Warum ich als Nicht-Christin Weihnachten so liebe

Unsere Autorin kann Weihnachten kaum erwarten. Sie packt ihre Baumschmucksammlung aus, scannt jedes Schaufenster nach Weihnachtsramsch und ihre „Christmas Hits“-Liste auf Spotify läuft in Dauerschleife. Eine so schöne Bescherung – dabei ist sie nicht mal Christin. Warum also das Ganze?

Stuttgart – Kennt ihr die Weihnachtswerbung, in der ein rot beleuchteter Truck zu Melanie-Thornton-Musik durch die dunkle Kälte prescht und alles in der Umgebung in goldenes Licht taucht? Menschen laufen aus den Häusern und lachen Arm in Arm. So kitschig. Bingo. Der Truck ist Weihnachten und die Umgebung meine Laune.

Fröhliche Vaynachten

Ich liebe die besinnliche Zeit. Ich kaufe mir einen Adventskranz, besorge einen Schokokalender und starre verliebt meinen Miniatur-Weihnachtsbaum im Wohnzimmer an, während Michael Bublé andächtig „Feliz Navidad“ raunt. Es gibt da nur einen kleinen Unterschied. Bei mir brennen ab Tag eins alle vier Kerzen. Der Adventskalender schafft es selten bis zum 24. Und im Grunde genommen kann mir keiner sauer sein, wenn ich gar keine Geschenke am Start habe. Denn „so gesehen“ feiere ich Weihnachten ja gar nicht. Ich tu’s trotzdem – vielleicht sogar mehr als der Durchschnitt. Was ist es also? Woher mein besinnlicher Enthusiasmus?

Weihnachten ist keine Jahreszeit

Eine amerikanische Schriftstellerin sagte mal: „Weihnachten ist keine Jahreszeit, sondern ein Gefühl.“ Sie hat recht. Wenn die ersten Schokonikoläuse im Supermarkt auftauchen, überkommt mich dieses heimelige Kribbeln im Bauch. Bald ist es wieder soweit. Bald paart sich mein Bauchkribbeln mit dem Duft von Zimt, getrockneten Orangenschalen und Vanille in der Luft.

Ich liebte Weihnachten schon, da war ich noch ein kleines türkisches Mädchen. Am Zuckerfest Bayram bekam ich Nimm2-Bonbons von meinen vielen Verwandten zugesteckt. Der Nikolaus aber kannte mich nicht einmal und trotzdem füllte er meine Stiefel mit Schokolade und Mandarinen. Danke Onkel Nikolaus, dachte ich mir, das werde ich dir nicht vergessen. Meine Loyalität ging so weit, dass ich Lieder wie „Still, weil’s Kindlein schlafen will“ im Gemeindehaus vorsang. In der Menge saß natürlich auch meine ganze türkische Familie. Meine Oma wippte im Takt mit und knackte zwischenzeitlich Walnüsse, die als Deko auf dem Tisch drapiert lagen.

Die Herrlichkeit von zu viel Lametta

Weihnachten ist ein Gefühl. Und das weht mit dem eisigen Wind in die Herzen, wie in der Werbung mit dem rot beleuchteten Truck. Ich meine, sogar Ebenezer Scrooge ist nach Weihnachten wieder gut drauf. Weihnachten ist das Fest der Liebe – und da ist es scheißegal, ob ich Christin, Buddhistin, Muslimin oder Atheistin bin. Liebe ist eine Universalsprache.

Meine Familie lässt es sich jedenfalls nicht zweimal sagen, wenn mein deutscher Onkel zum jährlichen Weihnachtsschmaus einlädt. Dann laufen im Hintergrund Panflöten-Cover der Weihnachtsklassiker und meine türkische Tante hat extra viel Lametta in den Baum gehängt. Am reich gedeckten Tisch sitzen Opa Willy, Tante Evi und Cousin Thomas. Der Rest der Runde ist ziemlich bärtig, ziemlich dunkelhaarig und ziemlich muslimisch. Die einen sagen „Vater unser“, die anderen „Bismillah“, bevor es an die saftige Weihnachtsgans geht. Beschwipst oder nicht, wir sind alle irgendwie eins. Ein seliges Fest eben.

Amerika: Das Land der unbegrenzten Santa Clauses

Apropos zu viel Lametta: Es gibt kein zu viel. Es muss nicht einmal unbedingt zusammenpassen. Es muss nur schön heimelig sein. Weihnachten ist genial, weil ich unzensiert meine kitschige Seite ausleben kann. Die ist mir als Türkin angeboren. Ich mache das aber auf stilvolle und farblich abgestimmte Art. Kitsch Couture quasi. Ein Widerspruch in sich, sagt ihr? Dann reist doch mal in die USA. Die Werbung, die Filme, der besinnliche Konsumrausch sind Vorlage für die ganze Welt. Sogar in der Istiklal Caddesi in Istanbul sieht es zur Weihnachtszeit aus wie am Rockefeller Center in New York City. „Ay, ne güzel isiklar!“ – „Ay, was für schöne Lichter!“, denken sich die Istanbuler. Dabei haben sie wahrscheinlich noch nie „Kevin allein in New York“ gesehen.

Warum liebst DU Weihnachten so?

Amerika: das Land der unbegrenzten Santa Clauses. Und dort habe ich über ein Jahr lang gelebt. Ich habe von den Besten gelernt. Die Frage: „Warum liebst DU denn Weihnachten so sehr?“ hätte sich hiermit endgültig erledigt. Amerika war mein „Pimp My Ride“: Katzen tragen hier Halsbänder in Zuckerstangenoptik. Es gibt ganze Lebkuchenhausdörfer. Ich habe sechs professionelle Portraitaufnahmen mit Santa Claus. Also dem echten, der in der Mall, für den alle Kinder Schlange stehen (inklusive mir). Manchmal war er asiatisch, manchmal schwarz, manchmal irritierend jung. Welcher mir wohl damals die Schokolade in den Stiefel füllte?

Amerika ist mein Schlaraffenland. Meine „Candy Cane Lane“. Mein Weihnachtsmekka. Mehr Glitzer, mehr Zauber, mehr Kommerz und Konsum gehen nicht. Es ist himmlisch. Was das mit Jesus Christus zu tun hat? Keine Ahnung, ich fliege trotzdem jedes Jahr zur Bescherung rüber. Mittlerweile bin ich also eine deutsche Türkin mit amerikanischen Einflüssen. Ich bin ein toxischer Cocktail aus Kitsch, Traditionalismus und Santa-Claus-Sympathien. Darauf noch einmal Last Christmas bitte. Und vielleicht ein bisschen Halay-Tanz.

Mehr Traditionen für die Seele!

Weihnachten beweist mir immer wieder: Das Jahr kann super oder richtig scheiße gelaufen sein. Es kann sich extrem viel oder absolut gar nichts geändert haben. Im Fernseher wird „Titanic“ laufen und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Alle werden sich über Last Christmas aufregen – obwohl es einfach ein guter Song ist. Und ich kann wieder alle vier Adventskerzen auf einmal anzünden. Nichtchristentum ist nicht gleich Antichristentum. Der Nikolaus füllt die Stiefel mit Schokolade und Mandarinen, egal ob drinnen Ibrahim Tatlises oder Michael Bublé läuft.

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