Vom Kessel nach New York: Das Stuttgarter Modelabel Pal Offner

Das Stuttgarter Modelabel Pal Offner steht für avantgardistische Unisex-/Multisex-Mode. Die Gründerinnen Nele Offner und Sabina Pal haben uns verraten wie alles vor sechs Jahren mit einem Gin angefangen hat.

Stuttgart – „Schwarz ist eine Farbe“ steht auf den Stufen, die in den Laden des Stuttgarter Modelabels Pal Offner in der Nähe des Feuersees führen. Einmal die Räumlichkeiten betreten, wird schnell klar weshalb: Die Kleidungsstücke sind monochrom – Schwarz, Grau und Weiß sind die dominierenden Farbtöne bei Pal Offner. Im hellen Raum im Stuttgarter Westen hängen aber nicht nur die Kleidungsstücke an Bügeln sauber aufgereiht, es gibt auch einen großen Schreibtisch, an dem die beiden Gründerinnen an Entwürfen und Konzepten tüfteln. Neben Shop und Showroom, ist die Fläche auch Atelier und Office: Nele Offner ist dabei der kreative Kopf hinter dem Label, Sabina Pal ist für Marketing, Vertrieb und Finanzmanagement zuständig.

Pal Offner: „Schamlos gelassen“

Unter dem Motto „Avantgardistische Unisex oder Multisex Mode“ lassen Nele Offner (34) und Sabina Pal (33) die Grenzen zwischen Männlichkeit, Weiblichkeit, geraden Linien, Experimentellem, Zeitgeist und Zeitlosigkeit verschmelzen. Inspiriert sind die Teile von avantgardistischen japanischen Schnittführungen.

Unisex Mode sehen Nele und Sabina trotzdem eher kritisch: „Die meisten Unisex-Marken neutralisieren oft das Geschlecht“, meint Sabina. Weite, unförmige Schnitte würden zwar jedem passen, aber auch die Körperformen jeder Person verstecken.

„Unsere Philosophie ist, dass es maskulinere und femininere Teile gibt“, sagt Sabina, „Wir neutralisieren nicht, sondern geben dir alle Bausteine. Du kannst es dann für dich so zusammenstellen, wie du möchtest.“ 

Beispielsweise lassen sich durch Tunnelzüge und Bänder die Ärmellängen variieren. Dank unterschiedlicher Knopfleisten können die Jacken individuell geschlossen werden. Letztendlich gehe es darum, sich in seiner Haut wohlzufühlen. „Schamlos gelassen sein“, meint Sabina und Nele fügt hinzu: „Einfach fein mit sich selbst.“

Gin, Mut und eine Idee

Angefangen hat für Nele und Sabina alles im Dezember 2013 in einer Bar am Hans-im-Glück-Brunnen. Nele arbeitete nach ihrem Modestudium in Pforzheim als Modedesignerin. Sie spielte immer wieder mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen – aber alleine? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Als sie überlegte, mit wem sie sich zusammentun könnte, fiel ihr Sabina ein. „Wir kennen uns lustigerweise über unsere Ex-Freunde“, erzählt Nele und lacht. Beide waren sich sympathisch, sahen sich aber nur ein paar Mal im Jahr.

Zu dieser Zeit arbeitete Sabina noch für eine Agentur in ihrer Heimatstadt Frankfurt. Dann kam der besagte Abend. Bei einem Glas Gin fragte Nele Sabina, ob sie nicht mit ihr ein Modelabel gründen würde. „Damals hab ich gleich zu ihr gesagt ‚Oh voll cool, vielleicht bist du mein Glücksengel‘! Ich habe immer auf etwas Neues gewartet, aber ich wusste nicht, in welche Richtung es gehen sollte“, erzählt Sabina. Beim nächsten Drink war klar: Wir wollen das umsetzen.

Alles durchgeplant

Januar 2014: Ausprobieren und die ersten Überlegungen. September 2014: Jobs kündigen und GmbH gründen. Januar 2015: Start von Pal Offner. Hört sich einfach und schnell an. Dazwischen lagen aber Messen, Gespräche mit Gründungsexperten, Entwürfe, Designs und ein Plan. „Wir haben uns jedes Wochenende und an jedem Feiertag getroffen und unseren Business- und Finance-Plan geschrieben“, erzählt Nele. Dieser Plan war am Ende sechzig Seiten lang. Ob Design, Lookbook, Story, oder Website, sie hatten alles durchdacht.

Was die zwei aber nicht planen konnten: Die Shops bestellten auf den Messen das doppelte der erwarteten Menge. Mit den Designs und Stoffen ging es dann erstmal vollbeladen nach Bulgarien in die erste Produktionsstätte von Pal Offner. „Dort waren wir eine Woche und haben Fragen beantwortet. Es war aufregend, den Betrieb und die entspannte, faire Arbeitsweise zu sehen“, erinnert sich Nele.

Internationale Kundschaft

Mittlerweile werden die Teile des Labels auch in Rumänien produziert. Sabina kommt von dort, was einerseits die Verständigung vereinfacht. „Und zum anderen kann ich nicht nur unsere Produktionsstätte sondern auch gleich meine Omas besuchen“, sagt sie. Produziert werden die Teile in Stückzahlen von zwanzig bis maximal 120 pro Kleidungsstück einer Kollektion. Keine Massenware, sondern ein aufwendiger Design- und Herstellungsprozess.

Den ersten Store gibt es seit September 2018 in Stuttgart. Das Ziel: Pal Offner im Kessel bekannter zu machen.

Stuttgart, Paris, New York

Mit der neusten Kollektion geht’s dann in den nächsten Wochen nach Paris und zum ersten Mal auch zur Fashion Week in New York. Auch für die gute Sache möchten sich die beiden einsetzen. Zehn Prozent der Einnahmen aus dem Sale am vergangenen Samstag etwa werden an „Fashion Revolution“ gespendet, die sich gegen die Missstände entlang der Produktionsketten in der Textilindustrie einsetzen. 

Pal Offner

Showroom I Atelier I Shop
Johannesstraße 20
Öffnungszeiten: Montag – Freitag 12 – 18 Uhr
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Bilder: Pal Offner und Susanne Klöpfer