Warum wir Scheitern neu definieren müssen

Manchmal gehen Dinge ganz schön schief. Aber wer sagt eigentlich, dass das etwas Schlechtes sein muss? Unsere Autorin findet: Mehr Mut zum Scheitern bitte!

Stuttgart – Gescheitert sind wir alle schon einmal. Und zwar auf allen Ebenen. Zum Beispiel wenn wir uns bei uns Tinder in ein Gegenüber verguckt haben, das sich beim ersten Date als totaler Reinfall herausstellt. Wenn wir alle Karten auf diesen einen Job gesetzt haben und am Ende mit leeren Händen dastehen. Wenn wir einen extra-healthy Kuchen ohne Zucker und Fett backen wollten, der auf einer Gartenparty super ankommt (okay, dass das nicht funktioniert hätten wir uns denken können). Aber es führt nun mal kein Weg daran vorbei, ab und an zu scheitern. Im Gegenteil: Scheitern ist im Leben mindestens genauso wichtig wie Erfolg. Schade nur, dass wir kaum offen darüber sprechen.

Scheitern ist keine „lästige Nebenwirkung“

Aber warum fällt es uns so schwer, offen zuzugeben, wenn etwas im Leben nicht so funktioniert hat, wie wir wollten? Vielleicht liegt der Grund dafür in unserer Erziehung. Immer dreht sich alles darum, was wir gut können. Wo unsere Stärken liegen. Schon zu Schulzeiten wird dafür der Grundstein gelegt. Was sind deine Lieblingsfächer? Niemand fragt ein Kind, worin es besonders schlecht ist. Warum auch? Über Schwächen oder Misserfolge spricht man schließlich nicht. Und wenn, dann nur am Rande, so als wäre eine schlechte Note in Mathe nur eine lästige Nebenwirkung wie auf einem Beipackzettel, die man einfach ignorieren muss. Stolz auf schlechte Noten ist keiner. Scheitern, das haben wir gelernt, ist nichts Gutes. Seitdem versuchen wir so gut es geht durchs Leben zu gehen – möglichst, ohne zu scheitern. Vielleicht drücken wir uns vor manchen Dingen sogar, einfach nur, weil wir Angst haben, zu versagen. Ein gutes Beispiel für dieses Verhalten ist Prokrastination. Wir schieben Aufgaben oder Entscheidungen auf, um ein mögliches Scheitern hinauszuzögern oder zu umgehen.

„Wer weiß, für was es gut war“

Damit sollten wir schleunigst aufhören. Denn ohne Scheitern gibt es keinen Erfolg: Bestes Beispiel dafür sind Berühmtheiten wie Walter Disney, Steve Jobs, Henry Ford oder Künstler wie Stephen King oder Marilyn Monroe. Alle haben sie gemeinsam, dass sie mehr als nur einmal im Leben einen Umweg gehen mussten. Teilweise glaubte niemand an ihre Stärken. Sie scheiterten auf ganzer Linie. Das Entscheidende: Davon haben sie sich nicht abhalten lassen und gingen ihren eigenen Weg weiter. Im Nachhinein fasst der bekannte Satz: „Wer weiß, für was es gut war“ Erfolg, der aus Misserfolg entsteht, besonders gut zusammen. Und der sollte auch für die gelten, die gar keine weltbekannten Stars oder Unternehmer werden wollen. Wir sollten Scheitern für alle neu definieren. Nicht jeder will ein Unternehmen gründen oder ein innovatives Produkt erfinden. Auch wer „einfach nur zufrieden“ sein will, muss Scheitern, auch im Alltag, aus einer positiven Perspektive betrachten.

Scheitern gehört dazu, um Erfolg zu haben: Eine Begebenheit, die man oft vergisst. | Foto: Ian Kim via Unsplash

Scheitern auch als  Erfolg definieren

Als ich letztens auf Tiktok unterwegs war, stolperte ich über ein Interview mit einer Motivationstrainerin. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wie sie hieß und ob ihre Geschichte der Wahrheit entspricht (ein Nachteil von kurzen Tiktok-Videos), aber eigentlich spielt das keine Rolle. Ihre Anekdote hat in mir trotzdem etwas wachgerüttelt:

„In meiner Kindheit hat mein Vater versucht meinen Bruder und mich zum Scheitern zu motivieren. Beim Abendessen hat er uns also tatsächlich gefragt, an was wir in dieser Woche gescheitert sind. Und wenn wir ihm nichts erzählen konnten, da war er geradezu enttäuscht. Und ich erinnere mich, dass ich von der Schule nach Hause kam und ihm zum Beispiel erzählte: `Hey Dad, ich hab das und das ausprobiert und war echt schrecklich drin!´ und er sagte `Hey, klasse!` und gab mir ein High-Five. Was er damals getan hat, war ein Geschenk. Zu der Zeit erkannte ich das nicht, aber was er tat, war Scheitern für uns neu zu definieren. Beim Scheitern geht es für mich seitdem nicht mehr um das Endprodukt, sondern ums Probieren. Denn die Angst vor dem Scheitern ist eine der größten Ängste im Leben und ist das, was uns auf unserem Weg aufhält.“

Gegenseitiges Empowerment

Es wäre schön, wenn wir für uns gegenseitig mehr so sind, wie der Dad aus ihren Erzählungen. Anstatt uns bei Fehlern oder gescheiterten Lebenswegen gegenseitig zu bemitleiden, sollten wir eher daran arbeiten, Scheitern als die normalste Sache der Welt zu sehen. Und zwar nicht nur auf unsere Karriere bezogen, sondern auch in Alltagssituationen. In denen uns ein Kuchen komplett misslingt, wir einen Termin vergessen oder eine Beziehung, egal ob freundschaftlich oder romantisch, nach vielen Versuchen beenden müssen. Scheitern, Fehler machen, einen Umweg gehen: All das ist essenziell, um als Person menschlich und beruflich zu wachsen und das sollte in unserer Gesellschaft endlich genauso akzeptiert werden wie unsere Stärken und Erfolgsmomente.

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