Was der Wasen von der Wiesn lernen kann

Der Wasen ist für uns das bessere Volksfest, aber man lernt nie aus. Besseres Bier, klassischere Tracht und kostenlose Putzkolonne – Stuttgart könnte sich von der Wiesn so einiges abschauen.

Stuttgart/München – Okay, im direkten Vergleich hat der Wasen für uns die besseren Argumente und sich die Krone für das beste Volksfest redlich verdient. Aber die Wiesn wäre nicht das größte Volksfest der Welt, wenn man sich von ihr nicht einiges abschauen könnte. Auch unser geliebter Wasen kann da noch manches lernen.

Probiers mal mit Gemütlichkeit

Da ist zum einen die unverwechselbare bayerische Gemütlichkeit. Ohne diese Gelassenheit und eine gute Portion Humor würden die Münchner das alljährliche große Volksbesäufnis mitten in ihrer Innenstadt wohl kaum aushalten. Dauerhaft verspätete Bahnen wegen Überfüllung? Dann kommt man eben später. Touristen fallen betrunken vors Auto und übergeben sich auf den Straßen, in Unterführungen und in der U-Bahn? Nase zu und durch. Natürlich regen sich auch viele Münchner über das Oktoberfest auf oder besser: Sie granteln. Mit der Empörung, die beim korrekten, sauberen und immer pünktlichen Kessel-Schwaben zu erwarten wäre, wenn einen die Lederhosen-Biertrinker sogar ins Kino verfolgen würden (ja, ist in München Standard), ist das aber kaum vergleichbar.

Gutes Bier und Party all day long

Fragt man die Münchner, was der Wasen noch von der großen Wiesn lernen kann, fällt denen naturgemäß viel ein; wann hat man schon einmal die Chance, den kleinen Bruder zu belehren? „Lernt erst einmal, ordentliches Bier zu trinken“, sagt Domenico, 25, im Augustiner-Zelt und hebt im gleichen Moment seinen halbvollen Maßkrug hoch. Und ja, liebe Stuttgarter, seien wir mal ehrlich: Augustiner, Hacker-Pschorr, Paulaner, Löwenbräu, Hofbräu und Spaten – die sechs Münchner Brauereien, die das Bier-Oligopol auf der Theresienwiese bestreiten, verkaufen nicht nur teureres Bier als Dinkelacker und Co. Die Autorin gesteht: Es schmeckt wirklich besser. Je früher wir uns das eingestehen, desto schneller können wir es besser machen.

Verbessern könnten wir übrigens auch die Zeiten, zu denen wir in den Zelten abfeiern. Während in München in allen Zelten um 12 Uhr schon eine ungeheure Lautstärke und Party-Stimmung herrscht, geht in Stuttgart meistens erst mit den Abendreservierungen ab 17 Uhr die Post ab. Warum nicht schon am Vormittag und Mittag auf den Putz hauen? Oder kommt uns da die Schaffe, schaffe-Manier tagsüber zu sehr in die Quere?

„Waschechte Bayern“

Einer, der sich mit beiden Festen richtig gut auskennt ist Manuel D. Er wohnt in Merklingen, einem Ort zwischen Stuttgart und München und besucht deswegen regelmäßig einfach beide Feste. Die Tradition ist für ihn in München stärker ausgeprägt: „Auf der Wiesn kann man noch waschechte Bayern sehen. Der Wasen wirkt da wie kopiert, hier sind nur wenige Leute in schwäbischer Tracht unterwegs.“ Tatsächlich finden sich in München unter den spannendsten Ich-zieh-die-Lederhose-über-die-Jeans-Anblicken auch noch viele, vor allem ältere Besucher in traditioneller Tracht mit allem Pipapo. Davon kann sich Stuttgart gerne eine Scheibe abschneiden, die schwäbische Tracht braucht sich schließlich auch nicht zu verstecken.

Noch so eine Sache, die die Münchner ein bisschen besser im Griff haben, ist die Organisation des Volksfests, gerade bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ja, Stuttgart hat seine berühmt-berüchtigte und chronisch-vollgestopfte U11, die während der Wasenzeit zwischen Cannstatter Wasen und Hauptbahnhof pendelt.

Die Stadt München lehnt sich für die Wiesn finanziell aber viel weiter aus dem Fenster: An zahlreichen Bahngleisen stehen täglich zig Sicherheitskräfte und betreuen den Ein- und Ausstieg, laufende Durchsagen (nicht vom Band, sondern von richtigen Menschen!) versorgen die Fahrgäste mit Informationen und alles in allem scheint der öffentliche Verkehr mit den mehr als sechs Millionen Wiesn-Gängern erstaunlich gut zurecht zu kommen. Das ist unter anderem auch dem Umstand geschuldet, dass die Besucher viele unterschiedliche Wege zur Theresienwiese nutzen und nicht – wie in Stuttgart – entweder die U-Bahnlinie nehmen oder auf eine S-Bahn ausweichen müssen.

Die Stadt macht sauber

Auch eine super Idee: Die Reinigungshotline, die Anwohner rund um die Theresienwiese anrufen können, um Müll oder rückwärts Gefrühstücktes im eigenen Vorhof oder Garten beseitigen zu lassen – auf Kosten der Stadt München. Wäre das nicht auch was für die geplagten Cannstatter, liebes Stuttgart?

Übrigens: An alle, die das „Wir sind das Original“-Totschlagargument der Münchner nicht mehr hören können, hier noch ein bisschen Klugscheißerwissen. Ein Original ist ja normalerweise bedeutend älter und urtümlicher als seine Kopie. Der Cannstatter Wasen ist aber nur acht Jahre später als die Wiesn entstanden. Und er ist auch keine Kopie der bayerischen Idee, sondern geht auf einen dramatischen Ernteausfall und Hungernöte zurück, deren Ende König Wilhelm I. von Württemberg 1818 mit einem landwirtschaftlichen Fest gemeinsam mit dem Volk feiern wollte. Zur Gründungszeit dachte also niemand daran, die Wiesn kopieren zu wollen.