Wein-Kolumne: 1500 Reben und eine Handvoll beste Freunde

In seiner fünften Wein-Kolumne nimmt uns Autor Axel mit zur Ernte seiner Reben und erhebt am Ende das Glas Trollinger auf seine besten Freunde, die ihn dabei tatkräftig unterstützt haben. Cheers, auf die Freundschaft!

Stuttgart – Ich muss gleich zu Beginn feststellen, dass der vorletzte Samstag wohl einer der besten Tage im verrückten Jahr 2020 war, zumindest für mich. Anfang dieses Jahres habe ich den Zuschlag für einen kleinen Weinberg am Cannstatter Zuckerle, direkt am Neckar kurz vor dem Max-Eyth-See, bekommen. 15 Ar, also 1500 Quadratmeter, bestückt mit dem guten alten Trollinger, etwa 1500 Reben, meine neuen alten Freunde. Und alt sind sie wirklich, die ältesten Reben in meinem Weinberg werden bald 50 Jahre alt. Und man sieht es ihnen an. Verwachsen, schief, etwas zerzaust, dadurch aber sehr sympathisch. Ich habe mich in diesem Jahr zum ersten Mal um die Reben gekümmert. Und das ging von Frühjahr bis zum besagten Samstag.

Weinberg-Romantik vs. Realität

Jetzt denken alle direkt an die wunderbare Weinbergromantik, bisschen Trauben ernten, ansonsten chillig die Natur genießen. Mitnichten, denn so ein Weinberg macht ganz schön viel Arbeit. Und dies das ganze Jahr über. Reben schneiden, Reben anbinden, Laubarbeiten, Pflanzenschutz (ja, auch wenn ich biologisch arbeite), Mähen, Bewässerung und vieles mehr. Zum Glück kann ich mich auf eine Handvoll gute, wenn nicht sogar beste Freunde aus Fleisch und Blut verlassen.

Viele haben mir das Jahr über geholfen. Und wenn man im Sommer in der sengenden Hitze mal eine Motorspritze mit circa 35 bis 40 Kilogramm für drei oder vier Stunden durch den Weinberg schleppt, spätestens dann ist es vorbei mit der Romantik. Aber da muss man eben durch. Nach getaner Arbeit sitzt es sich gleich viel entspannter auf dem, zugegebenermaßen noch nicht ganz fertig gestellten, Sektplateau. (Oh yeah, sorry Sam, you’re right: Sexplateau!)

Trollinger Trauben

Nichts als Trauben im Kopf

Jegliche Arbeit im Weinberg arbeitet auf ein Ziel hin. Die Weinlese! Trauben ernten, um daraus Wein zu keltern. Alle Winzer haben Anfang Herbst im wahrsten Sinne des Wortes nichts als Trauben im Kopf. Jeder Tag in dieser Zeit ist bestimmt durch den Weinberg. Wann welchen Wein ernten, die Lese koordinieren, die Ernte verarbeiten, alle Helfer versorgen, bla bla bla…

Gerne mal in einer 24-Stunden-Schicht, da manchmal auch maschinell geerntet wird – und das dann mitten in der Nacht und in großer Menge. Ich gebe zu, bei meinem Weinberg und meinen 1500 neuen Freunden ist es nur zu einem kleinen Teil vergleichbar mit einem Weingut von circa 20 Hektar. Da stehen dann mal eben grob 73.225 Freunde rum, auch gerne mal mehr.

Der sogenannte „Grad Oechsle“ 

Meine eigene Weinlese startete also auch mit der Terminfindung. Die Frage nach der richtigen Reife beschäftigte mich schon einige Wochen vorher. Der Zuckergehalt in der Beere ist ein gutes Indiz, um den richtigen Erntezeitpunkt zu finden. Und der steigt stetig an. Man kann ihn relativ leicht messen. Der sogenannte „Grad Oechsle“ ist in dieser Zeit der wohl wichtigste Begriff eines Winzers. Der schlaue Herr Oechsle hat vor vielen Jahren eine Methode entwickelt, um mithilfe der Dichte von Most und Wasser, kombiniert mit der Eigenschaft der Lichtbrechung, und so weiter und so fort, zu perfektionieren, dass man den Grad Oechsle sehr schnell feststellen kann. Bevor das nun zu detailliert wird, ab in den Weinberg, ernten.

Weinkolumne Axel

Ein Kurzer für die Traubenernte

Es ist 7 Uhr morgens, ins Bett kamen wir erst um 3 Uhr. Die alte Crew der Studienkollegen ist in Stuttgart eingewandert. Geschichten mussten erzählt, ausgetauscht und diskutiert – und dazu natürlich ein paar Naturweine verkostet werden. Vorbereitung ist eben doch alles. Ein doppelter Espresso vom Café Herbertz muss reichen, wir müssen los. Ich muss erwähnen, dass ich mir für die Weinlese den nahezu schlechtesten Tag ausgesucht habe: Es ist beschissenes Wetter. Kalt, leichter Nieselregen, feucht, eklig! Aber der Termin steht und um acht Uhr wartet der Anhänger von Urs darauf, mit großen Boxen, Eimern, Scheren und sonstigem „Geraffel“ beladen zu werden. Alles eingepackt geht es zum Weinberg.

Um neun Uhr kommt die Handvoll bester Freunde zusammen!

Loslegen können wir noch nicht, es regnet. Nicht gerade in Strömen, es ist ein etwas aufbrausender Nieselregen. Trauben werden, im besten Fall, trocken geerntet. Viele denken, dass die Trauben nach der Lese gewaschen werden. Falsch gedacht! Also heißt es Wetter und Wolken beobachten, Geschichten austauschen und hausgemachten Zwiebel- und Apfelkuchen genießen, perfekt – Danke Sarah.

Weinkolumne Axel

„Danke für die vielen tollen Trauben Trollinger!“

Dann geht es plötzlich los, der Regen pausiert! Julia, Karla, Gregor, Nico, Fäb, Konne, Steffen, Thias, Urs, Eimer und Schere in die Hand, in der oberen Terrasse anfangen, von hinten nach vorne lesen, nur die reifen Trauben, von der sie umgebenden und auch mal grausamen Mutter Natur in Mitleidenschaft gezogene, rausschneiden. Aber ganz behutsam, wir wollen ihnen ja nicht wehtun und sagen: „Thanks Mother Nature for not killing us“.

Sam, Jockl, Bütte auf den Rücken und die Trauben bergab tragen, abladen im Hänger, wieder hoch den Berg. Axel, überall schauen, dass es läuft! So geht das Spiel vier oder fünf Stunden. Für eine so kleine Fläche ist das absolut keine Rekordzeit. Leider musste ich die Lese auch mehrmals unterbrechen, Mutter Natur hatte einen traurigen Tag und immer mal wieder geweint. Wir hatten in den Pausen umso bessere Stimmung.

Am Ende sind wir dankbar über wunderschöne Trauben Trollinger aus dem kleinen Paradies am Neckar. An der Kelter kommen 1158 Kilogramm Trauben mit einem Mostgewicht von 75 Grad Oechsle an. Für die Rebsorte Trollinger ist das ein annehmbares Ergebnis. Andere Rebsorten schaffen es da auch gerne mal über die 100 Grad Oechsle. Das entspricht dann einem Zuckergehalt von 250 Gramm pro Liter im Traubenmost. Okay, im besten Fall soll daraus ja auch zum großen Teil der Alkohol entstehen.

Weinkolumne Axel

Weinkolumne Axel

Auf die Freundschaft, cheers!

In der Kelter des Weinguts der Stadt Stuttgart geht es nun ans Eingemachte. Oder sollte ich lieber sagen ans Eingemaischte? Die Trauben müssen so präpariert werden, dass nur die Beeren in den Zuber kommen um dort ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Im Kontakt mit der Beerenschale wird der Rotwein erst rot, es lösen sich Farbstoffe und wichtige Aromen und strukturgebende Elemente. Deswegen werden alle Trauben mithilfe eines Förderbands durch den sogenannten Entrapper gejagt.

Der Entrapper ist dafür zuständig, dass die Stielgerüste der Trauben entfernt werden und unten dann nur noch die einzelnen Beeren rausfallen. Diese Matschepampe ist die sogenannte Maische. Leider war der 1000 Liter fassende Bottich im Endeffekt zu klein. Man kann dann entweder mit dem Gabelstapler so dumm hinfahren, dass die Gabel ein Loch im den Bottich sticht, oder man kann aus der Maische den Saft abziehen. Ich würde die zweite Methode empfehlen. Wer ist denn auch so blöd und macht da ein Loch rein, also ehrlich! Also, Saftabzug. Riesiger Filterstab tief in die Maische tunken, immer mal wieder rein und rausziehen und dann 250 Liter Most abziehen, mit ner Pumpe natürlich. Im Endeffekt habe ich jetzt auch noch ein Barriquefass voll mit Rosé. Mal schauen was daraus wird.

Die restlichen Trauben gären nun auf der Maische und sollen den Beeren noch ein paar Geheimnisse entlocken. Nächste Woche wird dann gepresst, aber das ist dann eine andere Geschichte. Ich kann es kaum erwarten, bis der Wein fertig ist. Vor allem, dass alle meine besten Freunde ein paar Flaschen davon bekommen. Das bin ich ihnen schuldig. Auf die Freundschaft, cheers!

Weinkolumne Axel

PS: Analoge Fotografie mit der Minolta 70w, Fotos und Entwicklung durch Samuel Chung

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