Wie ich Mut hatte und auf der Tincon sprach

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal erzählt sie von einem Ausflug nach Berlin, als sie auf der Tincon sprach.

Berlin – Ich komme an einem Sonntag in der Hauptstadt an und treffe bei einer Freundin in der Wohnung ein. Ein paar Wochen zuvor schrieb ich Mails mit den Organisatoren der Tincon. Die Tincon ist eine (kostenlose) Konferenz für Jugendliche im Alter von 13 – 21 Jahren zum Thema Medien und Gesellschaft und fand dieses Jahr in Berlin auf der republica statt. Ich bereite meinen Talk vor und bin nervös.

Ehrlichkeit und Mut

Es ist nicht das erste Mal, dass ich vor Menschen spreche. Allerdings noch nie vor einem so jungen Publikum. Mein Panel trägt den Titel „#letstalkaboutmentalhealth: Mental Health und Social Media“ und eigentlich weiß ich ja, worüber ich spreche. Zwei Tage nach meiner Ankunft trete ich also auf die Bühne und versuche mein Herzensthema an junge Menschen zu bringen. Vor mir sitzen mehr Leute, als ich erwartet hatte und ich freue mich darüber. Mein Bauch wird warm und plötzlich fühle ich mich sehr wohl. Das Publikum ist aufmerksam und nach meinem Talk gebe ich Interviews für diverse Journalisten. Zum ersten Mal fühle ich mich, als ob das Thema psychische Gesundheit in der nächsten Generation wirklich angekommen ist. Ich spreche mit den jungen Menschen und mir wird schnell klar, dass diese ein völlig anderes Verständnis und Sensibilität für psychische Erkrankungen entwickeln, als das in meiner Jugend der Fall war. Ich bin erleichtert.

Eine neue Generation von mutigen, jungen Menschen

Nach meinem Talk erkunde ich das Gelände und höre mir die verschiedenen Beiträge an. Ich treffe alte Bekannte und neue Freunde und freue mich über die Selbstverständlichkeit, ja sogar Dringlichkeit, meiner Thematik, die alle interessiert mit denen ich darüber spreche.

Es ist 2019. Es ist Zeit, psychische Gesundheit zu einer Priorität zu machen. Es ist Zeit, darüber zu sprechen. Aber bei all den intelligenten, interessierten und mutigen Jugendlichen bin ich zuversichtlich und optimistisch. Ich hoffe, dass wir uns in fünf Jahren wieder treffen und uns verwundert darüber unterhalten werden, wie absurd es damals war, als psychische Erkrankungen noch ein Tabuthema waren. Ich fahre mit ganz viel Wärme im Herzen nach Hause und reflektiere den eigenen Mut, den ich gesammelt habe. Vor Menschen sprechen wird leichter, je öfter man es macht. Und mein eigener Enthusiasmus treibt mich selbst voran und fordert mich solche Möglichkeiten auch anzunehmen. Zwar mit Angst vor dem Unbekannten, aber auch mit ganz viel Mut im Bauch.

Titelbild: Alice Plati/TINCON

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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