Wie viele To-do-Listen kann ein Mensch ertragen?

To-do-Listen sind das moderne Kräfte-Battle der Selbstoptimierten: Mein Haus, mein Auto, meine To-do-Listen. Als hätten wir nicht schon genügend davon, gibt es ja auch noch diese vermeintlich guten Vorsätze. Und während wir nach außen hin möglichst selbstreflektiert rüberkommen wollen, ertrinken wir dabei im Listenmeer.

Stuttgart – Mit den To-do-Listen ist es wie mit der Interessiert-Funktion auf Facebook: Theoretisch nimmt man sich viel vor, fürs gute Feeling. Und in der Praxis scheitert es meist an der Umsetzung. Mal ehrlich, wie viele eurer guten Vorsätze aus dem vergangenen Jahr habt ihr umgesetzt? Keine? Das ist gar nicht mal so überraschend. Denn während wir immer mehr Listen in hübsche Bullet Journals oder die iPhone-Notizen schreiben, hängen unsere Vorsatz-Altlasten über uns wie der Feinstaub über Stuttgart.

Wir sammeln To-do-Listen wie Payback Punkte an der Rewe Kasse

Wir sammeln Listen wie Payback Punkte an der Rewe Kasse. Egal wie viel wir auch abhaken, sie scheinen nie enden zu wollen. Ist es die Zeit, an der es uns mangelt? Job, Freunde, Familie, lustige Katzenvideos, Netflix – wann soll man denn da noch To-dos abarbeiten. Oder gehören Listen heutzutage einfach zum Bild der stets engagierten-an-sich-selbst-arbeitenden Supermenschen (auf Instagram)?

Immerhin ist es auch leichter, sich lediglich mit ambitionierten Listen zu schmücken, statt die einzelnen Punkte überzeugt anzugehen. Sonst müsste man sich am Ende ja noch eingestehen, am Versuch gescheitert zu sein. Ha! Und da haben wir unsere eigentlichen Problemkinder: Nämlich das Ego und unsere Erwartungen. Feind, du bist umzingelt!

Geduld, weniger Listen, mehr Häkchen

Auch wenn der Trend mittlerweile gegen Vorsätze spricht: Der nicht enden wollende Wunsch nach Selbstoptimierung verfolgt uns auch 2019 in Form von Listen und Stichpunkten. Versteht mich nicht falsch: Das Konzept der Vorsätze und die damit verbundene Selbstreflexion ist definitiv wichtig, doch nicht nur zum Ende und Anfang eines Jahres. Denn wer am 1.1. morgens (oder mittags) aufwacht, fühlt sich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nicht etwa wie neugeboren, sondern fies verkatert.

Wir leben in Zeitfenstern, stecken uns zu viele Ziele, überfordern uns selbst und können dem ewigen Konjunktiv irgendwann nicht mehr entfliehen. Vielleicht ist es manchmal auch okay, nicht alles zu wollen und das dafür umso mehr. Es geht nicht etwa um Prestige oder darum, die Ideale anderer zu erreichen, sondern um Überzeugung. Plastikfrei leben, Nachhaltigkeit oder das Ende der Nikotinsucht – das alles müssen keine schnell messbaren Erfolgsquotienten sein. Wer Veränderung will, muss etwas verändern, vom Konjunktiv in den Imperativ wechseln. Dafür wünsche ich uns Geduld, weniger Listen und am Ende mehr Häkchen.

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