Natürlich mit Schwung: Streetartist Jeroo und sein Spiel mit Proportionen

Seine Kunst macht Stuttgarts Straßen bunter: Streetartist Chris „Jeroo“ Ganter bemalt Brückenpfeiler, Stromhäuschen und ganze Bahnhöfe und kann sich vor Anfragen kaum noch retten.

Stuttgart – „Ach, Kunst ist schon was Tolles“, freut sich Chris „Jeroo“ Ganter als wir ihn im Stuttgarter Westen treffen. Dort, genauer an der Senefelder Straße, hatte er erst kürzlich eine Wand bemalt und auch an der Hasenbergsteige verewigte sich der Künstler gekonnt. Blumen, Tiere und andere Elemente aus der Natur dürfen da nicht fehlen. „Ich mag Wasservögel wegen ihren langen Hälsen und den schönen Schwüngen genauso wie Fische, die kann man wunderbar in die Länge ziehen und verbiegen, so dass sie immer noch ästhetisch aussehen“, verrät der Streetartist, der das Spiel mit den Proportionen liebt. Und warum nur Tiere und keine Menschen?

Motive aus der Natur bevorzugt

Das funktioniert (noch) nicht. Menschliche Gesichter empfinde der Künstler als einengend. Fängt man da an, ein Ohr größer als das andere zu machen oder den Hals zu verlängern, sehe es gleich irgendwie entstellt aus, so der 38-Jährige. In der Tier- und Pflanzenwelt sieht er seine Kunst hingegen ganz gut aufgehoben.

Und diese ist stark geprägt vom Graffiti-Malen. „Wie ich die Spraydose führe, wie ich die Farbkomposition wähle, das kommt alles daher. Nur ist es eben kein Graffiti mehr im klassischen Sinne. Auch wenn bestimmte Effekte daran angelehnt sind, ist es eher abstrakt und erinnert manchmal auch an den Jugendstil. „Alfons Mucha etwa hat mich schon in jungen Jahren schwer beeindruckt.“

Die Kunst hat mich geprägt!

Angefangen zu sprayen, hat Chris übrigens mit zwölf Jahren. Es sei eine rebellische Zeit gewesen, aber vor allem auch eine Phase der Identitätsfindung. „Bei vielen ist es die Musik, bei mir war es die Kunst, die mich geprägt hat.“ Er habe viel erlebt, sei jetzt Lehrer. „Und wenn ich gefragt werde: Was machst du? Dann sage ich immer: Ich bin Künstler.“

Beim illegalen Sprayen erwischt

Chris war lange auch illegal unterwegs, wurde dreimal beim Sprayen erwischt. Der Haussegen sei damals gehörig schief gehangen und sein Vater würde es immer noch nicht cool finden, dass der Sohnemann auch Straßenkünstler ist. „Und das obwohl ich das mit der Kunst jetzt schon seit über zehn Jahren legal mache und damit mein Geld verdiene.“

Das eigene Buch: „Graffiti School“

Doch Chris dachte sich dann immer: Jetzt erst recht und ist auch heute noch hochmotiviert. „Ich habe so viel erreicht“, freut er sich. „Ich weiß noch, wie ich früher in einem Graffiti-Magazin geblättert habe und mir dachte: Boah, wie cool sind diese Typen, ich will da irgendwann auch ein Bild von mir drin haben. Das war mein größter Traum.“ Und der erfüllte sich recht bald. Es folgten weitere Magazine, Einladungen zu Jams auf der ganzen Welt und das eigene Buch, ein Graffiti-Lehrbuch, an dem der Streetartist drei Jahre lang gearbeitet hatte.

Den Traum leben

Chris ist sich sicher: „Ich lebe meinen Traum.“ Er habe viel erreicht. „Das Schöne ist, es geht immer weiter.“ Zwar nicht mehr in der Graffiti-, sondern eben in der Kunst-Welt beziehungsweise in der normalen Gesellschaft – „mal schauen was da so geht.“

Seine Kunst wird im Kessel immer sichtbarer: Chris „Jeroo“ Ganter

Fest steht: Jeroos Kunst ist jetzt definitiv sichtbarer. Doch Chris betont: „So inaktiv wie heute war ich noch nie. Früher habe ich viel mehr gemalt.“ Mehrfach die Woche und abends wurde gezeichnet. „Seitdem ich zwei Kinder habe, zeichne ich nicht mehr abends und muss mir immer Zeit frei schaufeln, wenn ich mal malen möchte.“ Es werde weniger, dafür aber sichtbarer. „Weil ich eben mehr Flächen bekomme – von der Stadt oder den Energieversorgern.“ Dass er zum Beispiel ganze Bahnhöfe wie die Haltestellen Nordbahnhof oder Sommerrain bemalen darf, ist definitiv ein big Step. Und das nicht nur für Stuttgart, sondern für ganz Deutschland, ist sich der junge Vater sicher. Das sei das erste Mal gewesen, dass ein Künstler sich so – also auf legale Art und Weise – an einem Bahnhof austoben durfte – schräge Blicke und ein kurzer Besuch der Polizei inklusive. Doch Chris ist cool geblieben und hofft: „Davon darf in den nächsten Jahren gern noch viel mehr dazukommen.“

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