Wohnheim-Storys: Studentenleben in Zeiten von Corona

Tote Hose statt brennende Hütte: Unsere Autorin ist gerade in ein Studentenwohnheim an der Uni Vaihingen gezogen. Das Coronavirus hat das Unigelände leergefegt, das Studentenleben ist nicht mehr dasselbe. Für uns hat sie aufgeschrieben, was sich verändert hat – und weshalb sie trotzdem gerade nirgendwo anders wohnen möchte.

Stuttgart – Mittwochmorgen: Mit meinem überfüllten und deswegen ganz schön schweren Koffer rolle ich von der S-Bahn-Station Universität zu meinem neuen Zimmer im Studentenwohnheim. Meine Fakultät befindet sich zwar nicht in Vaihingen, trotzdem kenne ich mich hier – unzähliger Studentenpartys sei Dank – bestens aus. Das verrät schon einiges darüber, wie es hier normalerweise zugeht, finde ich. Von der allgemeinen guten Laune, wie man sie sonst so kennt, ist gerade aber leider nicht mehr viel übrig und das liegt nicht nur an den grauen Wolken, die sich gerade regelmäßig vor die Sonne schieben. Feeling und Wetteraussichten: It’s a match!

Vereinzelte Studenten, keine Partys

Vor 3,5 Jahren fürs Studium nach Stuttgart gezogen, war ich noch nie so lange an einem Stück nicht hier – diesmal: coronabedingt und deswegen ziemlich unfreiwillig. Vorfreude und Aufregung überwiegen also vorerst. Dort angekommen ist es dann aber doch ein bisschen traurig, leer und verlassen – fast schon wie ausgestorben. So, als wäre man abgeschieden von der Welt, isoliert vom Stadtgeschehen, vom meist schon wieder munteren Gewusel im Zentrum, wo man, wüsste man es nicht besser, manchmal meinen könnte, es wäre alles okay, als würde gerade nicht ein Virus unser Leben bestimmen.

Ein paar vereinzelte Studenten laufen mir entgegen, Zweier-Teams haben sich verbündet und sitzen an dem kleinen See, nippen gelangweilt an ihrer Flasche, manche haben sich viel zu erzählen, andere eher weniger. Eine Familie spaziert über den Campus. Die Kinder übertönen die Geräuschkulisse, aber viel gibt es da eigentlich eh nicht zu übertönen. Von feiernden Studenten keine Spur – entweder ist hier wirklich nix los oder die Übriggebliebenen, die nicht nach Hause zu ihren Eltern gefahren sind, schlafen noch ihren Rausch aus. Dank Online-Vorlesungen muss man ja nicht einmal mehr das Haus verlassen. Schon jetzt vermisse ich das alte Studentenleben.

Campus Vaihingen

Mehr Stillstand als Bewegung

Zu meiner Entscheidung auf den Campus zu ziehen beigetragen hat auch die Tatsache, dass hier immer etwas los ist. Die guten Aussichten auf den Sommer, den man hier mit eigener Strandbar und Wohnheimfesten en masse ganz wunderbar und als Student vermutlich nirgendwo besser verbringen kann, haben mich hier hoch gebracht. Ein Sommer, auf den ich mich schon seit letzten Herbst freue. Enttäuscht, wird mir erst jetzt so richtig bewusst, dass es diesen Sommer so nicht geben wird – er fällt quasi aus.

Nichts hier erinnert an diese vergangenen Sommernächte und Studentenpartys, die den gesamten Campus regelmäßig aufgemischt haben. Keine Spur von grölenden Grüppchen mit Bierfahne auf dem Weg in einen der vielen Innenhöfe, in die man einfach so hineinspaziert und schon mitten auf der improvisierten Tanzfläche steht – ohne überteuerte Eintrittspreise, trotzdem mit DJ und, wenn ihr mich fragt, schwer zu übertreffen. Ganz zwanglos direkt nach der Uni auf ein Bier oder mehr. Jetzt nur noch Bier im kleinen Supermarkt um die Ecke.

Ich verpasse nichts, weil es nichts zu verpassen gibt 

„Als wir das letzte Mal hier saßen, war der ganze Innenhof voll mit Menschen – kann ich mir so gar nicht mehr vorstellen“, sagt meine Freundin, als sie mich besucht. Laute, verstreute Menschenhaufen überall – immer in Bewegung, wohin auch immer: Auf dem Weg in die nächste Vorlesung, nach Hause oder zur nächsten Sause.

Jetzt: Eher Stillstand, gekippte Stimmung, die hier irgendwie nicht her passt und fremd wirkt. Es gibt aber auch Tröstliches: Niemand ist allein, ich bin hier mit Gleichgesinnten, Verbündeten, Leidensgenossen, denen es nicht anders geht. Ich verpasse nichts, weil es nichts zu verpassen gibt.

Irgendwo spielt immer jemand Bierpong

Veränderungen dieser Art lassen einen gerne mal nostalgisch in Erinnerungen schwelgen. Und trotzdem: Irgendwo spielt immer jemand Bierpong, irgendwo wird immer gegrillt oder ein Bierchen gezischt – jetzt eben mit Abstand oder innerhalb von einer oder zwei Wohngemeinschaften. An guten Tagen hört man laute Musik oder wildes Durcheinanderreden. Ab und an kommt es sogar vor, dass man von einem nächtlichen herumkrakeelen geweckt wird, was fast schon ein bisschen beruhigend ist. Bei schönem Wetter, kann man auf den nahegelegenen Wiesen, im Innenhof oder auf dem Balkon (wenn man denn einen hat) herumlungern. Möglichkeiten sind immer noch da – eben von allem ein bisschen weniger.

„Was für ein Pech, dass du gerade jetzt hier eingezogen bist“ höre ich immer wieder. Vielleicht ist es aber auch ein glücklicher Zufall, denke ich mir irgendwann. Hier ist es nämlich, trotz Krise, wahrscheinlich immer noch ein bisschen weniger einsam als woanders. Weil trotzdem immer ein bisschen was los ist – nicht vergleichbar, aber vergleichen ist ja sowieso meistens keine gute Idee. Weil man trotzdem anderen über den Weg läuft und sich gegenseitig mitleidige Blicke oder ein Lächeln zuwerfen kann. Ein bisschen das Gute im weniger Guten sehen kann in Zeiten wie diesen ja nicht schaden.

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