Von Diagnosen und Klinik-
berichten

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Diagnosen können verwirrend sein und Arztberichte einschüchternd. Aber eigentlich ist das alles gar nicht so schlimm, sagt unsere Autorin.

Bremerhaven/Stuttgart – Im Zuge meines Frühjahrsputz im Spätsommer, stolpere ich auch über einen Haufen Zettel, die endlich sortiert werden wollen. In meinen eher schlecht als recht sortierten Unterlagen finde ich diverse Arzt- und Entlassbriefe, Klinikberichte und Behandlungsempfehlungen. Obwohl ich diese schon zig mal durchgelesen habe, überfliege ich sie noch einmal. Manchmal legt mir das fiese Steine in den Bauch, aber meistens bin ich ganz okay mit dem, was da steht.

Hilfe, ich habe eine ICD-10 F32.1

Diagnosen per se sind erstmal neutral zu bewerten.

Diagnosen sind dafür da etwas einen Namen zu geben. Es einordnen zu können und die richtige Behandlung abzustimmen. Sie helfen Symptome einzugrenzen und schlussendlich sind sie auch für Krankenkassen, damit diese abrechnen können. 

Bei psychischen Erkrankungen überschneiden sich Symptome und die richtige Diagnosestellung ist nicht immer ganz so einfach. In meinem Leben habe ich viele Diagnosen bekommen. Manche sind geblieben, manche waren ein Versuch etwas einzuordnen, was dann doch woanders hingehörte.

Fehldiagnosen können schaden

Leider können Fehldiagnosen auch richtigen Schaden anrichten. Eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung wird manchmal mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung verwechselt (und andersherum) – allerdings ist eine Traumabehandlung etwas anderes als eine Therapie für Borderliner. Unkontrolliert Traumata aufdecken oder in den Fokus rücken kann zu einer Retraumatisierung der Betroffenen führen und starke Wunden hinterlassen. Fehldiagnosen sind nicht der Alltag, können aber geschehen, wenn sich zu sehr an eine akribische Checkliste von Symptomen gehalten wird.

Individualität kann man nicht katagolisieren

Meine Therapeutin sagte mir damals, dass es nicht wichtig ist welche Diagnose(n) ich bekomme, sondern es um meine Emotionen und Empfindungen geht. Anfangs verstand ich das nicht, wollte ich mich doch unbedingt identifizieren können. Einen Namen finden für das was ich empfinde.

Heute spreche ich nicht hauptsächlich über meine Diagnosen. Denn hinter jeder Diagnose steht immer noch ein Mensch, der leidet. Und das auf eine ganz individuelle Art. Einordnung hilft, aber wir sind nunmal keine Kataloge und Zahlen und das ist ja auch irgendwie schön.

Titelbild: (Tanya Trofymchuk/unsplash)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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