Warum prokrastinieren wir eigentlich so viel?

Die Arbeit ruft, der Kopf sagt nein: Jeder von uns hat schon mal eine Aufgabe unnötig aufgeschoben. Stichwort: Prokrastination. Aber warum tun wir das eigentlich – und was hilft gegen unser ständiges Aufschieben?

Stuttgart – Na, heute schon prokrastiniert? Diese Frage beantworten die meisten wahrscheinlich mit ja. Denn in den letzten Jahren hat sich das Wort „Prokrastination“ schon so sehr etabliert, dass wir es damit gleichsetzen, etwas aufgeschoben zu haben. Egal ob nervige Hausaufgaben damals in der Schule, den Abwasch nach einer ausgiebigen Koch-Session oder das erste Workout seit zwei Monaten. Wir von Stadtkind haben mit dem Psychologen Prof. Dr. Martin Hautzinger mal über dieses Phänomen gesprochen.

Lieber Netflix statt Arbeit

Ich liege im Bett und schaue mir Youtube-Videos an. Schon seit Tagen will ich diesen Artikel hier fertig machen, aber immer wieder ertappe ich mich selbst dabei, wie ich, anstatt in die Tasten zu hauen, etwas ganz anderes vorziehe. Ganz vorne mit dabei sind da natürlich altbekannte Freunde wie Netflix oder Instagram. Aber manchmal räume ich sogar lieber die Wohnung auf, als mich an die Arbeit zu setzen. Komisch, denn eigentlich liebe ich das Schreiben, sonst wäre ich keine Journalistin geworden. Trotzdem schiebe ich meine Texte lieber auf und priorisiere Dinge, die mich weniger anstrengen.

„Wir Menschen sind prinzipiell hedonistisch orientiert“

All das sei ganz normal, sagt Prof. Dr. Martin Hautzinger vom Lehrstuhl für „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ in Tübingen. „Wir Menschen sind prinzipiell erst einmal hedonistisch orientiert“, erklärt er. Aus diesem Grund versuchen wir, Unlust so gut es geht zu vermeiden. „Wenn wir geboren werden, haben wir eine Vielzahl an Bedürfnissen, wie Wärme, Hunger oder Liebe. Die werden auch erst einmal alle erfüllt.“ Aber im Laufe unseres Lebens müssten wir eben lernen, dass wir in einem sozialen Gefüge nicht ständig Genuss erleben können, erklärt der Psychologe. Die Gesellschaft stellt uns verschiedene Aufgaben wie Schule, soziale Verpflichtungen, Ausbildung, Arbeit oder Haushalt. „Und im Laufe der Sozialisation lernen wir, dass wir diese Aufgaben für ein funktionierendes Leben in dieser Gesellschaft erfüllen müssen.“

Prokrastination hat viele Gründe

Aber wenn wir das wissen, warum schieben wir dann genau diese Aufgaben so oft auf und beschäftigen uns mit Dingen, die uns überhaupt nicht weiterbringen? Obwohl das Wort „Prokrastination“ nicht als klinische Störung definiert ist, bezeichnen Psychologen Aufschiebeverhalten in der Regel erst dann als Prokrastination, wenn beim Betroffenen Probleme entstehen und er seine Ziele nicht mehr erreichen kann. „Wer prokrastiniert, der kann dafür viele Gründe haben“, sagt Prof. Dr. Hautzinger. Wem es zum Beispiel schon an Motivation fehle, der rutsche leichter ins Aufschiebeverhalten.

Gut, dass die, denen Job oder Studium nicht gefällt, ihre Aufgaben nicht erledigen wollen, leuchtet ein. Aber das ist bei vielen Menschen ja gar nicht der Fall. Muss es auch nicht sein, ergänzt Hautzinger. Auch Perfektionismus könne ein Grund sein, warum wir Tätigkeiten aufschieben. Aus Angst, sie nicht gut genug zu erfüllen, verzögern wir unbewusst die Zeit für ein Projekt, damit wir das Scheitern dann auf externe Gründe wie zum Beispiel den Zeitmangel schieben können.

Vor allem ein akademisches Problem?

Im Allgemeinen sei eine hohe Selbst- und geringe Fremdkontrolle stark mit Aufschiebeverhalten verknüpft. Das erklärt auch, warum gerade unter Freelancern oder im akademischen Bereich so oft von Prokrastination gesprochen wird. Die Universität in Tübingen berät in ihrer Psychotherapeutischen Hochschulambulanz viele Studierende, die mit dem Problem Prokrastination zu kämpfen haben. „Bei uns sind das um die fünf Prozent aller Studenten“, schätzt Hautzinger.

Viele dieser Betroffenen säßen nächtelang vor dem Computer und spielten Videospiele. Abgaben für das Studium würden so immer weiter aufgeschoben. Auch Netflix und Co. sind oft die erste Wahl, wenn man eine Aufgabe nicht angehen will. Hautzinger kann sich gut vorstellen, dass zwischen unserer stark medialisierten Gesellschaft und dem Hang zur Prokrastination ein Zusammenhang besteht. „Heute ist es sehr leicht geworden, sich von einer Aufgabe ablenken zu lassen“, sagt der Seniorprofessor. Das liege aber auch daran, dass wir eben nicht mehr so stark fremd kontrolliert werden, also quasi vor dem Privileg und der Herausforderung stehen, selbstkontrolliert zu handeln.

Die Prokrastination im Griff haben

Gar nicht so leicht: Je freier wir uns unser Leben gestalten können, desto leichter rutschen wir also auch in die Prokrastination. Aber was können wir dagegen tun? „Manchmal hilft es auch einfach, den Druck aus der Sache zu nehmen“, rät der Psychologe. Dieses Vorgehen wird „Paradoxe Intervention“ genannt. Man verbietet sich an bestimmten Tagen bewusst, für die Hausarbeit oder ein Projekt zu arbeiten. Das erzeuge dann wieder Lust, die Regel an einem anderen Tag zu brechen und lässt uns die Aufgabe nicht schwieriger einschätzen, als sie wirklich ist. Ein schön gestalteter Arbeitsplatz, an den man gerne geht, und gute Organisation könnten hier ebenfalls helfen. Aber hey: Auch Hautzinger prokrastiniert ab und an. Zum Beispiel wenn er Emails beantworten oder Bücher an Verlage schicken muss. Aufschieben ist menschlich. Wichtig ist nur, dass wir die Prokrastination im Griff haben und nicht umgekehrt.

Mehr aus dem Web