Warum kein Mann in den Puff gehen sollte

In den Fußgängerzonen der Stadt stemmen sich vier Frauen gegen Prostitution. Dabei setzen sie auf die Unterstützung des männlichen Geschlechts. Mit Erfolg.

Stuttgart – „Hallo, darf ich dich was fragen? Hast du schon mal für Sex bezahlt?“ Viele der Männer auf der Straße zucken angesichts der direkten Frage erst einmal kurz zusammen – zumal ihnen diese von einer Frau gestellt wird. Doch die vier Verantwortlichen der Initiative „Ichbinkeinfreier“ können gut reden, nehmen den ersten Schreck und verwickeln sie in ein Gespräch, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Männern, die gegen Prostitution sind, eine Plattform geben

Seit November 2017 ist die Initiative, bestehend aus Helena Dadakou, Justyna Koeke, Tara da Lanca und Sarah Kim Weller, auf Plätzen, in Einkaufszentren und in Parks unterwegs und sammelt dabei Statements von Männern, die sich gegen Prostitution aussprechen. Von der Straße gehen die Videos dann ins Netz. Auf der Facebook-Seite von „Ichbinkeinfreier“ wird seit Anfang November täglich ein Statement gepostet, immer spricht ein Mann in die Kamera, immer beginnt das Video mit dem Spruch „Ich bin kein Freier, weil …“. Über 180 Videos sind seither auf Facebook gelandet, die Seite zählt bislang 800 Likes. Die Kommentarspalte bietet Platz für Diskussionen oder Gedankenaustausch, oft auch für Sympathiebekundungen.

„Wir wollen, dass Männer in der Gesellschaft eine Plattform bekommen, die sie nicht haben“, sagt Sarah Kim Weller. Dabei gehe es den vieren nicht darum, die persönlichen Gründe zu bewerten, warum ein Mann zu einer Prostituierten gehe. Man wolle Männer nicht über das Negative angreifen. Was die vier wollen ist eine sexuelle Revolution. „Wir wollen, dass jeder die eigene Sexualität hinterfragt“, sagt Helena Dadakou, „und dass die Menschen offen und ehrlich mit Sexualität umgehen“, ergänzt Justyna Koeke.

Die vier kennen sich über den Verein „Sisters“, der Prostituierten in Not sowie beim Ausstieg aus der Prostitution hilft. Gemeinsam kämpfen sie dafür, dass es nicht selbstverständlich ist, Sex für Geld zu kaufen. Um Armutsprostitution, Menschenhandel und übergriffige Sexualität zu stoppen.

Je intimer das Thema, desto verschlossener die Passanten

Etwa jeder zehnte, den sie ansprechen, sei bereit für ein Statement, sagt Helena Dadakou. In der Cannstatter Fußgängerzone zwischen Erdbeerstand und Tattoo-Studio läuft es besser. Nach wenigen Minuten erklärt sich der erste bereit. Sein Gesicht möchte er aber nicht zeigen. „Kein Problem“, meint Tara da Lanca, „hältst du dann unseren Sticker in die Kamera?“. Für Kamerascheue hat die Gruppe auch eine Perücke und eine Sonnenbrille dabei. Wer bereits eine Umfrage in einer Fußgängerzone gemacht hat, weiß, wie schwer es ist, Leute vor die Kamera zu bekommen. Je intimer das Thema, desto verschlossener die Passanten.

Stumm werden bei diesem Thema nicht nur einige Männer in den Fußgängerzonen der Stadt. Auch bei dem seit März laufenden Mammutprozess gegen die Verantwortlichen der Bordellkette Paradise, u.a. vertreten mit einem Bordell und FKK-Club in Leinfelden-Echterdingen, herrscht bisher größtenteils Schweigen. Dem Chef, Jürgen Rudloff, sowie drei seiner Mitarbeiter, darunter sein Presse- und Marketingchef sowie der ehemalige Geschäftsführer eines Bordells, werden Förderung von schwerem Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, Beihilfe zur Zuhälterei und Betrug vorgeworfen. Bis März 2019 sind am Landgericht gut 80 Verhandlungstermine eingeplant. Allein die Anklageschrift ist 145 Seiten stark.

„Deutschlands erster Kongress für Menschenhandel und Zuhälterei“

„Wir sind nicht gegen Prostituierte, wir sind gegen Prostituierer“, sagt Helena Dadakou. Deswegen ist die Initiative am 23. April auch nach Frankfurt gefahren, um bei Zukunft Rotlicht 2018, laut Veranstalter „Deutschlands 1. Rotlicht Kongress“, zu demonstrieren und das Gespräch zu suchen. Mit im Gepäck: Mehrere Banner, darunter einer mit der Aufschrift „Deutschlands erster Kongress für Menschenhandel und Zuhälterei“. Einer der Kongressteilnehmer, der sich im Gegensatz zu Jürgen Rudloff auf freiem Fuß befindet, ist sein Pressesprecher Michael Beretin. Während sich die vier hauptsächlich mit Security und Veranstaltern gestritten hätten, hätte Berentin zumindest seine Visitenkarte dagelassen. Ein Treffen im Bordell Paradise mit ihm würde die Initiative begrüßen. „Es bringt aber nichts, wenn wir da drinnen am Tisch sitzen aber mit keiner einzigen Frau sprechen können“, sagt Helena Dadakou.

Zum Sexkaufverbot, wie etwa in Schweden, das nicht den Verkauf von Sex bestraft oder reguliert, sondern nur den Kauf von Sex, haben die vier von „Ich bin kein Freier“ unterschiedliche Meinungen. Es gebe bisher kein Modell, das besser funktioniere, sagt Justyna Koeke, zumindest wüchsen dann die nächsten Generationen in einem anderen Selbstverständnis auf. Am besten, da sind sich alle einig, sei es aber, wenn man es gar nicht erst bräuchte.

Die Umsetzung des neuen Prostituiertenschutzgesetzes in Stuttgart beginnt mit Verzögerung

Am 1. Juli 2017 ist in Deutschland das neue Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) in Kraft getreten, das das Prostitutionsgewerbe regulieren und die Prostituierten besser schützen soll. Dazu gehören u.a. eine Erlaubnispflicht für alle Prostitutionsgewerbe sowie eine Anmeldepflicht für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Im Stuttgarter Gesundheitsamt wird laut Leiter Stefan Ehehalt mit der Beratung und Anmeldung erst Anfang Juni begonnen. Derzeit gebe es knapp 600 Anfragen, „nicht gezählt sind die Prostituierten, die im direkten Kontakt mit Sozialarbeiterinnen Auskünfte über den aktuellen Stand der Terminvergabe bekommen“, sagt Ehehalt. Zudem sollen demnächst weitere Stellen für den erhöhten Bedarf in der Beratung, der Ausstiegsberatung und der Prävention ausgeschrieben werden.

In der Cannstatter Marktgasse wird der Einsatz der Initiative derweil vielfach gelobt. „Ich finde das mega cool, es gibt viel zu wenige, die so etwas machen“, sagt Dario Gonzalez, der derzeit seine Schreinerlehre macht. Seine Freunde und er würden zwar ähnlich denken, aber wirklich aktiv sei er halt doch nicht. In seiner Videobotschaft sagt er: „Ich bin kein Freier, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendeine Frau für 30 Euro mit irgendeinem fremden Mann, der sie noch schlecht behandelt, gerne ins Bett gehen will“. Und so lautet auch die Botschaft der Initiative: Wer ins Bordell gehe, nehme immer in Kauf, dass die Prostituierten dort unter Zwang arbeiteten. „Es gibt nicht so viele Freiwillige für die hohe Nachfrage“, sagt Justyna Koeke.

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4 Thoughts

    1. Das ist erstmal ein sehr definitives, pessimistisches und quasi-chauvinistisches Statement. Als ob äußerliche Attraktivität / Sexyness der einzig entscheidende Faktor für tatsächliches sexuelles Erleben (im Sinne von non-virtueller face:face-Begegnung) sind.
      Und selbst wenn Sexualität den Menschen als Wesen mit auf allen Ebenen ausmacht bedeutet das noch lange nicht, dass irgendwer irgendein ein Anrecht auf Sex egal welcher Art hätte. Ich als Mann würde auch gegen Geld nicht „hässliche“ Frauen beglücken wollen – vom Zwang dazu gänzlich geschwiegen.

  1. Leider wird hier unter dem Prostitution jedwede Sexarbeit in einen Topf geworfen und kräftig versalzen.

    Wahr ist wohl, dass es im Bordell- und Laufhausbetrieb Strukturen gibt, die von Ausbeutung geprägt sind. Nur ist das eine Facette des komplexen Themenumfeldes. Es gibt sehr selbstbestimmte und selbstbewusste Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, die mit Sexarbeit offen umgehen und es es sehr bewusst in Ihre lebensumstände eingebaut haben.
    Das muss nicht das Edelescort sein, dass für eine Nacht im Hotelzimmer 3000.- einnimmt (abzgl. Steuer, mögliche Agenturprovisionen und persönliche Aufwände im Vorfeld), sondern auch auch Frauen, die die Erfahrung gemacht haben, dass sie bei einem ONS auch Sex mit einem Fremden haben, aber ein Mann, der die Bereitschaft zur unkomplizierten Intimität mit einer finanziellen Wertschätzung honoriert, auch die Frauen deutlich mehr wertschätzt.

    Das passt aber nicht in unsere postfaktische, von Neoprüderie geprägte Zeit.

  2. Nun, hier wurde etwas missverstanden, natürlich kann man mit den weiblichen Gästen sprechen nur muss man dann auch kommen………

    Michael Beretin

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