Über die Liebe: Was hilft wirklich bei der Beziehungssuche?

Klassische Beziehungsratgeber empfehlen die radikale Selbstliebe als Allheilmittel gegen Beziehungslosigkeit. Doch oft hilft es mehr, sich mit alten Verletzungen auseinander zu setzen.

Stuttgart – Es gibt wirklich unendlich viele gute Tipps, die man Menschen, die auf der Suche nach einer Beziehung sind, raten kann: „Du musst dich erst einmal selbst lieben.“ Oder: „Du darfst nicht suchen.“ Auch immer wieder gerne genommen: „Der Weg zu einer Partnerschaft fängt bei dir selbst an.“

Alte Wunden müssen heilen

Doch was ist da dran? Tatsächlich wäre die Menschheit wohl ausgestorben, wenn jeder sich erst radikal selbst lieben müsste, bevor er einen Partner findet. Wer tut das schon, sich bedingungslos selbst zu lieben? Vielmehr ist es doch eher so: Je mehr wir mit uns selbst zufrieden sind, desto besser ist dies für die Qualität unserer Beziehung. Wer gut alleine funktioniert, funktioniert auch gut in einer Beziehung. Je mehr wir mit uns selbst anfangen können, desto unabhängiger sind wir auch von unserem Partner. Wer unabhängiger ist, ist nachweislich weniger eifersüchtig, weniger einengend und neigt weniger dazu, seinen Partner kontrollieren zu wollen.

Wer Grenzen setzen kann, wer das richtige Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz findet, der tut sich in einer Beziehung leichter.

Wir brauchen jemanden, in dem wir uns spiegeln können

Das bedeutet aber eben nicht, dass jeder, der niemanden findet, erst einmal lernen muss, sich selbst zu lieben. Vielen gelingt das tatsächlich nämlich erst dann besser, wenn sie jemanden gefunden haben. Wir brauchen alle jemanden, in dem wir uns spiegeln können, der uns von außen bestätigt, dass wir großartig sind.

Aber warum ist es für manche trotzdem so schwer, jemanden zu finden? Ab einem gewissen Alter tragen wir alle diesen Rucksack mit unseren leidvollen, oft auch traumatischen Beziehungserfahrungen durch die Welt. Häufig ist der Rucksack so voll, dass wir da nichts mehr hineinpacken wollen. Die Angst, dass der Rucksack noch voller werden könnte, ist einfach oft zu groß.

Viele halten am Beuteschema fest

Die Angst vor einer weiteren Enttäuschung, hält uns davon ab, jemand Passendes zu finden. Wir trauen uns oft auch selbst nicht mehr zu, die richtige Wahl treffen zu können. Gerade deshalb halten wir an einem Beuteschema fest, dass sich allzu oft als falsch herausgestellt hat – weil es uns vertraut erscheint.

Tatsächlich tun viele aus diesem Grund allerlei, um das Entstehen einer Beziehung in jedem Fall zu vermeiden. Das geschieht meistens unbewusst. Zu dick? Zu groß? Zu doof? Scheiß Schuhe an? Irgendwas ist doch immer, warum man jemanden unmöglich finden kann. Meistens sind das alles Selbstschutzmechanismen. Denn wer jeden aussortiert, der läuft auch nicht Gefahr, enttäuscht zu werden.

Wie kommt man nun aus dieser Nummer wieder raus?

Falsche Ratschläge helfen auf jeden Fall nicht weiter. Doch wie gelingt das nun besser? Vielleicht ein Stück weit dadurch, dass wir unsere eigenen seelischen Verletzungen erst einmal heilen. Die Trainerin für Kommunikation, Flirten und Partnerschaft Nina Deißler rät dazu auf ihrem Blog, nicht alles aus der eigenen Sicht zu betrachten: „Was passiert, wenn du deinem Gegenüber das Recht einräumst, frei über sein Leben zu entscheiden?“

Denn oft seien wir enttäuscht, weil ein anderer nicht so ist, wie wir das haben wollen. „Das heißt ja, du brauchst es, dass er ist, wie du willst“, schreibt Deißler. „Du brauchst es, dass er tut, was du willst. Damit du also nicht enttäuscht wirst, soll jemand anderes Dinge tun, die er eigentlich nicht will.“

Rechtzeitig Grenzen ziehen

Doch das, so Deißler, ist nun einmal der völlig falsche Ansatz, um eine Partnerschaft anzugehen. Sie plädiert dafür, „Mitverantwortung“ zu übernehmen, für das, was in der Vergangenheit passiert ist. Anstatt: „Er war der böse. Basta.“ Tatsächlich ist es aus der Sicht des Coaches so, dass vieles eben deshalb passiere, weil man es selbst zugelassen hat. Weil man eben nicht rechtzeitig die Grenze gezogen hat, sondern um einer Beziehung willen, sich viel zu viel hat gefallen lassen.

Deißler sagt, viele fänden in ihrer Opferrolle eine gewisse Sicherheit: „Sie haben schreckliche Angst davor, sie wieder aufzugeben.“ Die eigene Opferrolle zu überwinden und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist natürlich ein längerer Prozess.

Wenn wir uns verlieben, erinnern wir uns daran, wie großartig, wie göttlich wir sind.

Doch was tut man bis dahin? Die Bloggerin „Hello Mrs Eve“ schrieb kürzlich auf der Frauen-Plattform Edition F über „Unser größter Irrtum über die Liebe“. Ihre Theorie: „Als Erwachsene lernen wir die Liebe nicht mehr als etwas Gebendes zu sehen, sondern als etwas, das wir bekommen, ergo festhalten müssen.“ Dabei habe aus ihrer Sicht, die Liebe viel weniger mit dem Objekt zu tun, „als Romeo und Julia uns das glauben machen wollen.“

Sie verweist auf Byron Katie, die schrieb: „Wenn wir uns verlieben, erinnern wir uns daran, wie großartig, wie göttlich wir sind.“ Der andere sei damit nur ein Spiegel, er bringt ein Gefühl in uns zum Vorschein, das vorher schon da war und auch nachher wieder da sein wird. Denn: „Eigentlich sind wir immer auch in unsere Herrlichkeit verliebt.“ Das Objekt unserer Lieber sei nur ein Reminder.

Deshalb, so die Bloggerin, müsse man offen dafür sein, „dieses Gefühl“ auch an anderer Stelle zu finden – über Freunde, Hobbies, die Familie oder die Arbeit, im Prinzip über alles, was uns leidenschaftlich begeistert und glücklich macht. Ihr Tipp: „Wenn du gerade Angst in deinem Herzen spürst und das Gefühl hast, dich an den anderen klammern zu müssen, erinnere dich daran: Es gibt nichts, was du festhalten musst, denn du hast schon alles. Es ist in Dir.“

(Foto: Unsplash/Taylor Hernandez)

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