Von Narben und Worten

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Heute: Physische Selbstverletzung ist zwar nicht mehr ihr Alltag, aber die Narben sind geblieben.

Bremerhaven/Stuttgart – Manchmal streiche ich mir ganz automatisch meinen Jackenärmel über die Handgelenke. Wenn ich nachdenke, fahre ich über die Erhebungen auf meinen Armen. Unter der Dusche betrachte ich wehmütig meine Oberschenkel. Der letzte Schnitt ist drei Jahre her. Wie kann man sich selbst verzeihen, dass man sich selbst nicht leiden konnte?

Zwischen Tumblrtrend, „Emosein“ und dem inneren Schmerz

Das erste Mal gehört, gesehen und erfahren habe davon ich auf Tumblr. Eine Bloggingplattform, auf der viele Jugendliche über ihr Leben schreiben. Ansonsten hörte man nur Jugendliche untereinander tuscheln, dass „ritzen“ nur „diese Emos“ machen. Unweigerlich fasziniert grenzte man diese „Sonderlinge“ aus. Suspekt war das ganze auch mir. Aber ich dachte auch, dass ich niemals essgestört sein könnte, ich liebe ja Essen. 

Der sperrige Begriff selbstverletzendes Verhalten bringt auch so manchen Fachmann ins Schwitzen. Es ist ein wahnsinnig komplexes Thema, das für nicht Betroffene und Laien oftmals unmöglich zu verstehen ist. An Selbstverletzung hängt ein großes Stigma, Jugendliche werden belächelt. Es sei nur eine Phase oder ein Trend. Doch diesem Verhalten liegen oft unvorstellbare psychische Schmerzen zu Grunde. Ein Erklärungsversuch.

Ein Erklärungsversuch

Mit 14 setzte ich das erste Mal eine scharfe Klinge an meinen Arm. Ich wollte die Faszination dahinter verstehen. Eigentlich wollte ich mir beweisen, dass ich das ganz und gar nicht nachvollziehen kann. Das sollte sich als großer Fehler herausstellen. Der reine Akt einen scharfen Gegenstand freiwillig an seine Haut zu bringen, klingt schon so absurd, wie es eigentlich auch ist. Es gibt viele psychische Erkrankungen, die Betroffene dazu bringen sich selbst zu verletzten. Pauschal kann man dieses Verhalten nicht als Störung bezeichnen, sondern es als Symptom mehreren Krankheiten zuordnen. Kaum ein gesunder Mensch verletzt sich mit Absicht selbst.

Aber wozu? Warum sich selbst Schmerz zufügen? Oftmals fühlen Betroffene gar nichts oder viel zu viel. Der Schmerz soll den inneren Schmerz katalysieren oder eine Emotion auslösen. Der erste Schnitt tat ziemlich weh. Der zweite nicht mehr. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte sich jeder Tag wie ertrinken an.

Immer tiefer sank ich in meinen Emotionen an den Grund und beim ersten Schnitt wurde ich zurück an die Oberfläche katapultiert. Ich konnte plötzlich wieder atmen. Dieser Effekt führte mich ohne Umwege in einen Teufelskreis. Ich wurde süchtig nach dem Atmen. Ich wollte keinen Schmerz empfinden, der unauffindbar in meinem Körper umherwanderte. Ich wollte meinen Schmerz konzentrieren. Ich wollte die Kontrolle. Ich wollte zurück ans Steuer meiner eigenen Gefühle. Und scheinbar gelang mir das auch. 

„Tut das nicht weh?“

Doch. Und zwar verdammt arg. Aber das soll es auch. Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen und kann kein allgemeines Bild zeichnen. Jeder Betroffene empfindet das anders, die Arten von Selbstverletzung sind äußerst breit gefächert.

Ich habe Jahre mit Therapie verbracht, um herauszufinden, warum ich meinem Körper Schaden zufügte. Manchmal hielt ich mich tagelang wach, weil ich nicht schlafen wollte. Weil ich mir keine Ruhe geben wollte, weil man nach zwei Tagen Schlafentzug alles nicht mehr so richtig wahrnimmt.

Ich war in konstantem Krieg mit meinem Körper. Irgendwie gehörte der nicht zu mir und ich wollte alles an ihm unterdrücken und die Kontrolle behalten. 

Das Lernen vom Verzeihen

Heute betrachte ich manchmal wehmütig meine Narben. Ich bin nicht mehr wütend auf mich. Ich hege keinen Groll gegen meine Vergangenheit, ich habe es nicht besser gewusst.

Die befriedigende Macht der Kontrolle über meinen Körper hat mich in einen Zustand gebracht, der fern der Realität lag. Jede einzelne Narbe erzählt ihre Geschichte, ich weiß, dass ich gelitten habe.

Mein Körper und ich sind jetzt ziemlich gute Freunde. Wir lachen manchmal wie gute, alte Freunde über die Vergangenheit und nach dem Duschen bekommen meine Arme und Beine eine extrafreundliche Behandlung mit ganz viel Liebe, Creme und Zuwendung.

Im Sommer gehe ich in T-Shirts raus und wenn mich jemand auf die Streifen an meinen Armen anspricht, rede ich darüber. Denn der Schmerz war genauso real, wie es meine Narben heute sind.

(Titelbild: Unsplash/Kinga Cichewicz)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft, erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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