Warum wir verlernt haben Beziehungen zu beenden

Zwischenmenschliche Beziehungen zu beenden ist ein Auslaufmodell. Wir „ghosten“, „blockieren“ oder melden uns einfach nicht mehr. Schlussstriche ziehen – aber mit Bleistift. Unsere Autorin sagt: „Nehmt bitte wieder den Edding!“

Stuttgart – „It’s a Match!“ Chris hält mir sein iPhone unter die Nase. Er hat Tinder für sich entdeckt. Mit Ende 20 wäre er mal wieder bereit für etwas Ernstes – und für Anna, das besagte Match. Man traf sich, gab sich auch im real life einen Daumen nach oben. Aus dem ersten Date wurde ein zweites, drittes und viertes. Irgendwo zwischen „schön, dass du da bist“ und „gerade ist’s eher schlecht“. Denn ein paar Wochen später ploppte Annika auf seinem Bildschirm auf. Und aus dem ersten Date wurde ziemlich schnell Liebe und eine gemeinsame Wohnung.

Vorbei geht anders

„Es hat halt einfach nicht gepasst“, sagte Chris zu mir. Zu Anna sagte er gar nichts mehr. „Boah, die meldet sich ständig. Die versteht es einfach nicht“, kommentierte er ihren WhatsApp-Monolog im gemeinsamen Chatfenster – sozusagen das Einzige, was von ihnen noch übrig geblieben ist.

„Hast du ihr denn erklärt, dass du Annika kennengelernt hast?“ „Nee! Den Stress gebe ich mir doch nicht. Ich bin ihr auf Instagram entfolgt und antworte nicht mehr. Da muss man doch checken, dass es vorbei ist.“ Halt den Mund, Chris. Vorbei geht anders.

Mit diesem Tinder-Match ist es wie mit Netflix-Abos oder der Bahncard: Irgendwie haben wir es verlernt, Dinge zu beenden. Auslaufen lassen ist das neue „Es ist vorbei“. Lieber die Telefonnummer wechseln statt Konfrontation. Und das spiegelt sich in nahezu jeder zwischenmenschlichen Beziehung wieder.

„In diesem Falle ist Schweigen nicht etwa Gold, sondern einfach nur scheiße.“

Statt der einst guten Freundin ehrlich zu sagen, dass man sie irgendwie nicht mehr leiden kann, quälen wir uns also zum „Lunch-Date“ und versuchen all diese fiesen Bemerkungen über das eigene Leben und den Job verkrampft wegzulächeln. Irgendwo zwischen Abi, Studium und der ersten Arbeitsstelle hat man sich wohl verloren. Das tut weh, ist manchmal schwer zu akzeptieren, gehört aber dazu.

Sollten wir nicht ehrlich zueinander sein und es beenden, bevor wir mühsam den letzten Rest Freundschaft mit einem Messer aus dem Glas kratzen müssen? Nee, das wäre dann doch zu endgültig. Viel lieber übernehmen wir die Rechnung, Bussi rechts, Bussi links, verschweigen den anstehenden Umzug in eine andere Stadt und hoffen darauf, dass die Entfernung es schon richten wird. Sorry, in diesem Falle ist Schweigen nicht etwa Gold, sondern einfach nur scheiße.

Schlussstriche ziehen – aber mit Edding

Es ist wie eine Art Routine. Wir hören einfach auf, ohne darüber zu reden, bauen uns Schutzwände in sozialen Netzwerken und halten somit Abstand – aber nur so weit, wie wir das wollen. Ein stillschweigender Alleingang.

Blöd nur, dass all unsere Beziehungen im wechselseitigen Verhältnis stehen. Zurück bleiben Enttäuschung auf der einen und Schlupflöcher auf der anderen Seite. Ähnlich wie Browsertabs, die wir auf unserem Smartphone offen gelassen haben. Und so tragen wir sie jeden Tag mit uns rum, bis die Handykette ganz schön schwer wird.

Vielleicht sollten wir diese Tabs einfach fachgerecht schließen, damit unser Rechner wieder schneller laufen kann. Denn wer neu anfangen will, der muss auch Schlussstriche ziehen. So, dass sie der andere auch sehen kann – mit Edding zum Beispiel.

Mehr aus dem Web