Wenn jemand suizidale Äußerungen macht

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Wenn man plötzlich mit suizidalen Äußerungen konfrontiert wird, fühlt sich das hilflos und überfordernd an. Unsere Autorin hat das selbst erlebt und weiß: Handeln ist wichtig!

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Bremerhaven/Stuttgart – Wir sitzen zusammen am Deich (Für die Kesselkinder: das ist eine Schutzanlage entlang von Küsten und Flüssen. Da kann man sich gut hinsetzen und in die Sonne schauen. Wie am Marienplatz, nur mit Wasser). Es ist Sonntagabend und die Sonne geht gerade unter. Neben Glasflaschen und Picknickdecken unterhalten wir uns und lachen gegen den Wind. Die Stimmung ist ausgelassen, außer uns sind kaum andere Menschen am Deich.

Ein unbekannter Gast

Plötzlich setzt sich ein Mann neben uns. Er hat eine Bierflasche in der Hand und ist stark alkoholisiert. Wir sind genervt und werfen uns Blicke zu. Im ersten Moment überlege ich, wie ich ihm elegant vermitteln kann, dass seine Anwesenheit nicht erwünscht ist. Oder ob Ignorieren die bessere Strategie sei. Zunächst entscheide ich mich für Letzteres.

Nach kurzer Zeit beteiligt er sich an unserem Gespräch – und ist erstaunlich klar in seiner Wortwahl, also für seinen Zustand. Ich gebe ihm eine Chance und höre ihm zu. Schnell merke ich: Er ist suizidal.

Von Unsicherheit und Gesprächsführung

Die Stimmung kippt drastisch. Unsere Blicke treffen sich hilflos. Ich lasse ihn weiterreden und höre mir seine Geschichte an. Dann greif ich ein und spreche ihn auf seine getroffenen Aussagen an. Die Gruppe findet keine Worte, also übernehme ich die Gesprächsführung. Nicht nur, weil ich keine Berührungsängste mit dem Thema habe, sondern weil ich nachempfinden kann, wie er sich wohl fühlt.

Ich versichere ihm, dass seine Existenz sehr wohl eine Bedeutung hat. Und dass Suizid niemals die Antwort ist. Er lacht betrunken, irgendwie auch verlegen. Dann biete ich ihm an, ihn in die Notaufnahme zu bringen – was er nicht will.

Ich kann es verstehen, mache ihn aber darauf aufmerksam, dass ich gezwungen bin, die Polizei zu rufen. Dagegen wehrte er sich nicht. Ich spüre, dass er sich hilflos fühlt, aber trotzdem noch ein kleiner Funken Hoffnung in ihm lodert, dass ihm geholfen werden kann.

Ich entferne mich kurz von der Gruppe, während meine Freunde das Gespräch weiterführen. Nach einem kurzen Telefonat mit der Klinik, wähle ich den Notruf. Ich erkläre die Situation und unseren Standort. Die Polizei braucht kaum zehn Minuten und holt den torkelnden, hilflosen Mann ab.

Was also tun? Wie kann ich helfen?

Derartige Situationen können beängstigend sein. Egal ob es sich um eine dir unbekannte Person oder sogar eine dir nahestehende Person handelt. Mit Suizidalität muss immer ernst umgegangen werden.

  1. Wiederhole, was dein Gegenüber ausspricht und versichere dich über die Aussagen
  2. Sei präsent und habe keine Berührungsängste
  3. Erkläre deinem Gegenüber, dass du die Aussagen ernst nimmst und du ihn nicht alleine lassen kannst
  4. Lasse eine suizidale Person nicht alleine
  5. Erkläre deinem Gegenüber, dass du ihn in die Klinik/Notaufnahme begleitest oder organisierst, dass die Person dort hingebracht wird
  6. Erkläre, dass du sonst die Polizei/Feuerwehr einschalten musst, da du die Verantwortung nicht tragen kannst und musst
  7. Verständige den Notruf, wenn die Person nicht kooperiert

Es gibt Spezialisten, die sich um solche Situationen kümmern können. Habe keine Angst der Person zu Nahe zu treten – es handelt sich um eine lebensbedrohliche Situation.

Natürlich kann es passieren, dass der Betroffene verärgert ist, aber es handelt sich, wie gesagt, um eine lebensbedrohliche Situation. Diese erfordert Einschreiten und Zivilcourage.

 

Anmerkung: Ich bin keine Spezialistin und keine Fachärztin. Dieser Artikel ist lediglich eine Hilfestellung. Wende dich unbedingt an professionelle Beratungsstellen oder einen Facharzt, wenn du weitere Fragen hast.

(Titelbild: Dan Meyers/unsplash)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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