Von Bayern nach Stuttgart: Eine Liebe auf den zweiten Blick

Unsere Autorin zog aus dem idyllischen Bayern nach Stuttgart: Von Kühen auf der Weide zu Schnapsleichen am Hans-im-Glück-Brunnen. Ein Kontrastprogramm, von dem einige abrieten ­– und doch wurde Stuttgart am Ende zu ihrer L‘ Amour Toujours.

Stuttgart – Beschreibe Stuttgart mit drei Worten: Das war meine penetrante Standardfrage, bevor es vor vier Jahren fürs Studium in den Kessel gehen sollte. Ich war nervös, ich war planlos. Andere Studenten in Spe hatten vorbildlich Stadtlisten mit jeweiligen Studiengängen erstellt, aus denen sie ihre Favorites auserkoren haben. Ich wusste nur, ich will irgendwas mit Medien studieren und ich will aus der bayerischen Pampa raus. Stuttgart war absolutes Neuland, das ich mit kritischem Blick beäugte. Diese ganze Sache fühlte sich stark an wie vor einem ersten Date: Man googelt ahnungslos und fragt einfach jeden nach seiner Meinung.

Liebe auf den zweiten Blick

Genauso, wie man sich die Meinungen anderer vor dem ersten Date sparen kann, musste ich meine hartnäckige Semi-Skepsis schnell auf Eis legen. Die drei Worte über Stuttgart klangen zwar nicht immer markerschütternd gut, aber alles andere hatte ich schon abgesagt. Also verinnerlichte ich mein erstes schwäbisches Sprichwort: „No net hudla!“ – immer mit der Ruhe. Beim romantischen Kennenlernen heißt es ja schließlich auch: spontanes Reinsteuern ist oft die beste Variante. Oder?

Vier Jahre fast forward und eine große Erkenntnis: Scheiß aufs erste Date. Die Nase passt nicht, das Gespräch kommt nicht ins Rollen, der Mundwinkel zuckt unkontrolliert beim Lachen. Kleinigkeiten lassen am anderen zweifeln. Dabei wird eine Person doch erst richtig interessant, wenn sie einen im Nachhinein um den Finger wickelt.

Ich zog damals direkt in ein Frauenwohnheim in der Olgastraße. Jeder, der die Olgastraße kennt, weiß, dass hier außer Alaturka nichts wirklich geheuer aussieht. Weiße Stahlgitter zierten den Eingang des Wohnheims und ich teilte mir mein 14m²-Zimmer mit einem Mädchen, das Blockflöte studierte. Damit war das Schicksal von Stuttgart und mir quasi besiegelt.

Innere schwäbische Werte

So war es aber nicht. Stuttgart ist meine absolute und große Liebe geworden. Denn die Zeit, in der ich eigentlich nur dem unnachgiebigen Flöten und dem Geruch von Mottenkugeln im Wohnheim entkommen wollte, verbrachte ich damit, die Stadt wirklich kennenzulernen. Ihre Ecken, ihre Kanten, ihre Geheimnisse. Tief im Kessel grub eine Bayerin nach den inneren Werten der Schwabenmetropole.

Schlossplatz Stuttgart Brunnen Stadtmitte

Und so zog mich Stuttgart auf den zweiten Blick in den Bann. Zuerst war es ein langer Spaziergang durch das Heusteigviertel über den Marienplatz zum Bergrücken der Karlshöhe. Der Ausblick auf die Stadt raubte mir kurzzeitig den Atem. An sonnigen Kesseltagen folgten Mittagessen im Freien und der ein oder andere Happen in soliden Döner-Imbissbuden, die mir auf dem Silbertablett servierten, warum Liebe durch den Magen geht.

Irgendwann ging es auf den Abend zu und die Tore des Stuttgarter Nachtlebens öffneten sich – und hinterließen eine Reihe an unvergesslichen Erinnerungen. Langsam passierte es dann irgendwie: Ich hatte mich Hals über Kopf verliebt.

Schwäbische Stadtnostalgie

Das allererste Date war nicht der Hit. Der schwäbische Charme umgarnte mich stattdessen auf subtile Weise. Und das hält bis heute an. Stuttgart ist nämlich schön schizophren, und das nicht auf traumatisierende Weise wie beispielsweise Berlin. Ja, ich kann meckern über den Feinstaub und den ewigen Lärm in der Innenstadt. Ich kann mich aber auch einfach in die U14 setzen und nach 12 Minuten zwischen saftig grünen Reben in den Weinbergen meditieren.

Ich kann durch die Altstadt schlendern, während jemand in die Gasse kotzt, und die Stimmen meiner bayerischen Gäste im Ohr hören: „Oida, scheißt du dir keinen? Rotlicht und voll shady hier alles.“ Nein, ist meine Antwort. Ich grüße die Damen in den pinkfarbenen Jogginghosen mittlerweile und sie grüßen mich auch zurück – so wie der Metzger im Dorf von der Theke aus grüßt. Um die nächste Ecke wartet dann auch schon ein schnuckliges Café, in dem ich mir gediegen einen Cappuccino gönnen und diese perfekte Symbiose zwischen Großstadt und Dorf feiern kann.

Eine Harmonie von Großstadt und Dorf

In Stuttgart versinke ich nicht wie eine kleine Ameise im Trubel des Big City Lifes. Denn über zwei Ecken kennt hier einfach jeder jeden: „Hey bist du nicht die Freundin von meiner Freundin, deren Freundes Freundin ich nicht so mag?“. Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Die Ehrlichkeit inbegriffen.

Ich kann aber auch samstags auf die Königstraße gehen oder mich durchs Weindorf drängen: Mehr Ameisenhaufen im Big City Life geht gar nicht. Und sogar das fühlt sich manchmal herrlich an.

Genau hier präsentiert sich diese wunderbare Symbiose. Stuttgart fühlt sich an wie ein Dorf mit allen Vorzügen einer Großstadt. Ich genieße Supermärkte, die bis 0 Uhr geöffnet haben und das spontane Feiern am Montag, genauso wie den Dorf-Style Gossip und tote Hose am Sonntag.

Stuttgart, meine große Liebe

Stuttgart, du bist meine bisher längste Beziehung – vier Jahre sind ganz gut, oder nicht? – und jeden Tag verliebe ich mich wieder. Natürlich bist du nicht perfekt. Ja, deine Luft ist kacke und die Leute nerven manchmal. Doch wann war ein Partner jemals perfekt? Es sind eben die Kleinigkeiten, die eine Beziehung spannend halten. Und in diesem Fall lassen sie einen nicht zweifeln, sondern verzückt den Kopf neigen. Wenn heute jemand sagt: Beschreibe Stuttgart mit drei Worten. Dann ist meine Antwort: Liebe – Leben – Hoimat. Kein schlechter Ausgang nach so einem ersten Date, oder?

Bleibt up to date mit unserem Newsletter:

Mehr aus dem Web