Warum geht ihr nicht auf Demos?

Wenn unser Autor auf einer Demo unterwegs ist, fragt er sich oft: Wo sind eigentlich meine Freunde? Wer die Demokratie liebt, sollte sich seiner Meinung nach einmal mehr politisch beteiligen, als bei Wahlen ein Kreuzchen zu setzen.

Stuttgart – 1342 Demonstrationen zogen 2017 durch die Stadt, skandierten Forderungen durch Megafone, mit Plakaten, Bannern und Trillerpfeifen bewaffnet. Die große Mehrheit der Demonstrationen verläuft friedlich, ohne Gewalttaten und Verstöße gegen Auflagen. In Stuttgart demonstrieren Kurden, Türken, Legalisierungsfreunde, Bahnhofsgegner, Antifaschisten, Bildungsplangegner, Bildungsplanbefürworter, LGBTQ+ler, Kulturfreunde und Pflegekräfte.

Gründe, für etwas auf die Straße zu gehen, gibt es offenbar mehr als Tage im Jahr. Demonstrationen geben der Bevölkerung die Möglichkeit, sich politisch zu beteiligen – und das ganz unabhängig von Legislaturperioden.

Eine Demo kann nass, kalt, zäh und auch langweilig sein

Was ich sehe, wenn ich bei einem Protest unterwegs bin, sind leider oft nur Randgruppen, Minderheiten, persönlich Betroffene. Meine Freunde treffe ich nur sehr selten auf einer Demo. Viele würden wahrscheinlich mit „Nein“ antworten, wenn ich sie fragen würde, ob sie schon einmal auf einer Demo waren.

Der Aufwand, auf eine Demo zu gehen, ist mit dem am Wahlsonntag zu vergleichen, wenn auch etwas mehr Zeit in Anspruch genommen wird. Statt der halben Stunde, die man in die nächste Sporthalle oder Schule braucht, um den ausgefüllten Schein in die Wahlurne zu werfen, geht eine Demo meistens ein, zwei oder drei Stunden. Man steht sich die Füße in den Bauch, hört zu leise oder viel zu laute Reden mit pfeifendem Mikrofon und läuft durch Straßen, in denen andere gerade ihren Kaffee trinken oder ihr Bier kippen und das Leben genießen.

Demonstrieren kann wirklich anstrengend sein, kalt und nass, zäh und auch langweilig. Aber ein Protestzug mit ein paar hundert, vielleicht sogar tausend Teilnehmern zeigt Wirkung und wird gesehen von Presse und Politik.

Kein Grund, gegen irgendwas zu protestieren

„Mir geht es sehr gut!“, sollte jeder mal laut sagen, der diese Zeilen liest und noch nie auf einer Demonstration war. Die meisten im Südwesten haben kaum Gründe zu demonstrieren: Wer einen Job hat, eine Wohnung, ein Auto und genug Geld, um zweimal im Jahr in den Urlaub zu fahren, dem geht es, so würden wohl die meisten übereinstimmen, sehr gut. Wer sich keiner Minderheit zugehörig fühlt, eventuell weiß und sogar noch männlich ist, und das Glück hatte, eine Schule besuchen zu dürfen, kennt zumeist keine Benachteiligung, Unterdrückung, Verfolgung oder Existenzängste. Klar, kein Grund, gegen irgendwas zu protestieren – #blessed eben.

 

Testo von „Zugezogen Maskulin“ sagt dazu:
„What a time to be alive, ohne Seuchen, ohne Krieg,
Hundert Jahre Langeweile dank moderner Medizin.
Ohne Staat und Kollektiv, wie schlägt man da die Zeit tot?
Beisenherz, Dagi Bee, Snapchat, Psaiko.Dino.“

„Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Klar, man kann Ideen auch Zuhause am Smartphone oder am Esstisch supporten. Doch sollte man nicht gerade den Hintern von der Couch erheben, Netflix, Bier und Kaffee mal stehen und liegen lassen, gerade wenn es um die Interessen anderer geht? Dazu gibt es ein schönes Zitat von dem evangelischen Theologen Martin Niemöller, der das Konzentrationslager Sachsenhausen überlebte:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

Nicht nur Antifaschisten sollten gegen Faschisten demonstrieren

Wie sollen wir zeigen, dass wir mehr sind, wenn die Hälfte das Fitnessstudio, die Couch oder irgendwas dazwischen der Demo vorzieht? Dein Bier trinken kannst du auch auf der Demo, dich mit Freunden verabreden genauso. Es ist null peinlich, sich für was stark zu machen. Egal, ob es einen selbst betrifft, die Freunde oder jemanden, mit dem man überhaupt nichts zu tun hat. Nicht nur Frauen müssen für Frauenrechte demonstrieren, nicht nur Pfleger für bessere Arbeitsbedingungen, nicht nur Antifaschisten gegen Faschisten. Wer seine Demokratie liebt, der demonstriert. Steuern zahlen ist Pflicht, demonstrieren ist Recht. Und das sollte man wahrnehmen.

2000 Demonstranten sind weniger als ein Prozent der Stuttgarter

Wenn 2000 zur Demo für Vielfalt auf den Karlsplatz kommen, nachdem Rechte durch Chemnitz marschieren, dann ist das eine schöne Zahl. Rein statistisch hatten 99 Prozent der über 600.000 Stuttgarter aber besseres zu tun. „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“, hatte es eine ältere Dame bei ebendieser Demo auf ihrem Plakat stehen. Wer erst dann demonstrieren geht, wenn es für einen selbst eng wird, ist dann vielleicht schon zu spät dran.

Mehr aus dem Web