Von den Höhen und Tiefen einer Weltreise

Zwei Jahre wollen Melanie Maier und Alexander Schulz ohne Flugzeug um die Welt reisen. Zwölf Monate sind die Journalistin und der Grafikdesigner schon unterwegs. Auf der Reise von Stuttgart nach Australien haben die beiden viele schöne Momente erlebt, aber auch einige schwierige Situationen. Melanie Maier berichtet.

Stuttgart – Zwölf Monate sind wir nun unterwegs. Dieser Zeitraum kommt mir zugleich kürzer und länger vor, als er tatsächlich ist. In diesem Jahr haben Alex und ich viel mehr erlebt, als wir es uns vor unserem Aufbruch ausgemalt hatten: Wir sind mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland gefahren, waren in der Mongolei bei einer Ziegengeburt dabei, haben in Hongkong einen Taifun der Stufe 10 miterlebt. Wir sind Menschen begegnet, die mit uns ihre Geschichten, ihre Erlebnisse und sogar ihr Heim geteilt haben. Manche sind zu Freunden geworden.

Ohne Flugzeug nach Australien

Seit wir am 30. April 2018 mit dem Zug nach Österreich gefahren sind, haben wir 28.000 Kilometer zurückgelegt. Ohne Flugzeug sind wir über den Balkan nach Russland, durch die Mongolei, China und Südostasien nach Australien gereist – mit Bussen, Zügen und einem Containerschiff.

Negative Erfahrungen hatten wir bisher so gut wie keine. Ein einziges Mal ist in Rumänien ein Bus nicht gekommen, für den wir Plätze reserviert hatten. Auf Märkten oder für eine Taxifahrt haben wir ab und zu einen zu hohen Preis bezahlt. Wir sind beide nicht gut im Handeln.

Manchmal hatten wir unterwegs auch mit uns selbst zu hadern. Reisen ist oft anstrengend. Wenn man stundenlang in einem Bus sitzt, in dem die Luft schlecht ist und die Musik laut, zehrt das an den Nerven. Auch die persönlichen Probleme, die wir in Deutschland hatten, sind durch die Reise nicht plötzlich verschwunden. Im Gegenteil: Jetzt, wo wir mehr Zeit haben, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, drängen sie sich viel häufiger in den Vordergrund.

Am meisten zu schaffen machen uns aber die prekären Verhältnisse, unter denen viele Menschen leiden. Vor allem in Südostasien, in Ländern wie Kambodscha und Vietnam, leben Millionen in Armut. Zu wissen, dass wir nichts Wesentliches an ihrer Situation ändern können, belastet uns.

Ähnlich geht es uns mit dem Thema Umweltverschmutzung. Wenn man sieht, wie viel Plastikmüll an einem einzigen Strand in Thailand oder Malaysia liegt, fällt es schwer, weiter daran zu glauben, dass das eigene Handeln etwas bewirkt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb sammeln wir am Strand und bei Wanderungen häufig den Müll ein, den wir finden, und versuchen beim Einkaufen, Plastik zu vermeiden.

Selbstverständlich überwiegt bei alledem das Positive. Wir sind unglaublich dankbar für alles, was wir im vergangenen Jahr sehen und erleben durften, und freuen uns auf alles, was noch kommt. Was die Höhepunkte unserer bisherigen Reise waren, kann ich gar nicht genau sagen.

Mit dem Fahrrad durch die Tempelruinen von Angkor in Kambodscha zu fahren, auf dem heiligen Berg Hua Shan in China zu wandern oder mit dem Kajak durch die surreal schöne Felslandschaft der Lan-Ha-Bucht in Vietnam zu paddeln, war für mich genauso schön wie ein langes Gespräch auf dem Balkon unseres Couchsurfing-Gastgebers in der Republik Moldau, der Besuch bei Alex‘ Tanten und Onkeln in Sibirien oder die „Black Mirror“-Abende unserer Kurzzeit-WG in Kuala Lumpur.

Sehr gefreut habe ich mich über den Besuch meiner Schwester. Drei Wochen ist sie mit uns durch den Norden Thailands gereist und hat Weihnachten mit uns gefeiert. Mit ein paar Plätzchen und etwas Rotkraut, das wir zufällig im Geschäft eines deutschen Auswanderers entdeckt haben, kam bei 30 Grad sogar ein bisschen Weihnachtsstimmung auf.

Unsere Familien und Freunde fehlen uns oft sehr. Die meisten von ihnen zwei Jahre lang nicht zu sehen, Hochzeiten, Geburten und Geburtstage zu verpassen, war keine Entscheidung, die uns leicht gefallen ist. Ansonsten vermissen wir gerade wenig aus unserem Alltag vor der Reise. Zwei Rucksäcke voll Kleidung, unseren Laptops und Kameras reichen uns sehr gut zum Leben. Von Anfang an haben wir darauf geachtet, nur das Nötigste mitzunehmen. In Russland haben wir sogar ein paar Kleidungsstücke nach Deutschland zurückgeschickt.

Eine Frage, die uns oft gestellt wird, ist die nach unserem Lieblingsland. Fast immer nennen wir dann die Mongolei. Die Weite, das Übernachten in Jurten, die Yaks, Ziegen, Pferde, Rinder und Schafe, die frei herumlaufen, waren faszinierend. Der Alltag der Menschen ist ein ganz anderer als der in Deutschland. Das Land ist größtenteils noch unbebaut, die scheinbar endlosen Grasflächen mit ihren sanften Hügeln und weißen Wolkenbergen sehen aus wie ein Windows-XP-Hintergrund.

Das sagen wir aber nur, weil die meisten Fragenden eine konkrete Antwort hören wollen. Eigentlich haben wir kein Lieblingsland. Jedes Land hat seine Besonderheiten, seine Kultur und Geschichte. Manchmal hatten wir mehr Zeit, sie zu erkunden, andere Male weniger.

Gegen Kost und Logis auf einem Bauernhof mithelfen

Die kommenden sechs Monate werden wir in Australien verbringen. Für uns ist das ein kleiner Luxus: Wir haben genug Zeit, um zu reisen und zu arbeiten. Auf dem Weg vom westaustralischen Perth nach Brisbane im Osten des Landes wollen wir uns den Uluru oder Ayers Rock anschauen, die Great Ocean Road entlangfahren und längere Zeit in Melbourne verbringen. Vielleicht werden wir auch ein paar Mal wwoofen, also gegen Kost und Logis auf einem Bio-Bauernhof mithelfen.

Das zweite Jahr unserer Reise möchten wir neben Australien in Neuseeland, Kolumbien, Zentralamerika, den USA und Kanada verbringen. Wie und wo wir leben wollen, wenn wir zurück in Deutschland sind, wissen wir noch nicht. Zum Glück haben wir noch mindestens zwölf Monate, um darüber nachzudenken.

Melanie Maier schreibt auf dem Blog Schrittwärts über ihre Reise >>>

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