VfB-Bar in München: Schwabenpfanne und Trostschnaps

Nicht nur in Stuttgart leiden alle mit dem VfB. Die Bar Sax ist offizieller Treff der VfB-Fans in München. Wie kommen die Exil-Schwaben dort mit Bayern-Fans klar? Und wer macht im Sax die besten Spätzle? Über eine Bar, in der man sich gleich zu Hause fühlt.

München/Stuttgart – Freitagabend, 20.30 Uhr. Die Bar Sax im hippen Münchner Glockenbachviertel ist zum Bersten gefüllt. Tisch an Tisch gedrängt sitzen die Leute beieinander. Sie tragen Trikots, Fanshirts und Schals in weiß-roten Farben. Die Stühle haben sie in Richtung der Leinwand gedreht, auf die alle starren. Die Luft ist stickig, es riecht nach Bier. Der VfB Stuttgart spielt gegen Bayer 04 Leverkusen.

Anpfiff.

Stuttgart-Anhänger hat man es in der bayerischen Landeshauptstadt bisweilen schwer: Unter dem lauten Gebärden der beiden Münchner Fußballlager – der FC Bayern auf der einen Seite, der TSV 1860 München auf der anderen – gehen andere Fangruppierungen allzu schnell unter. Im Sax finden die VfB-Fans Zuflucht – und ihresgleichen. Die Bar ist der offizielle Fantreffpunkt der VfB-Fans in München.

Der Chef des Ladens heißt Josef Fridolin Bulach, aber das ist so ein komplizierter Name, dass er hin lieber direkt aufschreibt und nicht diktiert. Im Sax nennen ihn sowieso alle nur Friedel. Friedel ist ein waschechter Schwabe, in jungen Jahren hat ihn ein Ingenieursstudium von Hechingen-Stein auf der Schwäbischen Alb nach München verschlagen. Nebenbei hat er in der Gastronomie gearbeitet und das dann auch schnell zur wirklichen Berufung gemacht, weil „ich halt lieber mit Menschen arbeite“.

13. Minute

Der Schiedsrichter sieht ein Handspiel beim VfB. Gibt es einen Elfmeter für Leverkusen? „So ein Trottel“, murmelt Friedel. Er steht hinter der Theke, das Bier in der Hand. Wird das Gejohle im Raum lauter, reißt sein Erzählfluss abrupt ab und er blickt zur Leinwand. Der Videobeweis entscheidet: kein Elfmeter. Jubel im Sax.

1996 feierte Friedel im Sax Eröffnung. Damals dachte noch keiner an eine VfB-Hochburg. Alle Spiele live übertragen, noch dazu in guter Bildqualität? „Das war ja damals noch gar nicht möglich.“ Der VfB war aber schon immer sein Verein; „mein Vater war schon Fan“, sagt er, als sei seine Liebe zum Verein die einzig logische Konsequenz daraus. Auch an diesem Abend trägt er ein schwarzes Poloshirt mit VfB-Logo und der Aufschrift „Sax – offizieller VfB-Treff“.

Am Anfang schauten sie die Spiele im Sax nur in kleiner Runde, mit Freunden. Sie waren zwei, dann vier dann acht – „es hat sich herumgesprochen“. Neben anderen Gruppen kamen irgendwann auch die „VfB-Freunde München“ nur noch zu ihm, ein großer VfB-Fanverein in der Stadt. Einen großen Schub gab es dann noch einmal, als Stuttgart die Bundesliga gewann. Friedel tippt einem Gast an der Theke auf die Schulter: „Wann wurde Stuttgart nochmal Meister?“ – „2007!“

37. Minute

Foul am Stuttgarter Spieler Andreas Beck. Die Fans im Sax sind sauer. Christoph A. ist ganz froh, nicht hinsehen zu müssen und stattdessen ein paar Fragen zu beantworten. Er ist gebürtig aus Bad Cannstatt und hat lange Zeit in München gearbeitet. Jetzt wohnt er in Berlin und ist nur auf der Durchreise. Der 45-Jährige ist mit seinen Tischgenossen per Du, so wie alle im Sax per Du sind. Setzt man sich an den Tisch, gehört man schnell dazu.

Christoph ist öfter im Sax, „weil man den VfB nicht mehr allein ansehen kann“, sagt er und lacht. Ein bisschen Verzweiflung schwingt aber auch mit. Früher ist er bei jedem Spiel gewesen, aber Stadionbesuche machen ihm keinen Spaß mehr – zu viel Kommerz, und „Commando Cannstatt“, eine Ultrabewegung aus Stuttgart, „produziert sich dort nur noch selbst“. Im Sax kann er das Spiel auch in voller Länge schauen – ohne Geld zu zahlen und mit Leuten, die er kennt und die mit ihm jubeln, oder aktuell besser: mit ihm leiden.

Halbzeit. Es steht weiter 0 zu 0.

Bar-Chef Friedel zapft an der Biertheke. Er schenkt Augustiner aus, ein Münchner Bier. „Wir haben mal versucht, Stuttgarter Bier zu importieren. Aber der Vermieter hat’s verboten.“ Der Gedanke „Typisch Bayern“ hängt unausgesprochen im Raum. Macht nichts, den Gästen schmeckt das bayerische Bier genauso gut – wenn nicht sogar besser.

Auf der Speisekarte stehen bayerische Klassiker, aber auch Gerichte aus Portugal, Thailand und Indien. Am besten läuft aber die Schwabenpfanne. „Die besten Spätzle macht der Kollege aus Sansibar“, sagt Friedel Bulach. Seine Küche ist international besetzt: Afghanische, portugiesische, deutsche, türkische und afrikanische Nationalitäten sind vertreten – das erklärt auch die Vielfalt der Gerichte.

76. Minute

Tor für Bayer Leverkusen. Im Sax wird es etwas stiller, die Gesichter werden länger.

„Gleich stöhnen wieder alle und sagen ‚Wie jede Woche!‘“, sagt Friedel mit einer Mischung aus Lachen und Kopfschütteln. 90 Prozent seiner Gäste sind aus Baden-Württemberg, schätzt er. Der 54-Jährige macht sich gerne einen Spaß daraus am Dialekt zu erraten, von wo genau die Leute kommen.

94. Minute

Das Spiel endet mit einem Sieg und zwei Toren für Leverkusen.

Nicht nur VfB-Fans kommen im Sax zusammen. Im hinteren Teil der Bar überträgt der Wahl-Münchner auch die Spiele des FC Bayern. Die Fangruppen kommen in der Bar gut miteinander zurecht. Die Bayern-Fans „finden im Moment sogar oft tröstende Worte oder geben mal einen Schnaps aus“, erzählt Bar-Chef Friedel. Zuspruch können die Schwaben gerade auch gut gebrauchen. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Daraus entstünden auch neue Freundschaften: „Wir sind eine Gemeinschaft geworden“, sagt der gebürtige Hechinger, „hier geht es um den Sport.“