Wie ich Angela Merkel zur Suizidprävention befragte

Im Rahmen eines Bürgerdialogs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten die Bewohner in Bremerhaven und Umland die Chance der Kanzlerin Fragen zu stellen, die sie beschäftigen. Von knapp 200 Bewerbungen durften 60 Bewerber teilnehmen und Frau Merkel ganz nahe kommen. Unsere #letstalkaboutmentalhealth-Kolumnistin war eine davon.

Bremerhaven – Am 18. März hatten 60 Gäste 95 Minuten Zeit, der Bundeskanzlerin ganz persönliche Fragen zu stellen. Wie es dazu kam? Im Rahmen eines Bürgerdialogs reist Angela Merkel in verschiedene Städte der Bundesrepublik und ermöglicht die direkte Konversation zwischen Regierung und Bürgern. Organisiert von der IHK, der Nordseezeitung und der Hochschule Bremerhaven traf sich ein bunt gemischtes Publikum mit einem breiten Spektrum an Fragen im Fischereibahnhof in Bremerhaven. Unsere Autorin war auch dabei.

Über das Klima, Europa und Bildung

Während dem 95-Minuten-Dialog konnte Frau Merkel 22 Antworten geben. Dass die Zeit oft nicht für alle Fragen ausreicht, haben schon vorherige Bürgerdialoge gezeigt. Umso spannender war die Chance, die ich bekam. Nach 35 Minuten wendete sich der Moderator an mich und ich bekam ein Mikrofon. Geblendet von den Scheinwerfern, nervös wegen den Kameras und mit allen Blicken auf mich gerichtet, sprach ich mein Anliegen an. Nachdem es um Klima, Europa und Sozialreformen ging und ich gespannt Frau Merkels Antworten lauschte, war mein Kopf plötzlich leer und meine penibel zurechtgelegte Frage aus meinem Gedächtnis gelöscht.

Die Kanzlerin lächelte mich an

Aufmunternd sah mich die Kanzlerin an und ich erklärte, dass jährlich knapp 10.000 Menschen durch Suizid sterben. Bei 95 Prozent davon ging eine psychische Störung voraus. Die Regierung leistet kaum Aufklärungsarbeit und auch die Gesundheitspolitik widmet sich nicht ausreichend diesem gravierenden Problem. Ich fragte sie direkt, wie sie zu dieser Politik stehe und was vorgesehen ist, um diesem Problem entgegenzuwirken.

Die Antwort – schwammig

Die Kanzlerin antwortete gewohnt politisch uneindeutig. Schnell spannte sie den Bogen zum Gesundheitssystem, zur Wichtigkeit der Digitalisierung in diesem Bereich, Krebspatienten und Behinderten. Ich bin unzufrieden mit ihrer Antwort. Meine Frage bezog sich direkt auf die jährliche Anzahl der Suizide in Deutschland und sie wich diesem Fakt aus. Während ihrer Antwort ermutigte sie mich mein Anliegen nochmals schriftlich zu verfassen und ihrem Team direkt zukommen zu lassen. Ich hielt das für eine Floskel, doch im Anschluss zum Gespräch kam Frau Merkels Beraterin auf mich zu und gab mir ihre Visitenkarte.

Der Dialog endete pünktlich nach 95 Minuten, im Anschluss gab es Fisch und alkoholfreies Bier. Der Druck fiel von allen Teilnehmern ab und die Stimmung entspannte sich. Viele waren enttäuscht, dass sie nicht die Chance hatten ihre Fragen zu stellen, die anderen perplex über die Erfahrung mit der Kanzlerin. Am Ende des Abends bin ich mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Zwar war die Antwort der Kanzlerin unbefriedigend, jedoch erwartete ich auch nicht, dass sie zu jedem Thema eine konkrete Antwort geben kann. Die Geste ihrer Beraterin ließ mich gewertschätzt und gehört zurück – und ich sehe darin eine gute Chance, die dramatische Wichtigkeit der Thematik von psychischer Gesundheit in die höheren Regierungsebenen zu bringen.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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