Auf der Suche nach einem neuen Therapeuten

In der neuen Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es darum, einen neuen Therapeuten zu finden und warum das ganz und gar nicht so leicht ist, wie man sich das eigentlich wünscht.

Bremerhaven/Stuttgart – Es ist 7 Uhr morgens und ich setze mich in den Bus. In zwei Stunden habe ich einen Termin, auf den ich zehn Wochen gewartet habe. Ein unterstützendes Ärztesystem zu haben ist ein Luxus, den ich mir jahrelang aufbaute, doch als ich in eine neue Stadt zog stand ich wieder bei Null. Ich schaue aus dem Fenster und überlege mir, dass es noch nie Spaß gemacht hat seitenlange Telefonlisten durchzugehen, anzurufen, auf Anrufbeantworter zu sprechen, keine Antworten zu bekommen.

Im Therapeuten- und Schneechaos

Meine Hochschule bietet Beratungen an. Einmal die Woche, der nächste Termin war sechs Wochen später. Ich sagte zu. Kurz vor Weihnachten, einen Tag bis zum Termin, kam dann die Absage. Krankheit. Ob ich einen neuen Termin wolle (ja), ob ich dafür auch in die nächste Stadt fahren würde (nein, aber trotzdem ja), ob ich nochmal vier Wochen warten könne (nein, aber es muss sein). In der Zwischenzeit rufe ich Therapeuten in meiner Nähe an. Der nächste Termin, den ich bekommen könnte, ist in fünf Monaten.

Mein Bus fährt am Bahnhof ein. Ich steige aus und der Zug entfällt. Während ich zwischen Schneeflocken sitze, warte ich. Eigentlich will ich nicht mehr und bin so sauer. Ich bin sauer, dass ich lange warten muss. So sauer, dass ich nicht weiterkomme. 

Als der Ersatzbus kommt schneit es immer noch

Ich bin stabil. Mir geht es gut. Aber wäre dies nicht so, wäre die Therapeutensuche eine Qual. Das ist sie jetzt schon, aber mir geht es gut. Ich bin privilegiert genug, um das auszuhalten. Aber wie ermutige ich andere dazu, sich auf eine Therapie einzulassen, wenn ich wirklich überhaupt nicht sagen kann, dass es einfach ist? 

Ich steige in den Ersatzbus ein und bin noch eine Weile unterwegs. Meinen Termin verpasse ich und muss ihn verschieben. Am Bahnhof fange ich an zu weinen. Mein nächster Termin ist in drei Wochen.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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