Wichteln: Wir sollten es einfach lassen!

Es gibt Weihnachtstraditionen, die sind wirklich schön. Das Wichteln gehört nicht dazu. Unsere Autorin rechnet mit dem Irrsinn ab, der jedes Jahr gleich schrecklich abläuft. Eine Chronologie.

Stuttgart – Ach Kinder, Weihnachten könnte so eine schöne Zeit sein. Friedlich, besinnlich, ruhig… Aber leider hat jemand das Wichteln erfunden. Ein ebenso irrer wie sinnbefreiter Geschenketausch, der wohl direkt aus der Hölle kommt, um Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder gleichermaßen unter dem Deckmantel der Nächstenliebe in den Wahnsinn zu treiben.

Wie bei so vielem im Leben gibt es zwei Kategorien von Menschen: Wichtel-Fanatiker, die man synonym auch Sadisten nennen könnte, und eben die anderen. Blöd nur, dass die anderen im Wichtel-Universum grundsätzlich keine Meinung haben dürfen. Und so kommt es, wie es kommen muss, der Herbst neigt sich dem Ende zu, und irgendwann, wenn man nicht damit rechnet, kriechen die Wichtel-Fanatiker aus ihren Löchern.

Was dann passiert, folgt einem von Satan selbst festgeschriebenen Schema:

Die Entscheidung

Irgendwann fällt also irgendeinem Wichtel-Fan mit dem ersten Schnee, den Schoko-Weihnachtsmännern im Supermarkt oder beim Zählen der verbleibenden Arbeitstage bis Jahresende ein, dass er ja Wichtel-Fan ist. Die erste Whatsapp-Nachricht in der Gruppe bringt die Lawine ins Rollen: „Hey ihr Lieben, wollen wir dieses Jahr wieder wichteln?“

Nun ist das Gefährliche an der Wichtel-Manie, dass alle Beteiligten beim Lesen dieser Nachricht ganz plötzlich vergessen, wie schrecklich es im vergangenen Jahr war. Wie sehr sie das Wichteln verflucht und sich geschworen haben sowas „nie wieder zu machen“. Es ist wie mit dem letzten Vollsuff. Wichteln ist der Alkohol der Weihnachtstraditionen.

Kurze Zeit später folgt also von allen Seiten volle Zustimmung, viele Herzsmileys und Beteuerungen, „wie schön es doch beim letzten Mal war“. Da ist wieder der offensichtliche Vollsuff. Der Blackout hat alles Hässliche ausgelöscht. Der dezente Versuch eines bereits erwähnten „anderen“, sein Missfallen zu äußern, wird direkt unterdrückt mit dem Satz „Du musst ja nicht mitmachen, wenn du keine Lust hast“. Subtext: Wir sind dir nichts wert, also wirst von der Wichtel-Party ausgeschlossen und sollst auf ewig in der Hölle schmoren. (Irgendwie taucht die Hölle in diesem Text ziemlich oft auf…).

Der Kampf ist also schnell verloren, es ist aber auch ein ungleiches Spiel. Auf in Phase 2.

Die Auslosung

Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, den eigenen Wichtelpartner des Schicksals auszuwählen – beide haben Vor- und Nachteile. Deswegen eine kurze Liste:

Auslosen mit Zetteln (oldschool)

  • Vorteil: Die Verteilung erfolgt zentral, gleichzeitig und hat „irgendwie was Aufregendes“ (Wichtel-Fanatiker-Argument)
  • Nachteil: „Hihi, ich hab mich selbst gezogen“, „Hääää, ich kann den Namen nicht lesen“, „Hihihi, ich hab mich schon wieder selbst gezogen“ und natürlich, etwa zwei Wochen nach der Auslosung: „Scheiße, ich hab den Zettel verloren. Wen hab ich nochmal gelost?“

Auslosen via App oder Website (only for digital natives!!!)

  • Vorteil: Die Nachteile des Auslosens mit Zetteln fallen weg. Außerdem kann jeder Wichtel in einem gaaaaanz großen Textfeld eintragen, was er sich denn wünscht. Wunderbare Erfindung, um die nächste Phase einfacher zu machen. Benutzt aber keiner.
  • Nachteil: Bevor der Zufallsgenerator auslosen kann, müssen. sich. alle. eintragen. Dass das für Probleme sorgen kann, dürfte jedem hinlänglich bekannt sein, der schon einmal an einer Doodle-Umfrage teilgenommen hat.

Grundsätzlich – ich glaube, das hat was mit dem Gesetz von diesem Murphy zu tun – zieht man aber sowieso den, den man jedes Jahr zieht. Oder den, von dem man am wenigsten weiß. Oder den man am wenigsten leiden kann. Oder alles zusammen. Es folgt Phase drei:

Die Suche

Nachdem sich darauf geeinigt wurde, dass das Geschenk „irgendwas zwischen zehn und 15 Euro“ kosten soll, selbstgebastelt sein darf und die Frage „Wieviel Geld jetzt nochmal?“ in der Whatsapp-Gruppe ungefähr fünfzigmal beantwortet wurde, beginnt so etwa einen Tag vor der Wichtel-Party die panische Suche.

Die Suche nach einem Wichtel-Geschenk lässt sich durch zwei Achsen beschreiben (keine Angst, sehr mathematisch wird’s nicht). Auf der horizontalen Achse haben wir das Budget. Es reicht von „drin im Budget“ bis zu „oh mein Gott, wer gibt dafür so viel Geld aus?“. Die vertikale Achse steht für die Sinnhaftigkeit des Geschenks. Sie hat die Ausprägungen „Wow, das ist richtig cool / nachhaltig / lustig / hilfreich“ und „Wer braucht so einen Scheiß?“.

Es ergeben sich drei Kombinationen an Wichtelgeschenken:

  1. Sinnvoll, aber zu teuer
  2. Im Budget, aber man kann nichts mit anfangen
  3. Sauteuer und super unnötig

Bei den Geschenken, die brauchbar sind UND im finanziellen Rahmen bleiben, hat das Universum ein Loch gelassen. Sonst wär’s ja einfach. Man entscheidet sich also letzten Endes für den bescheuerten UND überteuerten Wichtelhut und beginnt dann, die eigene Wohnung nach Dingen abzusuchen, die sich noch als Wichtelgeschenk eignen würden.

Heraus kommt: eine Tüte mit einem Duschgel-Pröbchen, der Packung Vanillekipferl von der Nachbarin, einem kleinen weihnachtlichen Staubfänger (alternativ weihnachtliches Teelicht) und besagtem Wichtelhut. Fast geschafft, weiter geht es mit Phase vier:

Die Übergabe

Schon beim Eintreffen und mit Blick auf die Tüten der anderen wird klar: Du wirst neben den Geschenken der anderen mal wieder richtig schlecht aussehen. Da ist diese wunderschöne Tüte der Bastelkönigin, natürlich selbstgemacht, mit diesen wunderschönen Plätzchen drin. Das schlechte Gewissen beim Gedanken an das Duschgel-Pröbchen in der eigenen Wichtel-Tüte hinterlässt einen bitteren Geschmack im Mund.

Wichtig bei so einer Wichtel-Party ist aber auch, dass jeder so tut, als wäre das Wichteln ja gar nicht so bedeutend, viel wichtiger ist es doch „alle vor Weihnachten nochmal zu sehen, wie schöööön!“. Natürlich schaut trotzdem jeder auf die übrigen Tüten und hofft insgeheim, diese schöne Tüte der Bastelkönigin ist für einen selbst bestimmt. Ist sie aber nie.

Man selbst überreicht sein Geschenk, lässt die gesellschaftstaugliche Pseudo-Freude des Beschenkten über sich ergehen: „WIE TOOOOLL! Das wäre doch nicht nötig gewesen!!“ – übrigens einer der dümmsten Sätze beim Wichteln. Was hatte ich denn für eine Wahl?

Der Blick ins eigene Tütchen, am Ende doch immer umgarnt von einem Funken der Vorfreude: Duschgel-Pröbchen. Zwei Stück. Plätzchen, jetzt Lebkuchen statt Vanillekipferl, und ein Weihnachtsmann-Staubfänger. Moment – habe ich den nicht letztes Jahr verschenkt?

(Titelbild: Unsplash/Kira auf der Heide)