Wildtierverbot: Braucht der Zirkus noch Tiere?

Von diesem Winter an verzichtet der Weltweihnachtszirkus in Stuttgart auf Wildtiere. Unsere Autorin Lea findet das gut. Der Zirkus muss sich mit den Werten unserer Gesellschaft weiterentwickeln.

Stuttgart – Der Weltweihnachtscircus in Stuttgart verzichtet von diesem Jahr an auf Wildtiere in seinen Shows. Große Nummern mit Löwen, Tigern, Kamelen und Zebras wird das Publikum auf dem Cannstatter Wasen dieses Weihnachten nicht sehen. Dafür hat Produzent Henk van der Meijden nun Pferde zur Hauptattraktion gemacht. Höchste Zeit, sich einmal zu fragen: Braucht man überhaupt noch Tiere im Zirkus?

Zwei Drittel der Zirkusse kommen ohne Tiere aus

Insgesamt 430 Zirkusbetriebe gab es im Jahr 2012 in Deutschland, 141 davon hielten Wildtiere. Das geht aus einer kleinen Anfrage der Grünen an die Bundesregierung hervor. Aktuellere Zahlen wurden seitdem nicht erhoben. Laut der Anfrage lebten im Jahr der Erhebung insgesamt 1400 Tiere in Zirkusbetrieben, darunter 900 Wildtiere. Die meisten waren Großkatzen, 148 um genau zu sein, außerdem 82 Elefanten, 29 Affen, 15 Robben, neun Großbären, vier Giraffen, vier Nashörner und drei Flusspferde.

Unterm Strich setzen also nicht einmal ein Drittel aller Zirkusse in Deutschland auf wilde Tiere in der Manege. Die übrigen zwei Drittel scheinen trotzdem ganz gut klarzukommen, sonst gäbe es in Deutschland ja nicht so viele von ihnen. Ein gutes Beispiel dafür, dass es auch ohne Tiere geht, ist der Circus Flic Flac. Seit jeher verzichtet Flic Flac auf Tierdressuren und setzt stattdessen auf technisch aufwendige Shows und außergewöhnliche Akrobatik. Aus rein wirtschaftlicher Sicht braucht also kein Zirkus zu sagen, dass er auf wilde Tiere nicht verzichten könne. Es geht – man muss es nur wollen.

Jeder nicht artgerechte Haltung ist eine zu viel

Der Streit darüber, ob wilde Tiere etwas in der Manege verloren haben oder nicht, ob sie darunter leiden oder nicht, er ist fast so alt wie der Zirkus selbst. Zirkusbetreiber und Tierschützer stehen sich seit Jahrzehnten unversöhnlich gegenüber, oft mit überzogenen Anschuldigungen auf beiden Seiten. Fakt ist – das steht ebenfalls in der Antwort der Bundesregierung – bei 895 bundesweiten Kontrollen im Jahr 2012 registrierte man 409 Verstöße gegen die Anforderungen an die Haltung der Tiere. Das ist fast die Hälfte aller Fälle. 409 Verstöße, die vermeidbar wären.

Die Faszination machen andere Dinge aus

Warum gehen wir heute noch in den Zirkus? Was macht die Faszination aus in Zeiten, in denen Akrobatikkunst die Beilage so ziemlich jeder größeren Fernsehshow und jedes größeren Live-Konzerts ist, in denen Zauberer wie die Ehrlich Brothers mit ihrer ganz eigenen Show durch die Welt touren und wir uns die spektakulärsten Zirkusvorstellungen aus aller Welt auf YouTube anschauen können?

Für viele sind es Kindheitserinnerungen, die in der Manege wach werden, an früher, als man mit Mama und Papa dieses damals überdimensional riesig wirkende Zelt betrat und man von der Welt des Glitzers und der Zauberei in Empfang genommen wurde. Andere sind auch als Erwachsene noch fasziniert von dem Zusammenspiel aus Musik, Licht, Ambiente, Akrobatik, Zauberei, und ja, irgendwo dann auch die Tiere. Aber mal ehrlich: Gibt es ernsthaft jemanden, der sagt: „Ich gehe in den Zirkus, um Tiere zu sehen, die im Kreis hoppeln“? Wenn ja, bitte melden. Ich kenne niemanden.

Zirkus muss sich weiterentwickeln

Zu verdanken haben wir den Umstand, dass der Weltweihnachtszirkus auf Wildtiere verzichtet, übrigens dem Stuttgarter Gemeinderat. Der hat im vergangenen Jahr ein Verbot von Wildtieren bei Zirkusgastspielen auf dem Cannstatter Wasen beschlossen. Stuttgart reiht sich damit in eine schon ziemlich lange Liste an Kommunen ein, die keine angeketteten Tiere mehr auf ihren Plätzen sehen möchten.

Das ist keine Diskriminierung der Zirkusbetriebe, auch kein Komplott von Tierschützern oder Zirkushassern, sondern einfach nur der Beweis dafür, dass sich unsere Gesellschaft und ihre Werte weiterentwickeln. Unterhaltung auf Kosten des Tierwohls ist einfach nicht 2018.

Pferde besser als Löwen?

Schade nur, dass der Weltweihnachtszirkus das Verbot zwar umsetzt, dafür aber im wahrsten Sinne des Wortes auf Pferde umsattelt. Bei den Vollblütern scheint man es da nicht so eng zu sehen, die sind ja auch gar nicht so wild und so frei und so exotisch wie Löwen oder Tiger. Ob es ihnen deshalb weniger ausmacht, im Kreis durch die enge Manege galoppieren, während sich drei Akrobaten an ihrem Hals festklammern und die Musik ihnen in den Ohren dröhnt? Fraglich.

Titelfoto: Lichtgut/Max Kovalenko

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