Trend Waldbaden: Eine Auszeit im Schwarzwald

Der Stadtalltag kann stressig sein. Zwischen Arbeit und ständiger Erreichbarkeit sollen wir auch allerlei Rollen erfüllen. Vater, Frau, Mutter, Ehemann, Arbeitnehmer – die Liste ist lang. Wir sehnen uns nach Ruhe und Entspannung und finden sie beim Waldbaden.

Stuttgart – Mit geschlossenen Augen stehen wir gelehnt an einen Baum im Wald. Wir hören den Bach plätschern, die Vögel und den Wind durch die Blätter rauschen. Wir hören in uns hinein und lassen unsere Gedanken kommen und gehen. Wir, das sind fünf Stuttgarter Mütter. Fünf Frauen, fünf Freundinnen, fünf Ehefrauen, fünf Kindertränen-Trösterinnen und Wutanfall-Bändigerinnen und fünf Arbeitnehmerinnen. Und für ein Wochenende wollen wir mal nur wir selbst sein und uns nur um uns und sonst um nichts kümmern.

Mama Time Out in Bad Herrenalb

Wochenlang haben wir uns während des Corona-Lockdowns (oder tun es eigentlich noch immer) fast ein Bein ausgerissen beim Versuch den Spagat zwischen Kinderbetreuung, Home Schooling, Arbeiten, Care-Arbeit und Self-Care hinzubekommen. Fazit: Dieser Spagat ist ein Ding der Unmöglichkeit und kostet ganz schön viel Kraft.

Wir nehmen uns also eine Auszeit. Anstatt eines fancy Städtetrips mit bunten Cocktails am Abend oder einem Wellnessurlaub im Luxus-Spa packen wir unsere Schlafsäcke ein und machen uns auf in den Nordschwarzwald nach Bad Herrenalb. Nur etwas über eine Stunde dauert die Fahrt von Stuttgart aus bis hierher in den Ort, der aktuell mit der Kampagne „Mit Abstand schön“ wirbt.

„Wohin fahrt ihr? Sind da nicht nur Rentner?“, fragen sie uns. Kann schon sein. Ist uns aber ganz egal, weil wir einfach nur raus in die Natur und unsere Ruhe wollen.
Wir gehen Waldbaden.

Waldbaden – Was soll das überhaupt sein?

Ich muss gestehen, im ersten Moment hört sich Waldbaden ziemlich esoterisch an. Vor meinem inneren Auge sah ich uns schon in selbst gebatikten Klamotten um ein Lagerfeuer tanzen und Bäume umarmen. Doch weit gefehlt. Waldbaden bedeutet viel mehr. Es bedeutet achtsam durch den Wald zu gehen und sich mit allen Sinnen auf die Natur einzulassen.

Unser Schwarzwald Guide Monika Amann nimmt uns mit auf die Reise in den Wald und leitet uns an. Sie erzählt uns viel über das Waldbaden und dessen Geschichte.
Shinrin Yoku, unter diesem Namen ist das Waldbaden in Japan bekannt. Und im Moment wird es als ein neuer Trend gehypt. Doch das Waldbaden ist alles andere als neu. Auch bei uns in Deutschland hat es eine lange Tradition.

Luftkuren haben lange Tradition

Früher habe es nur anders geheißen, erklärt uns Monika. Im zwanzigsten Jahrhundert sprach man von der „Luftkur“. Zu dieser Zeit bekamen viele Menschen diese Kur verschrieben, um Kraft und Ruhe zu tanken.

„Der Trend zum Waldbaden oder zur Luftkur kommt immer dann auf, wenn die Menschen gestresst sind“, so Monika. Im zwanzigsten Jahrhundert war es die Industrialisierung, die viel im Leben der Menschen geändert hat. Sie waren gestresst vom Lärm und von den Fabriken und kamen zur Sommerfrische in den Schwarzwald. Heute ist es die Digitalisierung, die ständige Erreichbarkeit, die häufige Dysbalance zwischen Anspannung und Entspannung, die die Menschen stresst und nicht selten im Burnout endet. Anstatt zur Luftkur kommen die Menschen jetzt zum Waldbaden in den Schwarzwald. „Wir merken hier im Nordschwarzwald, wie wahrscheinlich viele andere Regionen auch, dass die Nachfrage nach dem Waldbaden in letzter Zeit stark zunimmt“, sagt Monika.

Waldluft tut gut

Wir ziehen unsere Schuhe aus und laufen über den Waldboden. Ganz langsam gehen wir, können barfuß auch gar nicht schneller sein. Wir erden uns und kommen runter und auch unser Gedankenkarussell kommt zur Ruhe. Wir atmen die frische Waldluft ein, atmen durch und sind ganz bei uns. Ach, was tut das gut. Monika leitet uns an und gibt Tipps zur Atmung und zu Achtsamkeitsübungen.

„Es gibt Studien darüber, dass sich längere Aufenthalte in der Waldluft nachweislich positiv auf den menschlichen Organismus auswirken“, erzählt sie. „Es kann sich zum Beispiel positiv auf einen hohen Blutdruck oder einen zu hohen Puls auswirken.“
Durch das Einatmen der ätherischen Öle, die die Bäume in die Luft abgeben, soll das Immunsystem gestärkt und auch Stresshormone abgebaut werden. Nicht umsonst gilt das Waldbaden in Japan längst als Medizin.

Tatsächlich merken wir alle wie gut uns der Wald tut. Schweigend laufen wir über Laub vorbei an einem Bach hinauf auf eine Waldlichtung mit hohem Gras. Auch über die Natur und die Wirkungen verschiedener Pflanzen erzählt uns Monika Amann vieles. Die Zeit im Wald vergeht wie im Flug.

Waldbaden – das ist kein Esoterik-Quatsch, es tut einfach nur richtig gut und ist mit Sicherheit besser als jede Achtsamkeitsübung in einem geschlossenen Raum. Unsere Energiespeicher konnten wir hier im Schwarzwald schnell wieder aufladen. Und wenn uns in Zukunft alles mal wieder zu viel wird, gehen wir einfach in den Wald. Denn Wälder hat es ja rund um Stuttgart zum Glück ganz viele.

Fotos: Karin Nehls

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