Warum haben wir uns seit Corona nichts mehr zu sagen?

Die Kontakt-Regeln werden lockerer. Während immer noch ein Zoom-Meeting das nächste jagt, kann man sich für ein Gespräch jetzt auch im Café treffen. Doch über was reden? Unsere Autorin findet: Seit der Corona-Krise haben wir uns weniger zu sagen – und vielleicht ist das sogar ganz gut.

Stuttgart – Es ist zehn vor acht an einem ganz normalen Sonntagabend. Obwohl: Eigentlich ist nichts normal an diesem Sonntag. In den letzten zwölf Wochen war nichts normal an meinen Sonntagen. Genauso wenig, wie an jedem anderen Wochentag. In zehn Minuten bin ich mit meinen Freunden aus dem Auslandssemester zum Zoom-Meeting verabredet. Anstatt mich auf dieses Treffen zu freuen, geht mir aber nur eines durch den Kopf: Was um alles in der Welt soll ich denn schon wieder erzählen.

Wie ein schlechter Horrorfilm

Ich weiß noch ganz genau, wie ich Anfang März mit genau diesen Freunden das erste sonntägliche Zoom-Date hatte. Die Corona-Pandemie nahm gerade ihren Lauf, die Aufregung war groß. Wie ist es bei euch in Italien, in Spanien, in der Schweiz? Man hatte sich viel zu erzählen und irgendwie auch das schaurig-schöne Gefühl im Bauch, dass man nur bei einem schlecht gemachten Horrorfilm bekommt. Diese Mischung aus Entsetzen und Überheblichkeit.

Vielleicht kam auch noch eine Prise Naivität hinzu. Oder ein großer Klecks Zuversicht – man kann es so oder so sehen. Wir schilderten uns damals die Corona-Situation in unseren Ländern, stellten Fragen, malten uns die Zeit nach der Krise aus und beschlossen: Jetzt in der Quarantäne haben wir doch alle Zeit, lasst uns ab jetzt jeden Sonntag telefonieren.

Einmal nicht über Corona reden…

Zwischen den sonntäglich geplanten Zoom-Meetings lagen dann doch immer mehrere Wochen. Und ganz ehrlich? Ich bin froh darüber. Denn mir gehen die Worte aus – uns gehen die Worte aus. Bei manchen Freunden mehr, bei manchen weniger. Irgendwann sprechen wir doch alle wieder nur über das Virus, dessen Name eigentlich nicht genannt werden darf. Denn das ist oft der Plan: „Hey, lasst heute mal nicht über Corona reden – da hab ich keine Lust drauf“, leitete der Kumpel aus der Schweiz unser letztes Zoom-Get-Together ein.

Alle nickten zustimmend und man war sich einig, dass man über was anderes reden will. Egal was. Dass man lachen will, eventuell über die gemeinsame Zeit im Ausland sinniert, vielleicht sogar Pläne für das nächste Treffen im Real-Life schmiedet. Geschafft haben wir das an besagtem Sonntagabend aber nicht. An keinem Sonntagabend, genauer gesagt. Bei jedem Treffen, das ich bisher hatte, kam irgendwann „Corona“ zur Sprache.

Zwischen den wöchentlich geplanten Sonntags-Zoom-Meetings lagen dann doch immer mehrere Wochen. Und ganz ehrlich? Ich bin froh darüber. Denn mir gehen die Worte aus – uns gehen die Worte aus.

Es passiert ja auch nicht viel

Ich habe das Gefühl, wir wissen nicht mehr, was wir sagen sollen. Die Corona-Pandemie hat uns alle gepackt und einmal ganz kräftig geschüttelt. So, dass uns die Worte im Mund steckengeblieben sind. Es gibt Dinge, die sind im Moment eben im wahrsten Sinne des Worte nicht mehr der Rede wert. Es passiert ja auch nicht viel. Keine Reisen, keine Club-Besuche, keine Shopping-Touren, keine Partys, keine Events – bis vor Kurzem konnte man nicht mal davon erzählen wie schön der letzte Restaurantbesuch war. Für viele Minijobber heißt es immer noch: No work für you. Keine Chance, dass man da als Bedienung von komischen Gästen erzählt. Dank Homeoffice ist auch Schluss mit lustigen Anekdoten aus dem Büro. Die Unis bleiben geschlossen, das Interessanteste aus einem vollgepackten Tag mit Zoom-Vorlesungen ist doch nur, dass Student XY vergessen hat, sein Audio auf stumm zu schalten.

Ich habe das Gefühl, wir wissen nicht mehr, was wir sagen sollen. Die Corona-Pandemie hat uns alle gepackt und einmal ganz kräftig geschüttelt. So, dass uns die Worte im Mund steckengeblieben sind.

Die Corona-Krise betrifft uns alle

Unser Leben ist zweidimensional geworden. Nicht nur, weil wir uns eher über Bildschirme sehen, als uns in 3D zu umarmen. Sondern auch, weil wir auf einmal alle ähnliche Prioritäten haben. Nie waren zum Beispiel Gesundheit und Homeoffice wichtiger als jetzt. Wie heißt es so schön? Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und in dieses Päckchen schmuggelt das Coronavirus jetzt eben bei jedem noch mal ein paar extra Kilos, die Atemschutzmaske gibt’s gratis dazu. Für viele, gerade junge Menschen, ist die Corona-Pandemie die erste weltweite Krise, die sie wirklich betrifft. Auf einmal ist es in Deutschland schwierig auf dem Arbeitsmarkt. Stellen werden gestrichen, Unternehmen müssen schließen und Aufträge nehmen ab. Kein Wunder sprechen wir also bei unseren Treffen nicht über die geplante Weltreise von XY. Vielleicht lästern wir auch weniger. Nörgeln weniger. Erzählen eher nicht von Banalitäten, sondern sitzen öfter mal still da und schweigen uns über unsere Bildschirme nachdenklich ein paar Sekunden an.

Schluss mit oberflächlichem Small Talk

Aber wisst ihr was? So schlecht muss das gar nicht sein. Vielleicht verschiebt sich einfach unser Gefühl für das Erzählenswerte. Wie es Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo schreibt, weht „der Geist der Reduktion auf das Wesentliche durch die Welt“. Die Frage ist nur, ob dies nachhaltig etwas an unserer Gesellschaft verändert.

Ich jedenfalls würde mir wünschen, dass wir durch die Corona-Krise lernen, was wirklich wichtig ist. Dass wir nicht einfach nur oberflächlichen Small Talk führen und uns gegenseitig davon erzählen wie toll unser Leben ist. Ich will, dass wir uns mit Gedanken und Gesprächen gegenseitig bereichern. Dass wir auch über unangenehme Themen sprechen und dass es auch mal in Ordnung ist, nichts zu sagen, wenn man eben einfach nichts zu sagen hat. Genau mit dieser Einstellung gehe ich jetzt jedenfalls in meine zukünftigen Zoom-Meetings. Und Kaffee-Dates. Und Familien-Essen.

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