Videocall mit Oma: „Drück den grünen Hörer!“

Unsere Autorin sehnt sich in der Corona-Zeit am meisten nach ihrer Familie im hohen Norden. Die Lösung: Videocalls mit ihrer Oma! Doch erstmal muss die App installiert werden. Ein Leidensbericht – mit Happy End.

Stuttgart – Ich habe keine Lust mehr auf Live-Workouts auf YouTube oder schlechte Konzerte aus dem Wohnzimmer von irgendeinem Star. Mein Zimmer habe ich jetzt schon drei Mal neu umgestellt und verdammt nochmal: Wann bin ich auf die Idee gekommen, einen Sauerteigansatz zu züchten?! Ich weiß nicht mal, was man damit macht, wenn er nach Tagen endlich fertig sein soll.

Videocall mit Oma

Dennoch dürfte ich mich eigentlich nicht beschweren, denn was die großen Probleme unserer Zeit angeht bin ich bestens ausgestattet:

  • Mein Wohnheim hat einen Klopapiervorrat für die nächsten sechs Monate.
  • Offensichtlich habe ich bei meiner Mutter die Ur-Instinkte geweckt und so bin ich nun stolzer Besitzer eines ganzen Pakets Nudeln.

Doch egal wie viele Nudeln sich in meinem kleinen Küchenfach ansammeln sollten, am meisten sehne ich mich in der Corona-Zeit nach meiner Familie. Die befindet sich nur leider in ausreichendem Abstand von mehr als zwei Metern – im Norden Deutschlands.

Irgendwann in dieser nicht enden wollenden Langeweile kam mir die grandiose Idee, meiner Oma Whatsapp einzurichten. Wie viel näher wir uns doch fühlen würden, wenn wir uns beim Telefonieren nicht nur hören, sondern auch sehen würden. Es klingt traumhaft. Wäre mir doch an dieser Stelle schon bewusst gewesen, was für eine Odysee da auf mich zukommt.

Ich rufe sie also auf ihrem Festnetztelefon an:
Ich: „Hallo Oma, ich bin’s! Ich habe einen kleinen Überfall auf dich vor. Ich würde dir gerne eine App installieren.“
Oma: „Oh okay, was ist denn eine App?“
Ich: „Das ist so ein… naja so eine Anwendung für dein Handy.“
Oma (skeptisch): „Aha und wie willst du das bei mir installieren?“
Ich: „Ich sage dir einfach Schritt für Schritt, was du machen musst.“
Oma (immer noch skeptisch): „Aha, nun gut, dann erzähl mal!“

Wow, das ging schnell. Ich hatte mit viel mehr Widerstand gerechnet. Normalerweise drückt sie sich vor der neuesten Technik. Verständlich, wenn man bedenkt, wie empfindlich früher alles war. Ein falscher Knopf gedrückt und schon funktionierte der Fernseher für Wochen nicht mehr oder die Handyrechnung war der direkte Weg in die Privatinsolvenz.

Für meine Generation ist das Internet Entspannungs-, Unterhaltungs- und Informationsquelle. Für die Generation unserer Großeltern vor allem eines: Stress.

Was für uns intuitiv funktioniert, ist für unsere Omas und Opas ein wildes Fingerballett an Druck- und Wischtechniken auf einem flirrenden Bildschirm.

Daher Oma, ich ziehe den Hut vor dir, dass du so todesmutig und ohne Zögern meinem Aktionismus gefolgt bist und dein Handy, das wir dir vor Urzeiten mal geschenkt haben, aus den Tiefen deiner Schubladen gefischt hast.

Step 1: Einschalten des Gerätes
Oma: „Also ich hab das jetzt schon ganz lange nicht mehr angefasst.“
Ich: „Keine Sorge, wir kriegen das hin, du musst es nur einschalten, dann erkläre ich dir was du machen musst.“
Oma: „Wo schalte ich das denn ein?“
Ich: „Es gibt da einen kleinen Knopf an der Seite des Telefons…“
Oma: „Welcher Knopf?
Ich: „Der hat die gleiche Farbe wie das Gehäuse, steht aber ein bisschen ab.“
Oma: „Nein, da ist kein Knopf. Moment, warte… Ja, ich habe ihn gefunden, ich drücke ihn jetzt, ja?“
Ich: „Nein, stopp! Er darf nicht lang sein, du musst einen kurzen Knopf finden.“
Oma: „Woher weiß ich welcher der Kurze ist?“
Ich: „Wenn er kürzer ist, als der lange.“
Oma: „Okay, ich glaube ich hab ihn, ich drücke ihn jetzt, ja?“
Ich: „Ja, du musst ihn so lange gedrückt halten bis der Bildschirm hell wird.“
Oma: „Okay… jetzt steht da die Uhrzeit und… nein, jetzt ist es wieder dunkel.“
Ich: „Okay, nochmal den Knopf drücken. Dann einmal deinen Finger auflegen und eine Wischbewegung nach oben machen.“
Long story short, nach dreißig Minuten hatten wir den Sperrbildschirm überwunden und sind beim Hauptmenü angekommen.

Step 2: Finde den Playstore
Nun gilt es, das bunte Dreieck mit der Beschriftung „Playstore“ zu finden. Ebenfalls eine Mammutaufgabe, da man hierbei vom Startbildschirm ins Hauptmenü wechseln muss. Die richtige Touchtechnik ist dabei entscheidend, nicht zu doll und nicht zu kurz, Wischbewegung in die richtige Richtung mit Halten eines konstanten Drucks. Was uns Millennials und Kids der 90-er im Blut zu liegen scheint, ist für ältere Generationen hoch komplex.

Step 3: Whatsapp installieren
Nach circa einer Stunde haben wir erfolgreich den Playstore gefunden und auch geöffnet. Auch Whatsapp haben wir an dieser Stelle erstaunlich schnell in der Suchleiste ausfindig gemacht und installiert. Der wirklich schwierige Teil kommt erst jetzt.

Step 4: Telefonnummer validieren
Wer selbst Whatsapp benutzt, weiß, dass man nach dem Eintragen seiner Telefonnummer, diese entweder per SMS oder per Anruf validieren muss und dafür nur begrenzt Versuche hat, bis man eine Zeitsperre von mehreren Stunden bekommt. Dafür ist es jedoch essentiell, dass man seine SMS auch lesen kann. Dies war im vorliegenden Fall nicht gegeben.

Ich: „Okay Oma, dann probieren wir es mit dem Anruf: Wenn du auf den Knopf drückst, klingelt dein Telefon, du musst dann abnehmen. Eine Stimme gibt dir dann den Code durch, den musst du dir aufschreiben.“

Nach diversen (gescheiterten) Anrufen, waren wir schließlich im Besitz des Codes. Ich fühle mich, als hätten wir Enigma persönlich entschlüsselt. Auch Oma ist mittlerweile ziemlich gestresst, das ganze Gewische, Gedrücke und Gehalte geht ihr langsam richtig auf die Nerven.

Oma

Step 5: Videoanruf
Ich: „Okay Oma, wir haben es fast geschafft.“
Oma: „Das wäre wirklich schön, ich habe schon keine Lust mehr und gleich beginnt Bares für Rares.“
Ich: „Ich verspreche dir, das dauert jetzt wirklich nicht mehr lange.“
Oma: „Das hast du vorhin auch schon mal gesagt. Aber gut – was muss ich machen?“
Ich: „Ich werde dich jetzt anrufen, auf deinem Handy. Da kommt dann ein grüner Hörer und da drückst du drauf und wischst ihn in die Richtung der Pfeile.“

Alles klar, ich habe sie vorbereitet und los: Ich lege auf und rufe via Whatsapp an, ich lasse es klingeln. Sie geht nicht ran. Ich versuche es erneut… Wieder nicht.

Festnetztelefon: „Okay Oma, was war los?“
Oma: „Das war zu schnell wieder weg, ich konnte es gar nicht lesen.“
Okay, zweiter Versuch: Ich lasse es klingeln. Ich rufe nochmal an und lasse es klingeln… ich rufe nochmal an und lasse es klingeln… ich rufe nochmal an.

Festnetztelefon: „Okay, was war es jetzt?“
Oma: „Da war kein grüner Hörer, da stand nur ‚Annehmen‘, dann wusste ich nicht, was ich machen soll.“

Ich rufe erneut an und auf einmal erscheint ein Bild. Es hat funktioniert! Ich sehe meine Oma, also besser gesagt ihren Haarschopf (das mit dem Handykippen üben wir noch) und sie sieht mich. Und auf einmal stehen meiner Oma Tränen in den Augen. Und genau dafür haben sich die letzten zwei Stunden wirklich gelohnt. Ich werde nie vergessen wie dankbar und überglücklich sie in diesem Moment war, als sie begriffen hat, dass wir uns in dieser Krise vielleicht nicht in den Arm nehmen, aber dass wir die Kilometer, die zwischen uns liegen, durch das Internet auf wenige Zentimeter verkürzen können.

Anmerkung: Wir befinden uns mittlerweile bei Tag drei post Whatsappinstallation und haben bereits die erste Vier-Personen-Videokonferenz hinter uns. Meine Oma wird wohl noch ein richtiger Profi und ich sollte mich schon mal wappnen: Sie spielt mit dem Gedanken, bald ihren ersten Youtubekanal zu eröffnen: „Backen mit Oma“.

Fotos: Shutterstock

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