Wellnessretreat statt Krisenmodus auf Instagram

Wer derzeit durch seinen Instafeed scrollt, der bekommt wenig Negatives mit von der Pandemie, die draußen grassiert. Bananenbrote und Yogasessions dominieren Instagram – selbst während der Coronakrise. Doch ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich online in Szene zu setzen? Unsere Autorin hat mit Medienpsychologe Tobias Dienlin gesprochen.

Stuttgart – Statt beim Italiener Pizza zu schlemmen und Aperitivo mit den Mädels zu schlürfen oder während dem Arbeiten im Lieblingscafé Cortado mit Hafermilch zu bestellen, sitzen wir Stadtkinder in unseren mit Monstera Deliciosa begrünten vier Wänden. Die hübschen wir uns extra noch auf. Denn außerhalb unserer Komfortzone grassiert eine Pandemie. Sie zwingt uns dazu, zuhause zu bleiben.

Man sollte meinen, dass sich Jogginghose und Social Distancing nicht für die makellose Selbstinszenierung auf Instagram eignen. Doch weit gefehlt: Corona scheint dem Postingverhalten keinen Abbruch zu tun.

Trotz Social-Distancing und Käfighaltung blüht die Selbstoptimierung auf Instagram

Wer jetzt nicht zum Sternebäcker von Bananenbroten mutiert, mit der online bestellten Gitarre seinem Schwarm ein Ständchen über Skype trällert oder kollektiv über den Videochat vereint beim Yoga zu sich selbst findet, hat den Trend der Stunde verschlafen: Die auferlegte Zwangspause zu nutzen, um sich nicht nur selbst zu optimieren, sondern sich noch dazu online perfekt in Szene zu setzen.

Dabei könnten wir doch gerade jetzt einen Gang zurückschalten und Self-Care kein leeres Versprechen mehr sein lassen.

Sehen und gesehen werden auf Instagram

Doch dass wir uns gerade jetzt in einen Aktionismus stürzen, hat einen Grund, sagt Tobias Dienlin. Der Medienpsychologe forscht an der Uni Hohenheim. „Andere Aktivitäten, Strukturen und Gewohnheiten brechen weg: Wir sind deshalb besonders aktiv und wollen etwas machen“, sagt er.

Dass wir dann auch noch auf Instagram ein Foto unseres gelungenen Bananenbrots posten, überrascht ihn nicht: „Man darf nicht unterschätzen, dass wir Menschen extrem sozial veranlagt sind und uns die Meinungen der anderen extrem wichtig sind.“
Es geht also auch darum, was andere von uns denken: „Die Tendenz einer positiven Selbstdarstellung und einen guten Ruf haben zu wollen, ist in uns verankert. Das ist so alt wie die Menschheit.“ Und je nachdem, wie wir als Kultur miteinander interagieren, verlagere sich das in andere Räume. Insbesondere während Corona stellen soziale Medien unser Tor zur Welt dar, sagt Dienlin.

Neue Hashtags und Challenges statt Ruhepause

Statt dass unser Postingverhalten eingeht wie eine nicht gegossene Blume, gedeihen neue Blüten im Beet der Selbstinszenierung. Es florieren Hashtags wie #fromwhereiwork oder #viewfrommywindow. Unzählige Challenges fordern uns dazu auf, irgendetwas zu tun und andere zu nominieren.

Diese Challenges sind eine Art Handlungsaktivierung, sagt Medienpsychologe Dienlin: „Das gemeinsame Abhängen, Quatschen und Trinken ist weggebrochen. Das versuchen wir nun, anderweitig zu ersetzen. Durch solche Challenges schaffen wir Themen, über die wir sprechen können. Darüber kann man außerdem zeigen, wie toll vernetzt und kreativ man ist.“

Postingverhalten trotzt dem Stillstand

Auf Instagram hat man nicht das Gefühl, dass draußen eine Pandemie wütet, an der Menschen sterben, die das Gesundheitssystem überfordert und die Wirtschaft in eine Krise stürzt. Dabei sind nicht solche Insta-Stories gemeint, in denen die gesamte Nachbarschaft für Alltagshelden klatscht oder Musiker auf Balkonen Konzerte geben.

Es geht um die makellose Inszenierung der Selbstisolation. Hier leitet eine Yoga-Stunde den Morgen ein, anschließend liest man ein Buch oder bäckt Brot. Was klingt wie ein Urlaub im abgeschiedenen Ferienhaus, soll die tägliche Routine während des durch Corona bedingten Shutdowns darstellen?

„Instagram stellt die Realität dar, aber eben die Schokoladenseite davon. Im sozialen Kontext legen wir den Fokus auf die schönen Sachen und ermöglichen dadurch einen Eskapismus: Endlich weg von den schlechten Nachrichten.“

Dr. Tobias Dienlin, Medienpsychologe

Auch die Challenges nutze man, um einen Sonnenstrahl in den sonst tristen Alltag zu bringen. Daran zeigt sich, dass soziale Medien auch Vorteile bieten. Sie können während der Corona-Krise dazu beitragen, sich mit Freunden und Familie zu vernetzen.
Instagram könne auch anspornen, Neues auszuprobieren, sagt Dienlin: „Wenn man es schafft, diese Krisensituation gut zu bewältigen, dann darf man darauf auch stolz sein und es mit anderen teilen.“

Chips und Netflix statt Brot und Yoga

Dabei kann diese vermittelte Feelgood-Stimmung wie aus Netflixfilmen ganz schön ermüden. Zum Beispiel einen Studenten, der gerade seinen Job verloren hat und nicht weiß, wie er die Miete bezahlen soll. Er will diese Zeit vielleicht nicht nutzen, um das Brotbacken mit Sauerteig zu optimieren. Er möchte sich vielleicht lieber unter der Bettdecke verkriechen und Dosenravioli essen.

Für viele ist die Corona-Krise eben keine Chance, sondern eine zusätzliche Belastung – nicht nur für Eltern, die im Homeoffice jetzt auch noch Lehrer spielen müssen. Sondern auch für diejenigen, die zum Beispiel Opfer von häuslicher Gewalt sind oder unter psychischen Erkrankungen leiden, wie unsere #letstalkaboutmentalhealth-Autorin beschreibt.

Warum es okay ist, nicht okay zu sein

Denn viele setzen die positiven Vibes und die perfekte Selbstdarstellung auf Instagram unter Druck, weil sie den Eindruck haben, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können. „Vielleicht ist es so, dass man morgens nicht aus dem Bett rauskommt, um die anstehende Uni-Abgabe vorzubereiten, oder man hat kleine Kinder, die einen total einspannen, und hat keine Energie mehr übrig. Das ist verständlich, denn es bekommt nicht jeder hin“, sagt Medienpsychologe Dienlin.

Deshalb müssen wir uns klarmachen: „Wir Menschen sind soziale Tiere und wenn wir unserer sozialen Umgebung beraubt werden, tut uns das nicht gut. Wir sind ebenso Gewohnheitstiere und haben uns Rituale aufgebaut. Wenn die wegfallen, ist das erst Mal eine Krisensituation. Man muss sich diese Dinge dann wieder erarbeiten. Das ist eine riesige Herausforderung.“

„Klar ist eine Krise häufig eine Chance und es ist beeindruckend, wenn Menschen das nutzen. Man darf sich durchaus Ziele setzen, denn das gibt einem Orientierung und kann den Alltag strukturieren, aber es gelingt nicht jedem, nebenbei noch Spanisch zu lernen. Es ist auch vollkommen normal, wenn man etwas nicht packt und einen schlechten Tag hat.“

Dr. Tobias Dienlin, Medienpsychologe

So werdet ihr nicht zu Instagram-Smombies

Um dem Leistungsdruck von Instagram zu entfliehen, muss man die App aber nicht sofort vom Smartphone löschen. Dienlin rät vor allem dazu, sich Off-Zeiten zu nehmen: Zum Beispiel abends das Handy einfach mal auszuschalten und stattdessen zum Buch zu greifen. „Häufig ist es so, dass über das Schaffen von Alternativen alles im Rahmen bleibt“, sagt Dienlin.
Außerdem rät er dazu, den eigenen Feed aktiv zu gestalten, indem man auch mal wem entfolgt. Statt immer nur passiv zu scrollen, rät Dienlin: „Besser ist es, sich konkret zu socializen, indem man mal einen Kommentar schreibt und sich aktiv austauscht.“ Das eigene Profil kann einem zusätzlich good Vibes verschaffen: „Weil es einen an schöne Momente erinnert: Man kann darin wie in einem Fotoalbum schmökern“, sagt Dienlin.

Wer jetzt Bock hat, zu Mehl und Hefe zu greifen: Do it. Ein Rezept unserer Soulkitchen-Köchin für ein leckeres Bananenbrot findet ihr hier. Und auch eurer Yogasession auf Instagram steht nichts im Weg. Doch ein Appell geht raus an alle, die dazu gerade null Motivation verspüren und sich lieber im Bett verkriechen: „Wichtig ist es, sich selbst zu verzeihen, wenn man einen Tag hat, an dem man mal nichts geschafft hat. Deswegen muss man die Flinte nicht ins Korn werfen.“

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