Wohnung in Stuttgart gesucht: Flirten könnt ihr auf Tinder!

Unsere Autorin ist auf Wohnungssuche. Eine neue Bude hat sie zwar noch nicht, dafür aber mehrere ungefragte Flirtanfragen von wildfremden Männern. Ziemlich unangemessen. Warum muss darüber eigentlich noch diskutiert werden?

Stuttgart – Ich suche eine neue Wohnung in Stuttgart – an dieser Stelle bitte den Zonk-Ton denken. Es ist sozusagen die Suche nach dem scheinbar Unmöglichen: Bezahlbarer Wohnraum und das nicht ganz am Arsch der Welt. Ich habe mit vielem gerechnet: Fliesen all over, 20 Quadratmeter für 700 Euro kalt, Innenbalkon und Toilette auf dem Flur. Was mich jedoch wirklich erwartete, waren überwiegend sexistische Anfragen und WhatsApp-Nachrichten.

Auf Wohnungssuche: Unmoralische Angebote

In den vergangenen sechs Jahren musste ich in Stuttgart bereits dreimal umziehen. Ich habe sie alle durch: WG-Gesucht, Immobilienscout, Facebook-Gruppen und Schwarze-Brett-Aushänge. Auch, wenn ich oft Glück hatte und über Freundes Freunde fündig wurde, ist eine Sache mindestens genau so sicher, wie weiße Hochglanzmöbel in bereits möblierten Appartements: völlig deplatzierte Anmachen von wildfremden Männern. Statt realistischer – oder unrealistischer – Wohnungsangebote, sendete man(n) mir Dickpics FSK 18, Jobanfragen als Escort-Dame, Einladungen auf einen Wein „zum locker machen“ und besondere Tauschgeschäfte, die auf einem „aber“ basieren.

Das Prinzip ist eigentlich immer dasselbe: Typ XY bietet eine „sehr attraktive, großräumige Altbauwohnung“ an, sündhaft teuer, ABER wenn man bereit ist Körper und Seele zu verkaufen, dann lässt sich darüber natürlich sprechen. Sex gegen bezahlbaren Wohnraum – auch das ist nichts Neues.

Das ist nicht unkonventionell, das ist unangemessen

Dieses Mal ist mir jedoch eine Masche begegnet, die ich vorher noch nicht kannte. Dank Empfehlungen aus dem Stuttgarter Buschfunk, bin ich die Wohnungssuche oldschool angegangen. Ich schaltete eine Anzeige, ganz klassisch eben. Für all diejenigen, die nicht wissen, wie solch ein Gesuch-Text aussieht, bitte sehr: Redakteurin, 24J., NR, k. HT sucht dringend eine 1,5 Zi.-Whg. – natürlich inklusive Kontaktdaten, also Mailadresse und Telefonnummer.

Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung, erreichten mich viele Anrufe und Mailboxnachrichten – teils seriös, teils sonderbar und mit viel Gehuste. Ungeschlagen bleibt jedoch die WhatsApp-Nachricht eines jungen Mannes, die mich nachts um 23 Uhr erreichte.

Ich fasse kurz zusammen: Er schrieb mir, dass ich, die liebe Unbekannte, ihm aufgefallen sei, weil er ja selbst auch auf Wohnungssuche ist und meine Anzeige in der Zeitung so sympathisch war. Deswegen wollte er mich etwas fragen. „Peinlich“ war es ihm ja schon, aber er traute sich trotzdem: „Falls du nicht nur auf der Wohnungssuche sein solltest, sondern ggf. auch Single bist, würde ich mich freuen dich kennenzulernen.“ Wieder einmal bestätigte sich: Traue niemals Menschen mit Landschaftsaufnahmen als Profilbild – außer es ist deine Mutter.

Er nannte diese Art von Kontaktaufnahme übrigens „unkonventionell“. Ich würde sie eher als unangemessen bezeichnen.

Darf ich das bitte selbst entscheiden?

Es war später Abend, ein wildfremder Mann hatte meine Handynummer aus der Zeitung in sein Handy getippt und mir geschrieben. Irgendwie fühlte sich das komisch an. Es war mir unangenehm.

Also nahm ich das Ganze einmal auseinander. „Sympathische Anzeige?“ Ähm, zur Erinnerung: „Redakteurin, 24 J., NR, k. HT sucht dringend eine 1,5 Zi.-Whg“ verriet nun nicht gerade viel über meine Person, außer wie alt ich bin und dass ich vermutlich alleine eine Wohnung suche – Single-Frau alert!

Die Behauptung, er wäre selbst auf Wohnungssuche, klang für mich eher nach einem Vorwand, um seine Kontaktaufnahme zu rechtfertigten. Denn die basierte ja eindeutig auf einer anderen Absicht. Dennoch wollte ich genau wissen, ob ich ihm unrecht tue. Übertreibe ich?

Nach weiteren Recherchen und dem Teilen meiner Gedanken mit anderen, stellte sich heraus: Überraschung, es ist eine Masche. Insgesamt meldeten sich sechs Frauen, die im Laufe des vergangenen Jahres eine Anzeige schalteten und die gleiche Nachricht von ihm erhielten. Mensch, sucht der echt noch immer nach einer Wohnung… ist in Stuttgart halt auch gar nicht so leicht, gell?

Unabhängig davon, was im Text stand und dass dieser weder derb, noch anstößig war, geht es doch um die Sache an sich. Wenn dieser Mann eine Partnerin sucht, hat er dazu verschiedene Möglichkeiten: Partnerbörsen, Kontaktanzeigen, Tinder. Im richtigen Kontext wäre das nämlich völlig normal.

Dennoch scheint es für viele nicht gerechtfertigt zu sein, dass ich mich – wie viele der anderen auch – in meiner Situation unwohl gefühlt habe, „immerhin ist er nett“, „so schlimm ist das jetzt nicht“, „was ist dir daran unangenehm?“ Entschuldigt, aber darf ich das bitte für mich selbst entscheiden?

#Metoo und nichts gelernt

Natürlich stellt sich immer die Frage: Was darf eigentlich alles öffentlich preisgegeben werden? Das gilt auch für die Wohnungssuche. Nennt mich naiv, weil ich meine realen Kontaktdaten herausgegeben habe, vielleicht bin ich aber auch einfach nur dringend auf der Wohnungssuche und möchte die Kontaktaufnahme durch Chiffre-Anzeigen nicht unnötig verkomplizieren.

Denn was steht in Gesuchen eigentlich so geschrieben? Richtig, vor allem, dass eine WG oder Wohnung gesucht wird. War die Message denn wirklich so missverständlich ausgedrückt? Nein. Aber das Bullshit-Risiko muss trotzdem einkalkuliert werden. Und das ist doch der eigentliche Diskussionspunkt.

Nicht ich muss mich dafür rechtfertigen, dass es mir unangenehm war. Viel eher sollte hinterfragt werden, warum mein Unwohlsein klein geredet und solche Anfragen als „normal“ abgetan werden. Sind sie nicht, werden sie aber bleiben. Zumindest so lange, wie es noch Menschen gibt, deren einzige Reaktion auf die #metoo-Debatte ein „nicht mal mehr flirten darf man“ in der Facebook-Kommentarspalte ist.

Update: Die Anzeige hat dennoch etwas gebracht, ich bin fündig geworden. Es gibt nämlich auch noch anständige Menschen da draußen.

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