Wie drei Stuttgarter mit Cider für Artenvielfalt sorgen

Sommer in Stuttgart schreit – na klar – nach Erfrischungsgetränken. Wir haben mit den Machern der Cider-Marke Pica Pica darüber gesprochen, warum sie mehr wollen, als nur hip zu sein und erfahren, dass es tatsächlich so etwas wie einen deutschen Regenwald gibt.

Stuttgart – Ein lauer Sommerabend im Juni. Auf dem Marienplatz ist es voll wie immer, Philipp und Jana machen es sich auf dem warmen Asphalt gemütlich. Die beiden haben gemeinsam mit Michael, dem drittem im Bunde, die Cider-Marke Pica Pica ins Leben gerufen. Philipp zieht aus seiner Jutetasche eine Flasche Cider nach der anderen. Er baut sie zu einer Art Mini-Cider-Tasting auf. „Wir dachten uns, du willst bestimmt mal probieren“, sagt er und lacht. Getestet wird Apfel-Johannisbeere und Quitte, zwei der vier Cider-Sorten, die Pica Pica im Sortiment hat, während Jana und Philipp ihre Geschichte erzählen.

Besser als Omas Most

Kennengelernt haben sich die drei Cider-Liebhaber beim Bachelor-Studium in Konstanz. Philipp hat Architektur, Jana Kommunikationsdesign und Michael Bauingenieurwesen studiert. Heute leben und arbeiten alle bis auf Michael in Stuttgart, der ist im schönen Saarland geblieben. „Die Idee zum Cider kam mir als ich in Australien und Neuseeland rumgereist bin“, erzählt Philipp. Der 30-Jährige ist in Saarbrücken aufgewachsen und hatte schon damals immer gemeinsam mit seiner Oma Apfelviez (saarländisch für Apfelmost) in einer typischen alten Saftpresse aus Metall hergestellt. „Der hat aber nicht ganz so gut geschmeckt, wie der in Australien“, sagt Philipp lachend. Deswegen kam ihm der Gedanke: Warum nicht einfach heimischen Apfel-Cider herstellen, der besser schmeckt als Omas Most?

Projekt Concept-Cider

Gesagt getan: 2015 begannen die drei mit ihrem Experiment. Die erste Abfüllanlage bauten Michael und Philipp im Alleingang und freuten sich riesig über den Output von mickrigen zwei Flaschen. Heute stemmen die drei Pica Pica immer noch alleine – und nebenberuflich. Unterstützung bekommen sie von Apfelbauer Wolfgang und der Weinabfüllerei ihres Vertrauens. Hier findet der Cider kaltgepresst seinen Weg in die Flaschen, deren Etiketten von der Stuttgarter Künstlerin Olena Zhuravytska mit viel Herzblut geschaffen wurden. Der Begriff Concept-Cider beschreibe eigentlich ganz gut, was die drei mit ihrem Produkt erreichen wollen, sagt Philipp. Nämlich, etwas Cooles zu schaffen, das gleichzeitig für Nachhaltigkeit steht und eine vergessene Kultur wieder zum Leben erweckt.

Cider als Retter der Streuobstwiesen

Mit der Cider-Herstellung schlagen die drei gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.Sie kümmern sich um Streuobstwiesen im Saarland und sorgen dafür, dass die Artenvielfalt dort auch in Zukunft erhalten bleibt. „Die alten Menschen, denen diese Wiesen gehören, können sich kaum noch um die Bäume kümmern“, erklärt Jana. Deswegen übernimmt Pica Pica sozusagen eine Streuobstwiesen-Patenschaft. Im Frühling beschneiden sie die Bäume, im Oktober ziehen sie mit Freunden zur Ernte los. Danach kümmert sich der Apfelbauer Wolfgang um die Herstellung des Apfelweins, der insgesamt sechs Monate gären muss. „Im April ist der Cider dann fertig und jede unserer vier Sorten kann mit der individuellen Geheimzutat versehen werden“, sagt Philipp. Aromen oder Konzentrate haben im Cider der drei jedoch nichts zu suchen.

Den deutschen Regenwald erhalten

Nach der Frage, ob er glaube es sei Trend, ein vergessenes Produkt wieder zum Leben zu erwecken, überlegt er kurz. „Ja, ich denke wir haben die Welt ein bisschen zu sehr aufgedreht, überdreht. Da tut so ein wenig Rückbesinnung ganz gut.“ Die Streuobstwiesen seien Kulturlandschaften, quasi eine Art deutscher Regenwald, den man um jeden Preis erhalten müsse. Durch die Folgen des Klimawandels wie Trockenheit oder extremer Mistelbefall seien die Bestände der jahrhundertealten Baumsorten gefährdet. Deswegen müsse sich um die Bäume einfach jemand kümmern. Wenn dann im Gegenzug noch ein gutes Produkt herauskommt, dann hat da ja jeder was davon, sind sich die beiden einig. Auch im Kessel planen sie in naher Zukunft Streuobstwiesen-Projekte, denn auch hier gibt es viele „Stückle“, um die sich keiner mehr kümmert.

Herzensprojekt durch und durch

Jana, Philipp und Michael hoffen, dass ihr Herzensprojekt langfristig von einer Art Gemeinschaft getragen werden kann. „Dass wir etwas erschaffen, das irgendwann jemand weiterführt“, sagt Philipp. „Es soll sich selbst tragen“, ergänzt Jana. Die 28-Jährige nippt an ihrer Flasche Apfel-Birne-Cider (ihre Lieblingssorte) und denkt nach. „Ich meine: Wir lieben alle auch unsere normalen Jobs, wir machen das nebenher und das wird wahrscheinlich auch fürs Erste so bleiben.“

Im Moment wollen sie, dass Pica Pica in der Stuttgarter Gastroszene noch bekannter wird. Dafür liefern sie (teilweise sogar selbst mit dem Fahrrad) an verschieden Locations im Kessel aus. „Deswegen lieben wir Stuttgart: Weil die Gastronomie so offen ist für Neues“, sagt Philipp. Hat man nach fünf Jahren Cider-Tasting nicht irgendwann einmal die Nase voll von Most, Viez und Cider aller Art? Er lacht und öffnet seine dritte Flasche an diesem Abend – wahrscheinlich ist das Antwort genug.

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Titelbild: Pica Pica

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