Warum der Sonntag die größte Heraus-
forderung der Woche ist

In der neuen Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit und all die kleinen und großen Hürden im Leben – wie Sonntage zum Beispiel. Leider sind die oft zäh und still, doch heute bekommt die Schwere ein High Five von ihr.

Bremerhaven – Die Sonne scheint durch den Vorhang an meinem Fenster und ich bleibe noch weitere Stunden liegen. Die Woche war: durchschnittlich. Keine größeren Ereignisse, der Alltag war wie jede andere Woche und trotzdem drückt mich eine große Schwere zurück ins Bett. Ich denke, dass ich heute wohl nicht mehr meine Wäsche waschen werde und ärgere mich, dass ich keine Kraft in meinem Körper finde.

Es ist wieder Sonntag

Der Ärger ist unberechtigt, eigentlich weiß ich das auch. Aber eine depressive Episode ist immer unpassend und Zeit habe ich dafür auch nicht. Ich denke mir, dass die Schwere doch wenigstens einen Termin bei mir ausmachen könnte, damit ich das in meinen Kalender und meinen Zeitplan eintragen kann. Da macht diese aber nicht mit. Inzwischen ist die Schwere ein guter, alter Bekannter geworden. Wir kennen uns ziemlich gut und eigentlich haben wir uns gut angepasst. Die ersten Male, als die Schwere mich besuchte, war ich völlig aufgeschmissen und überfordert mit der Unmöglichkeit meinen Tag zu bewältigen. Inzwischen weiß ich, dass ich manchmal weniger Energie habe und manchmal muss die Wäsche eben warten. 

Die Frage nach dem Eigentlich

Eigentlich alles ganz einfach. Eigentlich. Aber eigentlich liege ich auch seit Stunden wach in meinem Bett, betrachte den Vorhang und frage mich, ob ich nicht doch einfach nur faul bin und nicht diszipliniert genug. Hat Wäsche Waschen überhaupt etwas mit Disziplin zu tun? Und warum quäle ich mich jeden Sonntag mit diesen Gedanken? Seit wann sagt meine Fähigkeit meine Wäsche zu waschen etwas über mich als Person aus?  Ist mein Schmerz, meine Krankheit und meine Psyche überhaupt real, wenn man sie nicht sehen kann? Wo ziehe ich die Grenze zwischen meiner eigenen Faulheit und meiner eigenen depressiven Lethargie?

Psychische Erkrankungen in den Alltag zu integrieren ist schwer und anstrengend, sogar wenn man den guten Bekannten zu sich eingeladen hat. Schnaubend lache ich auf und werfe die Decke zur Seite. Ich drehe mich auf die andere Seite und sehe auf die Uhr. Es ist nachmittags und ich stehe in Zeitlupe auf. Sonntage sind meist langsam und still. Ich schneide mir Brot, leere den Wäschekorb und werfe alles in die Waschmaschine. Die Schwere kriegt ein High-Five. Ich drücke Start und bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Sonntag.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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