Secret Walls Gallery: Stuttgarter Hauptbahnhof wird zur Graffiti-Galerie

Es riecht nach Lack, gesprühter Farbe und etwas ganz Großem: Der Stuttgarter Hauptbahnhof, genauer der Bonatzbau, verwandelt sich gerade in die gigantische Graffiti-Galerie Secret Walls Gallery, die im Rahmen des Ausstellungsprojekts Walls | Wände realisiert wird. Wir haben mit Kurator und Künstler Moritz Vachenauer über die Idee hinter der Ausstellung, Graffiti und Idealismus geplaudert.

Stuttgart – Wer gerade im und rund um den Hauptbahnhof unterwegs ist, ob zu den Gleisen, zur S-Bahn oder in Richtung Königstraße will, dem steigt der Duft von gespühter Farbe in die Nase. Was hat es damit auf sich? Viele kennen die Antwort bereits, lasst es euch trotzdem nochmal ganz klar gesagt sein: Hier ist etwas Gigantisches im Gange. Eine Galerie entsteht, wie sie Stuttgart selten, wahrscheinlich noch nie gesehen hat. Vor allem nicht, was diese Art von Kunst angeht, denn die kommt von der Straße, aus der Dose, in die Halle, kuratiert, für die breite Masse. Wahnsinn. Über 70 Künstler zeigen, was Graffiti und Streetart alles können, nämlich sehr viel. Die ganze Bandbreite, alles an Farben und Formen und Levels findet bei der Secret Walls Gallery den Weg auf (Lein-)Wände.

Graffiti – von der Straße in den Bahnhof

Moritz und ich setzen uns auf eine Bank – mitten in dieser riesen Halle, deren Länge über 100 Meter und Deckenhöhe stolze 15 Meter misst. Es sind schon verrückte Dimensionen, von denen wir hier reden, sind wir uns einig. Außer Bahnreisenden, und mittlerweile natürlich auch vielen Interessierten und Schaulustigen, begegnet man im sonst leergefegten Bonatzbau seit Anfang August vor allem Künstlern. Die einen malen bei Hip-Hop-Sound, andere nehmen in Liegestühlen Platz und lassen die gesprayten Werke auf sich wirken, andere, wie Marc Woehr etwa, fragen Moe nach dem Schlüssel zum Lagerraum.

Walls | Wände – an drei Standorten in der Stadt

Hier ist auf kreativer Ebene gut was los, noch bis Ende des Monats kann man den Graffiti-Künstlern beim Malen über die Schulter schauen, doch wie hat sich das Alles eigentlich ergeben? Dazu muss man wissen, dass das Ausstellungsprojekt Walls | Wände an drei Standorten in der Stadt zum Leben erweckt wird: „Während im Kunstmuseum Wandarbeiten im Innenraum realisiert werden, liegt ein weiterer Fokus auf der Graffitikunst und damit auf einer Kunstform, die sich vor allem mit der Gestaltung von Wänden im Außenraum befasst“, so die offizielle Beschreibung des Ganzen. „Im StadtPalais wird mit Blick auf einige einschlägige Spots die gegenwärtige Sprayerszene wie auch die Graffitigeschichte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte im Stuttgarter Kessel gezeigt.“ Viele Fotos wurden dafür digitalisiert. Krass. Klingt vielversprechend. „Mega genial“ und „astronomisch umfangreich“ sind nur zwei von mehreren Äußerungen, die Moe in diesem Zusammenhang fallen lässt.

Und zu guter Letzt natürlich die Secret Walls Gallery und damit die für Stuttgart wohl gigantischste Realisierung einer Ausstellung im Öffentlichen Raum. Moritz sollte am Anfang nur als freundschaftlicher Berater bei der Locationsuche helfen, entwickelte sich aber schnell zu einer wertvollen Schnittstelle und wurde schließlich Kurator – selbst Künstler, gut vernetzt in der Sprayerszene, passt. Ihm sei wichtig gewesen, eine gute Mischung an Künstlern in der Ausstellung zu zeigen. Alle Generationen, Anfänger genauso wie Pros und Stile sollten vertreten sein. Der Querschnitt der Stuttgarter Graffiti-Szene eben.

Es gibt keinen krasseren Spot für eine Galerie als den Bonatzbau – keine Corona-Beschränkungen, eine riesen Fläche, unglaublich viel Zulauf mit 150.000 Passanten am Tag – sowas kommt nur einmal und nie wieder!

Voll Bock auf Streetart

Eine Crew, die nach Jahren mal wieder zusammengefunden hatte, sei nach der Fertigstellung ihres Murals melancholisch am Boden gesessen und habe das alles erstmal auf sich wirken lassen müssen. „So ein Bild kriegst du nie wieder“, betont Moe. Gänsehaut. Teil dieser Ausstellung zu sein, ist für die Künstler offensichtlich etwas ganz Großes. Auch schön: „Die Leute, Passanten haben durch die Secret Walls Gallery voll Bock sich mit den Bildern und Streetart zu beschäftigen.“

Er ist der Kurator der Wahnsinnsgalerie "Secret Walls Gallery": Moritz Vachenauer, auch bekannt unter seinem Künstlernamen Glück | Foto: Tanja Simoncev

Und damit würde man auch merken, wie viel Potential dieses Ausstellungsprojekt birgt und bietet. Ein Anreiz möglicherweise auch, um das Thema Subkultur in Stuttgart wieder oder überhaupt mal mehr in den Fokus zu rücken. „In Sachen Graffiti hat sich in den letzten Jahren schon einiges getan und die Secret Walls Gallery ist der perfekte Grundstein, um noch mehr zu zeigen – weil alle finden’s geil“, so Moe. Dass die Deutsche Bahn dieses Kunstprojekt pusht und damit Graffiti, klingt fast schon nach Ironie, ist für den Künstler aber die beste Kollaboration, die man sich wünschen kann. Hier kommt zusammen, was zusammen gehört – auf 2100 Quadratmetern Wandfläche, die sich in eine Galerie verwandeln. „Dass das alles hier so stattfinden kann, ist einfach nur phänomenal.“ Auch die Zusammenarbeit mit Anne Vieth als Kuratorin für das Gesamtprojekt hätte nicht besser sein können, findet Moe. Und wenn am Ende noch ein Bahnfahrer den Künstlern zuruft: „Danke Jungs, endlich lohnt es sich wieder nach Hause zu kommen“, dann ist so ziemlich alles gesagt.

Bis Ende August kann man den Künstlern live beim Malen am Stuttgarter Hbf zuschauen, danach dort die fertigen Werke bis in den späten Herbst bewundern.

Zur Finnisage wünscht sich Moritz jetzt nur noch die Kunstschlacht. Zur Erklärung: Die Kunstschlacht ist ein Künstler-Battle, bei dem es nicht darum geht, wer gewinnt, sondern wer die beste Show abliefert. Jeder kann mitmachen und gegeneinander antreten. Der Kniff an der Sache: Die Teilnehmer bekommen ein Thema vorgegeben. Klingt nach großem Spaß. Wir drücken die Daumen, dass es klappt.

Alle Infos zu Walls | Wände findet ihr hier >>>

Zur Secret Walls Gallery hier >>>

Mehr gibt’s auch auf Instagram bei @kunstmuseumstuttgart und Moritz @glueck___

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