Warum gilt Upskirting nicht als sexuelle Belästigung?

Großbritannien hat es geschafft: Dort ist „Upskirting“ jetzt unter Strafe gestellt. In Deutschland gilt der voyeuristische Trend, unter den Röcken von Frauen zu fotografieren, aber immer noch nicht als sexuelle Belästigung. Das muss sich schleunigst ändern, findet unsere Autorin.

Stuttgart/London – Können wir bitte mal alle kurz innehalten und Gina Martin hochjubeln? Die Britin hat sich monatelang dafür eingesetzt, dass „Upskirting“ in Großbritannien unter Strafe gestellt wird – und hatte Erfolg: Das britische Oberhaus hat jetzt ein Gesetz verabschiedet, das das Fotografieren unter Röcken mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft.

„Upskirting“ ist nicht neu

Upskirting – ihr erinnert euch vielleicht – ist dieser neue voyeuristische „Trend“ mit viel zu coolem Namen, der seit einigen Jahren auch in Stuttgart besonders zur Wasen-Zeit Hochkonjunktur hat. Wenn alle Mädels in ihrem Dirndl auf den Bänken stehen, schwups, einmal das Handy (am Selfie-Stick) unter den Rock gehalten und schon fühlt man(n) sich irgendwie größer, besser, ja, männlicher? Weil man(n) eine Frau bloßstellen konnte, in ihre – übrigens meist bewusst eingepackte – Intimzone vordringen konnte?

Und bevor jetzt alle wieder schreien – ja, es gibt ganz bestimmt auch irgendwo auf der Welt Frauen, die unter den Röcken von Frauen fotografieren. Mit denen funktioniert das Wortspiel aber nicht so gut.

Bisher keine Straftat in England und Wales

Über die grenzenlose Hirnverbranntheit dieser Aktion und warum ein Otto-Katalog doch absolut den gleichen Zweck erfüllen würde, haben wir ja schon gesprochen. Und nein, dass der Otto-Katalog jetzt nicht mehr gedruckt wird, ist kein Argument, doch auf Upskirting umzusteigen. Es gibt immer noch das Internet.

Zurück zum Thema: Das perverse Fotografieren ist in Großbritannien jetzt also laut Gesetz verboten. Dass es deswegen zig Pressemeldungen gibt, weil das anscheinend ein großes Ereignis ist, ist eigentlich schon traurig genug. Noch ein ganzes Stück trauriger ist, wie lange die Aktivistin Martin für dieses Gesetz kämpfen musste.

Im August 2017 wurde sie selbst Upskirting-Opfer, gibt Martin an. Sie meldete den fremden Mann, der ihr das Handy unter den Rock geschoben habe, der Polizei. Doch die sagte: „Da können wir nicht viel machen.“ Anders als in Schottland war Upskirting in England und Wales kein Verbrechen. Das ist jetzt an und für sich noch relativ logisch: Man kann ja nichts explizit verbieten, das bisher noch keiner getan hat. Irgendjemand muss erst einmal auf eine grenzdebile Idee kommen und jemand anderes muss sich wehren.

Petition mit 111.000 Unterstützern

Gina Martin hat sich gewehrt. Gegen die Täter, gegen Vergewaltigungswünsche und Drohungen, die sie online erhielt, am Ende sogar gegen einen konservativen Abgeordneten im britischen Parlament, der sich als einziger weigerte, dem Gesetz zuzustimmen. Kleine Anekdote am Rande: Feministinnen verhängten die Bürotür des Abgeordneten daraufhin mit Unterhosen. Hihi.

Martin startete im Sommer 2017 gemeinsam mit einem befreundeten Anwalt eine groß angelegte Kampagne, versammelte in einer Online-Petition mehr als 111.000 Unterstützer um sich und setzte sich durch. „Ich bin so aufgeregt und erschöpft“, twitterte die Aktivistin am Mittwoch.

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Auch in Deutschland keine sexuelle Belästigung

Happy End in England und Wales also. Und wie sieht es in Deutschland aus? Rechtsanwalt Christian Solmecke hat auf Deutschlandfunk Nova erklärt, dass Upskirting hierzulande per se noch keine sexuelle Belästigung und damit keine Straftat ist. Der Grund: Für den Tatbestand der sexuellen Belästigung muss nach deutschem Gesetz jemand berührt worden sein. Und das passiert beim Fotografieren oft eben nicht.

Erst, wenn die Fotos an Dritte weitergegeben werden, greift das bestehende Gesetz. Wer die Fotos für sich behält oder wem man nicht nachweisen kann, dass das Foto geteilt wurde, der kam in vergangenen Fällen oft davon. Außerdem müssen die betroffenen Personen erst einmal beweisen, dass sie diejenigen auf dem Foto sind – je nach Fall gar nicht so einfach.

Nur im Zivilrecht gelten solche Fotos als Persönlichkeitsverletzung. Die Folge bei einer Anzeige: Eine Unterlassungsklage – die Fotos müssen gelöscht werden. Unter Umständen muss ein bisschen Schadenersatz gezahlt werden. Das war’s.

Zeit für eine Petition in Deutschland!

Das, was Gina Martin noch im Sommer 2017 erlebt hat, kann Frauen in Deutschland also ganz genauso passieren: Selbst, wenn man die Täter erwischt, kommen sie straffrei davon. Höchste Zeit also für eine eigene Petition. Liebe Menschen da draußen, wer ergreift die Initiative?

(Titelfoto: Unsplash/Mihai Surdu)