Warum glauben Menschen an Verschwörungs-
theorien?

In Deutschland demonstrieren seit Wochen zahlreiche Menschen gegen die Coronavirus-Maßnahmen. Immer darunter: Verschwörungstheoretiker. Weshalb glauben so viele Menschen an teils völlig abstruse Mythen?

Stuttgart – Bill Gates ist für viele Menschen zum Hassobjekt Nummer eins geworden. Im Internet und in sozialen Netzwerken wuchern die Verschwörungstheorien über den Microsoft-Gründer im Zusammenhang mit Corona. Entweder Gates steckt selbst hinter der Verbreitung des Virus oder er nutzt dieses nun, um weltweit einen Impfstoff teuer zu verkaufen. Doch das ist noch nicht alles an Verschwörungstheorien, die so durch das Netz geistern im Zusammenhang mit der derzeit grassierenden Pandemie. Von „Impfterrorismus“ ist die Rede, für manche ist das Virus ein Machwerk der Regierungen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Woher kommen Verschwörungstheorien?

Viele Menschen machen sich seit Beginn der Ausbreitung des Coronavirus ernsthafte Sorgen: um ihre Gesundheit, um ihren Arbeitsplatz, um ihre Familie. Viele sind überfordert von den Einschränkungen. Singles fühlen sich einsam und isoliert, Familien am Belastungslimit. An vielen Orten in Deutschland demonstrieren nun seit einigen Wochen tausende Menschen gegen die Einschränkungen.

Doch neben ernsthaft besorgten Menschen kommt auf diesen Demos häufig auch eine krude Mischung zusammen: Rechtsextreme, Impfgegner und Anhänger sämtlicher Verschwörungstheorien. „5G Kills“, „Impfterrorismus“ oder „Jesus rettet Leben, Bill Gates tötet Leben“ sieht man dort auf Plakaten. Das Problem: Die, die sich wirklich nur Sorgen machen, gehen dort oft unter – und ja, so mancher ignoriert auch, neben wem er da eigentlich demonstriert.

Viele Geschichten rund um Corona gehören ins Reich der Märchen

Auch im Internet wuchern die Theorien über die Entstehung des Virus, in Chatgruppen rufen viele zum Widerstand auf. Viele äußern Kritik an den staatlichen Maßnahmen. Viele Geschichten, die sich rund um Corona ranken, gehören schlicht ins Reich der Märchen. Manche sind so krude, dass sie kaum überprüfbar sind. Doch was sind Verschwörungstheorien?

Die meisten dieser Verschwörungsmythen haben den grundsätzlichen Glauben gemeinsam, dass als machtvoll wahrgenommene Einzelpersonen oder eine Gruppe wichtige Ereignisse steuern, die Bevölkerung aber über ihre Ziele im Dunkeln lassen. Anhänger solcher Erzählungen glauben nicht daran, dass manches schlicht zufällig passiert.

Die Anhänger kommen nicht mit Unsicherheit zurecht

Aber warum glauben Menschen an Geschichten, die so unwahrscheinlich klingen? Die Anhänger kommen oft nicht mit Ambivalenzen und Unsicherheiten zurecht, halten ihre eigenen Ängste nur schwer aus. „Es ist eine Mischung aus Macht- und Kontrollverlust, die die Menschen anfällig für solche Verschwörungstheorien macht“, schreibt der Journalist und Politikwissenschaftler Bernd Harder in seinem Buch „Verschwörungstheorien: Ursachen, Gefahren, Strategien“. Oft spalten Verschwörungstheoretiker ihre eigenen Ängste aber auch ab. Laut dem Amerikanistik-Professor Michael Butter kommt im Zuge von Corona eine Negation von Angst hinzu: „Wer nicht an die Krankheit glaubt, denkt auch, da ist keine Gefahr.“

Problematisch sei daran, dass genau diese Menschen sich und andere nicht schützten, sagt Butter, der Leiter eines europäischen Forschungsprojektes über Verschwörungstheorien ist und im Jahr 2018 das Buch „Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien“ publiziert hat.

Viele fühlen sich besser, weil sie überzeugt sind, sie kennen als Einzige die Wahrheit.

Oft gibt es zwar durchaus einen wahren Kern, aber: „Viele verknüpfen dann Dinge falsch und sehen Muster, wo eigentlich keine sind“, sagt Pia Lamberty. Die Psychologin forscht ebenfalls zu Verschwörungstheorien, an der Universität Mainz. Zudem ist sie Mitglied im internationalen Netzwerk „Comparative Analysis of Conspiracy Theories“. Ihr Lieblingsbeispiel sei der Verweis auf einen alten Comic. In „Asterix in Italien“ aus dem Jahr 2017 heißt der Bösewicht „Coronavirus“. Viele sehen das als Vorhersage der Pandemie. Lamberty sieht auch ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit hinter dem Glauben an Verschwörungserzählungen: „Viele fühlen sich besser, weil sie überzeugt sind, sie kennen als Einzige die Wahrheit.“

Die Psychologin hat gemeinsam mit der Berliner Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin Katharina Nocun das Buch „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ geschrieben – vor Corona. Wegen Corona haben sie den Erscheinungstermin aber auf Mitte Mai vorgezogen. Je länger die Pandemie dauert, desto mehr verbreiten sich teils absurde Mythen, über die Ursachen der Viruskrankheit.

Viele machen es nicht unter der ganz großen Weltverschwörung– sie glauben tatsächlich alle Regierungen der Welt haben sich im Geheimen verbündet, um ja, … ja was eigentlich? Antworten bleiben Verschwörungsanhänger oft schuldig.

Viele glauben auch nicht an einen natürlichen Ursprung des Virus. „Große Ereignisse brauchen große Ursachen – davon sind viele Anhänger von Verschwörungserzählungen überzeugt“, sagt Pia Lamberty. „Und Pandemien lösen immer das Verschwörungsszenario aus, jemand habe diese absichtlich in die Welt gesetzt.“ Krankheiten hätten dieses Potenzial, weil sie ein „unsichtbarer Feind“ seien und die Informationslage oft komplex sei.

Außerdem seien Anhänger von Verschwörungserzählungen unempfänglich dafür, wenn sich ihre Thesen gegenseitig ausschließen. „Sie stört es nicht, dass sie einerseits glauben, Corona gibt es nicht, aber andererseits, dass es als Biowaffe absichtlich in die Welt gesetzt wurde“, so Lamberty.

Über das Internet verbreiten sich Falschaussagen schnell 

Durch die Corona-Pandemie erleben wir derzeit weltweit einen maximalen Kontrollverlust. „Vielen geben diese Mythen ein Stück weit Kontrolle zurück, so absurd diese Geschichten auch sind“, sagt Lamberty. Wer eine starke Verschwörungsmentalität habe, der unterscheide dann auch nicht mehr zwischen dem Wissen von Experten und dem von Laien. Da wird die Qualität eines YouTube-Videos von irgendeinem Fernsehkoch oder irgendwelchen selbsternannten Ernährungs- oder Gesundheitsexperten höher eingeschätzt als das Wissen eines Virologen oder Epidemiologen. „Manche glauben da dann schon absichtlich nicht, was Christian Drosten sagt, einfach, weil sie ihn für ‚Mainstream‘ halten“, sagt Lamberty.

Verschwörungstheorien gibt es schon seit Jahrhunderten, auch viele andere Pandemien haben die Menschen zu den absurdesten Geschichten inspiriert. Der Unterschied zu heute: Über das Internet verbreiten sich Verschwörungen und Falschaussagen schnell. Bereits Anfang Februar warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer grassierenden „Infodemie“. Hat diese am Ende womöglich weitreichendere Folgen als die Corona-Pandemie an sich? „Ich plädiere stark dafür, nicht allzu alarmistisch zu sein“, sagt Michael Butter. Er vermutet, viele der derzeitigen Bewegungen ebben nach dem Ende der Einschränkungen ab. „Allerdings könnte sich der Verschwörungsdiskurs im Laufe der Krise ändern.“ Die Debatte um eine vermeintliche Impfpflicht könne durchaus noch über ein Jahr anhalten.

Oft sind das sonst im Leben völlig normale Menschen.

Mit der steigenden Verbreitung der Verschwörungstheoretiker, wachsen auch deren Gegner. Unter #covidioten machen sich in sozialen Netzwerken schon andere über die diversen Verschwörungstheoretiker lustig. Sie werden als irre, verrückt oder gestört bezeichnet. Nun entspricht diese Herabwürdigung dieser Menschen keineswegs dem Stand der Wissenschaft noch ist er zielführend, um eine vernünftige Diskussion aufrechtzuhalten.

Tatsächlich ist es nicht pathologisch, an Verschwörungstheorien zu glauben. Die meisten Menschen, die zu einer Verschwörungsmentalität neigen, gelten nicht mal als psychisch erkrankt. „Man assoziiert das mit Psychosen, aber das trifft nicht zu“, sagt Michael Butter. „Oft sind das sonst im Leben völlig normale Menschen“, sagt der Forscher. Tatsächlich gebe es in der Gesellschaft auch relativ viele große Gruppen, die an verschiedene Theorien glaubten. „Die kann man nicht alle als psychisch krank abtun“, sagt Butter.

Kollektiver Narzissmus

Gerade die, die ihre Popularität oder Berühmtheit nutzen, um Verschwörungstheorien zu verbreiten, tun dies häufig mit der Strategie, dass sie nun die einzigen sind, die über dieses vermeintlich, geheime Wissen verfügen. Sie wollen schlicht einfach im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen oder verdienen Geld mit Klicks und Videos. „Damit sticht man ja aus der Masse heraus, man ist etwas Besonderes und der einzige, der aufgewacht ist“, sagt Butter. Die anderen sind dann die „Schlafschafe“, die naiv offiziellem Wissen folgen.

Auch Lamberty sieht das eher als eine Art „kollektiver Narzissmus“, vereint im Glauben „wir sind besser“. „Das Phänomen ist so weit verbreitet. Man darf da nicht den Fehler machen, zu glauben, dass die alle verrückt sind“, sagt sie.

Fotos: Lichtgut/Max Kovalenko, Lichtgut/Julian Rettig

Titelfoto: Unsplash/Engin Akyurt

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