigungen?

Vorstellung: Klar, schon Monate vorher habe ich angefangen, an der Route zu basteln und immer wieder umgeworfen und neu geplant und gesammelt und gesammelt, um dann die perfekte Route zu haben.

Realität: Und die hatten wir! Tatsächlich haben wir uns bis auf ein bis zwei Standpunkte komplett an die Route gehalten und sie wurde unterwegs durch andere Reisende zusätzlich ergänzt. Also haben wir noch mehr gemacht als geplant! Daher bin ich nach wie vor der Meinung, eine gute Vorbereitung erleichtert einiges. Natürlich sollte man sich nicht komplett daran festhalten und auch mal treiben lassen – das Schöne sind ja die unerwarteten Plätze, die sich ergeben. Aber einen groben Plan zu haben, ist schon von Vorteil. Der lässt sich ja trotzdem flexibel ausdehnen.

Stellplätze finden: Die gibt es wie Sand am Meer – oder es ist mal der Parkplatz vor dem Supermarkt?

Vorstellung: Ach, irgendwo wird man schon unterkommen …

Realität: Irgendwo kommt man immer unter. Also auf einem Supermarkt-Stellplatz habe ich bis jetzt noch nie übernachten müssen und auch noch nicht auf einem Tankstellenrastplatz. Da gibt es zum Glück weitaus bessere Möglichkeiten. Heutzutage gibt es ja zum Glück genug Apps und ähnliches, die es einem leichter machen. Selbst hier wird man mit der Zeit wählerisch. Steht man ruhig, sind zu viele Menschen um einen herum, ist das Meer in greifbarer Nähe, geht ein Wind und ganz wichtig – gibt es Empfang? So sind für mich viele tolle Plätze leider nur am Wochenende verfügbar, weil es gerade hier in Portugal an den besonders schönen und versteckten Orten keinen Empfang gibt. Nichts. Rein gar nichts. Vielleicht, wenn man einen zehnminütigen Marsch auf einen Berg in Kauf nimmt.

Was richtig Probleme macht.

Vorstellung: In meiner Vorstellung war es der Internetempfang.

Realität: Irgendwie geht es. Zwar habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, große Datenmengen durch die Gegend zu schieben, aber sonst funktioniert es – mal mehr, mal weniger. Bis jetzt hat sich immer eine Lösung aufgetan. Was mir derzeit eher etwas Probleme bereitet, ist der Strom. Zwar bin ich mordsmäßig gut ausgestattet, aber es ist immer noch irgendwie zu wenig. Vor allem gibt es einen kleinen Bug, irgendwo versteckt im Stromkreislauf, sodass die Ladesicherung rausspringt und wenn ich da nicht hinterher bin, ist dadurch die Batterie schneller leer als gedacht. Optimierungstermin und zusätzliche Solarpanels sind aber schon bestellt.

Was einfacher läuft als gedacht.

Vorstellung: Oh mein Gott, wie mach ich das mit dem Klo und dem Duschen?

Realität: Läuft super. Mittlerweile bin ich total verliebt ins Freipinkeln! Es gibt so schöne Freipinkelplätze mit traumhaften Ausblick! Wer will denn da noch ein kleines Klo haben? Ansonsten gibt es ja auch noch Restaurants. Ich habe sogar ein Klo im Camper – ich habe es aber noch nie benutzt.

Duschen ist auch ganz easy, entweder benutzt man Strandduschen, es gibt öffentliche Duschen, die erstaunlicherweise echt sauber und gut sind. Es gibt das Meer, Seen und ich hab sogar eine Außendusche mit dabei, mit der geht das auch super. Und wenn ich mal in den kompletten Luxus verfallen und mir einen Wellnesstag gönnen möchte, dann geh ich für 15 Euro (inklusive Strom) auf den Campingplatz und dusche eine halbe Stunde lang – mehrmals am Tag.

Arbeitsplätze finden: Mithilfe von Tripadvisor durchforsten oder einfach rein in den Laden?

Vorstellung: Naivität und Intuition sind meine besten Freunde.

Realität: Naivität und Intuition sind meine besten Freunde. Dazu braucht man kein Tripadvisor. Diese App habe ich die ganze Reise noch nicht benutzt. Ob ein Laden zum Arbeiten taugt, das sehe ich sofort. Und es macht auch viel mehr Spaß, das selber herauszufinden.

Auch beim Essen gebe ich nicht allzu viel auf so Bewertungs-Apps. Klar, für hippe neue Läden ist das super. Die stechen aber so heraus, die findet man auch alleine, wenn man mit offenen Augen durch die Straßen läuft. Und oft ist es gerade in kleinen,unscheinbaren Läden, in denen viele Einheimische sind, besonders gut. Da gehen dann aber viele nicht hin, da sie zu wenig Sterne bei Tripadvisor haben – schon klar. Die Einheimischen kümmern sich ja nicht um so was und sind wahrscheinlich noch froh, wenig Touristen um sich zu haben.

Internet: Am Endes des Kontitents – da haben die sicher kein Internet. Oder doch?

Vorstellung: Laut Recherchen hieß es, das Internet läuft überall besser als in Deutschland.

Realität: Das Internet ist überall anders und auf jeden Fall günstiger! Gerade hier in Portugal gibt es wahnsinnig gute Prepaid-Angebote. Aber die Erfahrung habe ich auch schon in Sri Lanka und Nicaragua gemacht, dass man LTE-Empfang hinterher geschmissen bekommt. Und man hat tatsächlich echt viel Empfang. Die einzige Sache, die manchmal eingreift ist die Natur. Hier in Portugal kann es oft so windig werden, dass selbst 4G und 4 Balken nichts bringen. Je nachdem wie der Wind steht, hat man Empfang – oder auch innerhalb von drei Sekunden nicht. Man kann auch nach drei Tagen vollem Empfang aufwachen und es steht kein Netz dran. Alles schon gehabt.

Tägliche Arbeitszeit: Sind sie festgesetzt oder je nach dem, was anfällt?

Vorstellung: Je nachdem was anfällt. „Oh mein Gott das klappt nie, ich sehe mich 24/7 arbeiten.“

Realität: Aktuell klappt es ganz gut. Ich bin zu 50 Prozent bei George P. Johnson als Grafikdesignerin angestellt, die Stunden werden flexibel auf die Projekte ausgelegt. Das heißt, ich arbeite ein bisschen wie in einer Selbstständigkeit, bis die Projekte vorbei sind. Das kann auch mal eine 40-Stunden-Woche sein oder halt auch einfach mal eine Woche gar nichts, da ich die Überstunden von der Woche vorher abfeiere. Bis jetzt funktioniert das Konzept so ganz gut.

Disziplin: Strand, Meer und Drinks – wie läuft es mit dem fokussierten Arbeiten?

Vorstellung: Nein, ich kann das.

Realität: Ja, ich kann das! Ich kann das wirklich ganz gut. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon mal selbstständig war oder ich einfach auch gerne arbeite. Ich liebe es, mir ein Arbeitsszenario zurecht zu legen und dann loszulegen. Ich nehme die ganzen Hintergrundgeräusche wenn dann nur positiv wahr – und sie sind wesentlich schöner als im Büro. Da gibt es einfach keine schlechte Laune, die sich im Raum breit machen kann und wie ein Floh von einem zum nächsten springt.

Wichtig ist, dass ich mir Raum und Zeit fürs Arbeiten nehme. Wenn ich weiß, ich muss arbeiten, dann versuche ich das nicht irgendwie reinzuschieben, sondern dann wird heute gearbeitet. Das ist dann wie: Heute mache ich einen Ausflug. Und ich weiß, je fokussierter ich arbeite, desto schneller bin ich fertig und kann das Drumherum genießen. Das Arbeiten bekommt eine andere Art von Leichtigkeit, die ich sehr vermisst habe. Arbeit kann Spaß machen!

Natürlich ist nicht alles eine bunte Glitzerphase. Auch hier gibt es Tage, an denen nichts läuft, an denen ich doofe Tätigkeiten machen muss, auf die ich keinen Bock habe. An der Arbeit selber ändert sich recht wenig – allerdings an der Art, damit umzugehen.

Alltag: Stellt sich ein Gefühl von Alltag ein?

Vorstellung: Bestimmt.

Realität: Ich warte noch darauf. Dadurch, dass ich selten länger als drei Tage auf einem Fleck bleibe, stellt sich der nicht ein. Selbst, wenn ich für zwei Tage woanders hinfahre und dann wieder zurück komme. Es stellt sich eher eine Routine ein, aber kein Alltag. Jeder Tag bringt neue Abenteuer mit sich und läuft nie gleich ab.

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