Venezuela: „Die Menschen hungern“

Venezuela steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Politisch hat sich die Lage in den letzten Wochen zugespitzt. Christine Dagher Delgado ist Venezolanerin und lebt seit 2015 in Stuttgart. Im Interview mit Stadtkind erzählt sie, wie dramatisch die Situation für die Menschen dort ist und warum wir froh über unsere Kanzlerin sein sollten.

Stuttgart/Caracas – Christine Dagher Delgado, 21, lebt seit 2015 in Stuttgart und studiert Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Bevor sie während des Interviews von Stadtkind fotografiert wurde, wollte sie noch schnell ihr rot-gestreiftes T-Shirt wechseln. Rot ist in Venezuela die Farbe der Regierung. Die Farbe zu tragen, bedeutet: Ich unterstütze das, was Präsident Nicolas Maduro tut. Diesen Eindruck wollte Christine auf keinen Fall erwecken. Generell trägt sie rote Oberteile erst, seitdem sie in Stuttgart ist.

„Wenn schon die Reichen hungern, wie muss es dann den Armen gehen?“

Stadtkind Stuttgart: Christine, kannst du die aktuelle Situation in Venezuela beschreiben?

Christine Dagher Delgado: Ich war 2016 das letzte Mal in Venezuela, da war es nicht so schlimm wie jetzt. Meine Eltern waren im vergangenen Dezember dort und haben erzählt, dass die Supermärkte komplett leer sind. Es ist einfach kein Essen mehr da! Ich habe Glück, meine Familie hat genug Geld, mir mein Leben in Deutschland zu ermöglichen. Meine Eltern sind 2017 aus Venezuela in ein anderes südamerikanisches Land geflohen.

Ich habe aber noch Verwandte und viele Freunde dort. Eine Freundin hat in den letzten beiden Jahren neun Kilo abgenommen – aber nicht freiwillig. Dabei sind das auch reiche Leute. Wenn der Hunger schon in einer so hohen sozialen Schicht angekommen ist, wie muss es dann den Ärmeren gehen? Meine Eltern haben mir geraten, dass man auch niemandem mehr sagen soll ‚Hey, du hast abgenommen, sieht gut aus!‘, weil die Menschen hungern.

Keine Medikamente, kein Telefon

Seit vielen Monaten zersetzt eine Hyperinflation das Land. Wie muss man sich das vorstellen, wenn Geld plötzlich keinen Wert mehr hat?

Zwischendrin hat die Regierung die Währung noch einmal gewechselt. Die Inflation hat das aber nicht aufgehalten – eher im Gegenteil. Man muss sich das so vorstellen: Mit einem Cent könntest du in Venezuela gerade fünf SUVs volltanken. Toilettenpapier zu kaufen ist teurer als dafür einfach die Geldscheine zu benutzen. Viele Straßen haben außerdem keinen Festnetzanschluss mehr, weil die Leute die Telefonkabel aus den Straßen gestohlen haben und damit handeln. Es gibt auch keine Medikamente mehr, nicht mal eine Schmerztablette bekommt man. Die Menschen machen sich ihr Deo, die Zahnpasta, alles selbst, weil nichts mehr da ist.

Was macht dieser Notstand mit den Venezolanern? Wie geht es ihnen?

Die Leute sind trotz all dem immer noch freundlich und höflich zueinander. Wir sind ein sehr lustiges Volk und machen über alles Witze. Also lachen wir auch darüber. Weinen kann man immer. Ich frage aber meine Freunde dort auch nicht ständig, wie es ihnen geht. Was sollen sie schon sagen? Scheiße eben. Alles, was ich tun kann, ist, Kontakt zu halten und als Freundin für sie da zu sein.

„Die Regierung redet nur Blödsinn“

Wie informierst du dich denn in Deutschland über das, was in deiner Heimat gerade passiert?

Ich schaue schon deutsche Nachrichten, also die Tagesschau, und lese Artikel. Aber oft wird das Thema in den Nachrichten nur kurz abgewickelt. Dadurch wird das Ausmaß gar nicht klar. Ich bin auch in einigen Whatsapp-Gruppen mit anderen Venezolanern, die Neuigkeiten und andere Artikel posten. Und auch auf Instagram gibt es viele Accounts, die einen informieren. Natürlich folge ich da aber keinen Accounts, die auf der Seite der Regierung stehen.

Was hältst du denn von der aktuellen Regierung Venezuelas?

Ich bin keine extreme Oppositionelle, aber man kann einfach nicht für diese Regierung sein. Die reden nur Blödsinn. Ich kann mir das nicht anhören, man lacht wirklich über den eigenen Präsidenten. Auch die Deutschen machen Witze über Angela Merkel, über ihren Satz ‚Wir schaffen das‘ oder über ihre Mundwinkel. Aber die Frau hat einen Doktortitel, die kann wenigstens was. Präsident Maduro war vor seiner politischen Laufbahn Busfahrer. Das ist aber nicht wie in Deutschland, wo du eine Ausbildung brauchst, um Busfahrer zu sein. Nein, in Venezuela bist du Busfahrer, wenn du einen Bus hast.

„Es muss jetzt Schluss sein!“

Viele Länder auf der Welt haben den Oppositionsführer und Parlamentspräsident Juan Guaidó als Interimspräsident anerkannt. Andere, darunter Italien, lehnen das ab. Wie sollten sich die Länder deiner Meinung nach verhalten?

Ich finde es gut, dass viele andere Länder Juan Guaidó anerkennen. Guaidó hat eine legale Berechtigung dazu, weil das, was Präsident Maduro tut, verfassungswidrig ist. Die Welt muss anerkennen, dass wir in Venezuela ein Problem haben und den Druck auf die Regierung erhöhen. Ich hoffe nur, das Guaidó nicht den Mut verliert und einknickt, wie es in den letzten Jahren so viele getan haben. Langsam geht es aber nicht mehr schlimmer, deswegen muss jetzt echt Schluss sein!