Wenn das Date auf sich warten lässt

Unsere Autorin kennt da jemanden. Der fragt sie unentwegt nach einem Treffen – nur, um am Ende einen Rückzieher zu machen. Was ist los mit diesem Typ?

Stuttgart – Es gibt da jemanden. Irgendwie. Aber auch nicht so wirklich. Also eigentlich gibt es ihn eher nicht, als dass es ihn gibt. Er existiert natürlich – als lebendiger, atmender Mensch. Real und nicht in meiner Fantasie lebend. Aber es gibt ihn nicht auf diese Art, wie ich vielleicht gerne hätte. Bedeutet, er bekleidet kein offizielles Amt. Aber er ist der Pförtner im Ministerium: irgendwie immer da, wabert er im Hintergrund, weswegen er nur ab und zu wahrgenommen wird. Und zwar dann, wenn er sich meldet. Dass ich aber trotzdem die ganze Zeit mit ihm beschäftigt bin, kann er nicht wissen. Nicht mal ich ahnte lange, dass es sich explizit um ihn handelt. Ihr kennt das.

Viele Theorien führen ins Chaos

So ein Gefühl, das ploppt plötzlich auf und man denkt sich, was ist das denn jetzt? Man selber tippt auf Blähungen, Google auf Blinddarm, am wahrscheinlichsten wäre Hunger. Aber in der Realität ist es ein Kerl, der sich in deine Gehirnwindungen geschlichen und die letzten Wochen das Erinnerungszentrum gesucht hat.

Falls sich mal jemand wundert, warum die Erkenntnis, dass ein Typ verantwortlich für das Chaos im Kopf ist, immer so zeitversetzt kommt – das ist die Antwort. Der braucht eine Weile, um die richtige Abteilung zu finden und wie immer, war nach dem Weg zu fragen, sicher keine Option.

Jedenfalls hat sich die emotionale Zecke da jetzt festgesetzt, ich denke viel an den Kerl, der mir eigentlich relativ egal ist. Und als würde er Jagd auf roten Oktober im März machen, meldet er sich in just so einem Augenblick. Man sollte sich nach Wochen jetzt wirklich mal wiedersehen. Natürlich, rufe ich. Jubelnd reiße ich die Arme nach oben, halte inne und setze zu einem herzhaften Gähnen an. Nicht, dass jemand hier wäre und mich sehen würde. Ich versuche nur, mich selber zu verarschen.

Wieso spielen wir Katz und Maus?

Wir wohnen übrigens nicht in der gleichen Stadt, deswegen setzen wir unser Treffen auf „wenn ich das nächste Mal da bin“. Als ich dann da bin, meldet er sich tagelang nicht. Und dann mit einer unwahrscheinlich langen Entschuldigungstirade. Ich sag mal so: vor 15 Jahren hätte ihn das sicher das Guthaben einer gesamten Prepaidkarte gekostet. Der Groll und ich schmollen ganze drei Tage, dann ist auch wieder fein. Passiert und dann eben beim nächsten Mal.

Dieses nächste Mal erzähle ich ihm gar nicht, dass ich da bin. Zumindest nicht direkt. Er erfährt es aus meinen Instagram Storys, die ich natürlich nicht ohne Hintergedanken hochgeladen habe. Brotkrummen, man muss sie nur zu verteilen wissen. Er gibt gleich an, erstmal eingespannt zu sein, aber dann wäre da Zeit und man würde sich wirklich sehr freuen. Alles klar, sage ich wieder. Ganz nach deinem Gusto und Timing, melde dich, wenn du wieder losgelöst bist. Ja, macht man, auf jeden Fall…

Zweimal ist keinmal

Macht man nicht. Stattdessen schaut man weiter fleißig meine Instagram Storys an. Und während sich da jemand eventuell gut unterhalten fühlt durch meine geistigen Ergüsse im Internet, hänge ich auf meiner Couch und fühle mich verarscht. Es ist ja nicht so, dass ich um diese Treffen gebeten hätte. Und auch nicht, als ob ich mich wie eine von den zwei Lagen des Klettverschlusses verhalten hätte. Wenn jemand also keinen Bock hat, wieso taucht er dann wie Sean Connery (nur leider nicht so schön, sonst wäre ihm wohl alles verziehen) immer wieder auf und buhlt um meine Zeit und Aufmerksamkeit? Kann man da irgendwo auch Ernsthaftigkeit in den Absichten erahnen? Und das jetzt mal nur bezogen auf ein Treffen, dass dann wirklich auch stattfinden würde. Mein Leben, ein Konjunktiv.

Ich habe ehrliches Interesse daran zu erfahren, woher sowas kommt. Ist das ein schlechtes Gewissen, das völlig fehl am Platz ist? Ist das ein Impuls, der durchbricht und erst im Nachhinein setzt ein Gedankengang ein, der dem Träger der Gedanken vermittelt, dass man eigentlich gar kein Treffen will? Und klopft dann kurze Zeit später vielleicht wieder das schlechte Gewissen an? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich sicher nicht die Einzige damit bin. Also wenn da draußen jemand ist, der es mir erklären kann: Ich bin jederzeit zu einem Treffen bereit.

Über die Autorin

Hing sie früher an Jürgen von der Lippe, hängen ihre heute an Schnaps und schönen Floskeln. Damit ist sie leicht zu ködern, schwer zu ertragen und unmöglich zu halten. Oder doch? Denn verknallen geht schnell, verschwinden aber genau so. Zurück bleibt ein Rattenschwanz – manchmal mit Herzschmerz, manchmal als schöne Erinnerung und manchmal nur mit der Frage, wie das schon wieder passieren konnte?

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