Wo fühle ich mich eigentlich gerade zu Hause?

Viele Studierende stehen derzeit vor der schwierigen Frage, wo in Zeiten der Ausgangsbeschränkung ihr Zuhause ist: in der eigenen WG, beim Freund oder der Freundin, bei den Eltern? Unsere Autorin erlebt ähnliches – und hat sich jetzt entschieden.

Stuttgart – Mein Freund und ich sind beide Anfang 20. In Stuttgart leben wir in WGs. Ich in einer Dreier-WG im Westen, er mit seinem ehemaligen Kommilitonen ein bisschen weiter außerhalb. Wir mögen unsere WGs und vor allem unsere Mitbewohner. Aber als wegen des Coronavirus eine Ausgangsbeschränkung drohte und wir für Wochen in unseren WGs festsitzen würden, machte sich ein mulmiges Gefühl bei uns breit.

In welchem Zuhause möchte ich gerade sein?

Normalerweise sehen wir uns jeden zweiten Tag. Einen Tag sind wir bei ihm, den nächsten Tag bei mir. So hat jeder seine Zeit in seiner WG, wir haben aber auch genügend Zeit füreinander. Falls eine Ausgangssperre kommen würde, würde das nicht gehen. Wir könnten nicht jeden Tag unser WG-Hopping fortführen. Laut Ministerpräsident Winfried Kretschmann sollte man seine sozialen Kontakte ja schließlich auf das Nötigste minimieren.

Das Problem: meine Mitbewohner machen genau dasselbe. Der Freund meiner Mitbewohnerin wohnt in einer Achter-WG. Ein Tag bei uns, ein Tag bei ihnen. Das geht nicht. Deshalb war schnell klar: bei mir können wir keine zwei Wochen bleiben. Dazu kommt, dass wir kein Wohnzimmer in der WG haben – wir würden also buchstäblich 24 Stunden am Tag in meinem Zimmer verbringen.

Keiner weiß, wann wir uns wieder sehen

Das gleiche dachten sich auch meine Mitbewohnerin und mein Mitbewohner, auch sie entschieden sich gegen unsere WG. Als wir uns voneinander verabschiedeten war das komisch. Keiner wusste, wann man sich das nächste Mal sieht. Die leere Wohnung und die Ungewissheit verstärkten das mulmige Gefühl.

Nach drei Tagen in der Wohnung meines Freundes, telefonierte ich mit meiner Mutter. „Kommt doch zu uns nach Hause“, sagte sie. Ehrlich gesagt hatten mein Freund und ich schon darüber nachgedacht. Doch meine Eltern leben in Bayern, die Familie meines Freundes in Berlin. Einfach zur Familie zu gehen, das ist bei uns nicht so einfach.

Man sollte dort hingehen, wo einen das Gefühl hintreibt.

Denn wer ist eigentlich die Familie? Wir haben nicht nur eine – gerade haben wir vier: unsere WGs, Mamas und Papas in verschiedenen Bundesländern einmal quer über Deutschland verteilt, und dann haben wir auch noch uns. Wie entscheidet man sich da, wohin man geht? „Man sollte dort hingehen, wo einen das Gefühl hintreibt. Ein Richtig oder Falsch gibt es in diesen Momenten nicht“, erklärt Psychologe Markus Wagner. „Der Mensch ist aber auch ein Gewohnheitstier. Gerade in solchen unbekannten Situationen möchte er gerne alte und gewohnte Zustände zurückführen. Gewohnte Zustände und Umgebungen vermitteln ein Gefühl von Sicherheit“, sagt Wagner. Das erklärt also, warum ich mit dem Gedanken spiele zurück nach Bayern zu gehen.

Als es dann Wochenende wird und auch mein Freund in den Urlaub geschickt wurde, packen wir unsere Taschen und fahren zu meinen Eltern. Erst einmal für das anstehende Wochenende. Das Wetter soll gut werden. Wir wollen grillen und ein bisschen Normalität wahren.

In Krisensituationen vertraut man auf die Eltern

Doof kommen wir uns schon ein wenig vor. Wir beide sind vor mehr als vier Jahren von zu Hause ausgezogen. Jetzt zurück ins Nest der Eltern zu flüchten fühlt sich gut, aber auch komisch an – rational können sie uns schließlich auch nicht helfen. „Die Eltern können Sicherheit vermitteln. Sie haben eine Fürsorgefunktion und aus der Sicht der Kinder schon früher unbekannte Situationen gemeistert“, erklärt der Psychologe.

Besonders in solch einer Krisensituation, die mit einem Gefühl des Kontrollverlustes und großer Unsicherheit verbunden ist, vertraue man auf die Eltern. „Man sucht nach einer sicheren Bindung, vor allem in unsicheren Krisensituationen. Wichtig ist aber auch, wie stark man sonst ins Familienleben eingebunden ist und wie gut das Verhältnis zu den Eltern ist“, so der Psychologe.

Das Elternhaus bietet mehr Platz

Meine Familie, mein Freund und ich verstehen uns alle gut. Unser Gefühl hat uns nun erst einmal auf die Terrasse meiner Eltern getrieben, das komische Unbehagen im Bauch bleibt. Als ich mit einigen meiner Freunde telefoniere, erzählen sie mir Ähnliches. Viele sind nach Hause gefahren. Einige sind aber auch in ihren WGs geblieben. Ob das nun richtig war oder nicht, das weiß keiner so recht.

Bei den meisten war allerdings nicht nur der Wunsch nach der elterlichen Fürsorge der Grund für die Rückkehr in die Heimat, sondern vor allem der Garten und der viele Platz, den unsere Eltern in ihren Familiennestern haben. In unseren Großstadt-WGs leben wir auf engstem Raum ohne Möglichkeiten für ein bisschen Freiraum. Der Gedanke, vierzehn Tage mit meinen Eltern eingesperrt zu sein, aber diese in einer kuscheligen Decke eingemummelt im Garten auf der Liege zu verbringen, lässt uns erst einmal hierbleiben.

Falls wir dann doch genug von meinen Eltern haben, können wir immer noch zu meinem Freund. Dessen Wohnung ist nun nämlich auch leer. Sein Mitbewohner hat es uns gleich getan und ist nach Dresden zu seinen Eltern gefahren.

Titelfoto: Unsplash/Bruno Cervera

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