Von der schrägen Magie der Boygroups: Warum man Take That lieben darf!

Boygroups sind nur Trash, der auf der Neunziger-Party bei zwei Promille aufwärts seine Daseinsberechtigung hat? Fragt mal Anja Rützel! Im Rahmen der Pop Freaks im Merlin will uns die Popkulturverrückte von Take That überzeugen. Vollkommen ironiefrei.

Stuttgart – Der Sportliche, der Verträumte, der Sinnliche: Es waren schon absonderliche Zeiten, als es mit den ganzen Boygroups losging. New Kids On The Block, East 17, Take That, Backstreet Boys, Boyzone, später gern auch leidlich erfolgreiche Epigonen wie Overground oder US5. Wer irgendwann in den Neunzigern vom Kind zum Teenie wurde, war dem gewaltigen Risiko ausgesetzt, einer dieser Bands bis an den Rand der Selbstaufgabe zu verfallen. Und darüber hinaus. Bei den Konzerten sein junges Herz aus der Brust zu kreischen. Und bei der unausweichlichen Trennung der Lieblinge zwischen Tränen, Nervenzusammenbruch und Freitodgedanken zu taumeln. Je nach Berichterstattungslage von Bravo, Popcorn oder Pop Rocky. Kennt jemand noch Pop Rocky?

Anja Rützel über Take That

Anja Rützel bestimmt. Sie kann ein Lied von Drama und Euphorie des Boygroup-Fandaseins singen. Dabei ist sie mit Baujahr 1973 eigentlich viel zu alt dafür, den Boyband-Craze mitgemacht zu haben. Zu kümmern scheint sie das nicht. Die Popkulturexpertin ist der so ziemlich größte Take-That-Fan, den man sich vorstellen kann. Und eine intime Kennerin der Materie ebenso. Sie weiß sogar, dass Madame Tussauds die Wachsfigur von Gary Barlow nach dessen sinkendem Erfolg als Solokünstler eingeschmolzen hat, um daraus Britney Spears zu modellieren. Und weil sie Dinge wie diese weiß, hat sie auch ein wunderbar launiges und liebevolles Buch über diese Band geschrieben („Anja Rützel über Take That“, erschienen im KiWi-Verlag), das sie am 28. Januar 2020 im Rahmen der Pop Freaks im Merlin vorstellen wird. Das läuft seit dem 16. Januar 2020 und ist eigentlich ein Festival für die Indie-Darlings von morgen. Aber hin und wieder schiebt es auch mal einen solchen Dienst an der Popkultur ein.

Von wegen Trash!

Anja Rützel will uns also mit dem Phänomen Take That anstecken. Sie macht sogar regelrechte „Take-That-Propaganda“, wie sie selbst dazu sagt. Vor allem aber will sie zeigen: Man kann eine solche Band auch vollkommen ironiefrei feiern. „Das Schwierigste war, den Leuten klarzumachen, dass ich es ernst meine“, nickt sie. „Ich finde nichts schlimmer als eine ‚So schlecht, dass es schon wieder gut ist‘-Haltung. Für mich hat das nichts mit Trash zu tun!“

Take That mit Anja
Take That – mit neuem Mitglied Anja Rützel (Foto: privat)

Aristoteles im Dschungelcamp

Und mit Trash kennt sie sich aus. Derzeit schlägt sie sich die Nächte um die Ohren, um das „Dschungelcamp“ für den Spiegel bissig und höchst unterhaltsam aufzuarbeiten. Und ihre Magisterarbeit, die hat sie über die unvergessene TV-Serie „Buffy“ geschrieben. „Popkultur ist dann am interessantesten, wenn sich die Trennung zur vermeintlichen Hochkultur verwischt“, sagt sie. „Die Personenkonstellation bei ‚Buffy‘ entspricht zum Beispiel der Argumentationstheorie von Aristoteles. So etwas macht mich glücklich. Aber natürlich muss es nicht immer so hochtrabend sein. Ich kann mich auch – ganz salopp gesagt – wahnsinnig für diese grelle, bunte Quatschzeug im Fernsehen begeistern. Das entspannt mich irgendwie.“

Hör doch, was du willst!

Noch mal: Take That zählt für sie nicht zu diesem Quatschzeug. Diese Band liebt sie einfach so sehr, wie man eine Band eben lieben kann. Dennoch ist es eine Liebe mit Spätzündung: Als die ganzen Boygroups Hochkonjunktur hatten, hörte sie lieber Pulp oder Oasis. „Für Take That und die anderen Boygroups fühlte ich mich damals eigentlich schon zu alt und, wie ich fürchte, auch zu schlau. Meine immer größer werdende Liebe zu Take That ging Hand in Hand mit der später erfolgenden Feststellung, dass diese ganze Coolness-Abgrenzerei beim Musikhören im Grunde vollkommener Quatsch ist.

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Take That über alles

Das ist natürlich ein sehr guter Punkt. Hat man erst mal kapiert, dass ein möglichst elitärer Musikgeschmack allerhöchstens dazu dient, als abgehoben und blasiert wahrgenommen zu werden, lebt es sich herrlich ungezwungen. Ich zum Beispiel habe ja eine Schwäche für DJ Bobo. Bei Anja war die unverhohlen pathetische, bombastische, gern auch kitschige Popmusik von Take That der Auslöser. „Vielleicht macht diese Britishness bei Take That den Unterschied“, sagt sie über ihre Lieblinge. „Ich finde sie einfach deutlich kultivierter als beispielsweise die Backstreet Boys. Die waren mir immer zu künstlich. Take That erschienen mir glaubwürdiger, die einzelnen Charaktere fand ich spannender. Mal ganz abgesehen davon, dass sie für mich die besten Songs geschrieben haben. Ich kann zwar auch erstaunlich viele Stücke der Backstreet Boys auswendig. Aber sie waren mir zu glattgebügelt und ich konnte sie immer nur sehr schwer auseinanderhalten.“

Gut gealtert

In ihrem Buch beschreibt sie das so: „Ich liebe sie dafür, dass man, wenn man ehrlich ist, nicht viel mehr über die Liebe wissen muss, als in den Liedern von Take That vorkommt.“ Außerdem, so schließt sie, seien sie mehr als gut gealtert. Und es steht zu befürchten, dass Anja noch deutlich mehr gefährlich gute Argumente hervorbringen wird, wenn man sie im Merlin auf die Bühne lässt.

Titelbild: Pexels/Vishnu R

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