Uber in Stuttgart: Hot oder Schrott?

Ab sofort können auch wir Stuttgarter Fahrten über die App Uber buchen. Freuen wir uns darüber oder nicht? Unsere Autoren diskutieren das Pro und Contra.

Stuttgart – In vielen Städten weltweit gehört er schon zum Alltag. Jetzt gibt es ihn auch im Kessel: Den Fahrdienst Uber. App an, Fahrer rufen und schnell mal von A nach B flitzen lassen. Ein US-Konzern auf der Überholspur – in den deutschen Großstädten wie Berlin, München, Hamburg und Co. aber auch Grund für Kontroverse. Die einen feiern es, die anderen – allen voran die Taxi-Branche – weniger. Unsere Autoren Meltem Yurt und Björn Springorum diskutieren das Für und Wider des Fahrdienstvermittlers.

PRO (Meltem Yurt)

Bei Uber geht Sicherheit vor

Ich habe eine Zeit lang in Amsterdam gelebt. Uber gehört hier zum Alltag wie die zahlreichen Coffeeshops. In einer Stadt wie dieser wird nicht selten bis in die Puppen gefeiert.

Und ehe man sich versieht, steht man morgens um vier Uhr vor einem Club, wo man sich schlagartig nicht mehr so wohl fühlt wie drinnen – vor allem als Frau. Im Kopf schwirrt nur ein einziger Gedanke: Wie zum Teufel komme ich jetzt heim? Es fahren (noch) keine Öffentlichen und selbst zu fahren wäre eine sehr schlechte Idee. Die Taxisuche bleibt aussichtslos und, oh mein Gott, die Spamanrufe in der Zentrale führen wegen Überlastung ins Nirwana. In genau solchen Momenten gibt es nichts Beruhigenderes als eine Benachrichtigung, die auf dem Handybildschirm aufploppt: „Dein Uber-Fahrer erreicht in zwei Minuten sein Ziel“. Und das Ziel ist da wo du stehst.

Der Preis ist heiß

Uber ist günstiger als ein Taxi. So unmoralisch das gegenüber der Taxibranche klingt: Uber-Preise sind nicht staatlich gesetzt und richten sich nach Angebot und Nachfrage. Am Ende ist das im Sinne des Verbrauchers und meiner Meinung nach auch gut so. Zu Stoßzeiten wie während des Feierabendverkehrs oder morgens nach dem Feiern, wenn alle den Club auf einmal verlassen, steigt die Rate entsprechend. In solchen Fällen benachrichtigt die App immer vorab über den aktuellen Preisstand.

Her mit der Transparenz

Die Uber-App zeigt mithilfe von Live-Tracking genau an, wo dein Fahrer sich gerade befindet. Ob er bald da ist oder ob er seit 15 Minuten sinnlos im Kreis fährt. Bevor du einsteigst, kannst du den Fahrer außerdem noch schnell stalken: Profilbild, Automodell und Bewertungen. Das wiederum ist ein wichtiger Punkt: Der Fahrer weiß nämlich genau, dass er im Nachhinein individuell von dir bewertet wird. Da überlegt man sich zweimal, ob man seiner Schichtfrustration Luft macht oder mal eben die extra ausschweifende Route nimmt.

Komfort plus

Ich kann es aus eigener Erfahrung sagen: Mit Uber muss man seine Komfortzone wirklich nicht verlassen. Das Uber-Fahrzeug kommt immer und überall dahin, wo du deinen Pin setzt. Auf der Karte siehst du, wie lange die Fahrt dauern wird. Sobald du deine Fahrt ausgewählt hast, siehst du die Ankunftszeit deines Ubers. Außerdem musst du dir keine Gedanken darüber machen, ob du Cash dabei hast oder nicht. Abgebucht wird mit hinterlegter Kreditkarte über die App.

 

Taxi
Lieber im Taxi weinen, als im Uber. Foto: Unsplash/Lexi Ruskell

CONTRA (Björn Springorum)

Es gibt Reis

In Japan weiß man noch, was Handwerk bedeutet. Jemand, der Klingen herstellt, macht sein Leben lang nichts anderes und lernte zunächst mal jahrzehntelang das Handwerk bei einem Klingenmeister, bevor er seine erste eigene Klinge schmiedete. Ein Sushimeister hat eine Ewigkeit hinter sich, in der er nur Reis wusch. Das könnt ihr gern für überzogen halten. Es stimmt aber, dass niemand in diesen Dingen besser ist als die Japaner. Wird also schon etwas dran sein.

Schuster und Uber und Leisten

Haltet mich für altmodisch, aber ich glaube noch an die Vorzüge professioneller Dienstleister. Nicht, was ihr jetzt denkt, ihr Schmierfinken. Sondern ganz allgemein. Wenn ich Socken kaufe, kaufe ich sie von einem Hersteller, der nur Socken produziert. Wenn ich in ein Restaurant gehe, möchte ich nicht italienische Gerichte neben Wiener Schnitzel und Burgern auf der Karte entdecken. Wenn ich zum Zahnarzt gehe, will ich keinen Arzt, der nebenbei noch Neurologe und Minigolfprofi ist. Und wenn ich irgendwo anders übernachte als zuhause, dann gehe ich in ein Hotel und nicht in das Airbnb-Apartment.

Taxi per App

Deswegen möchte ich auch mit einem Taxi von A nach B gebracht werden. Und nicht von einem Amateur in seiner verbeulten Karre mit abgelaufenem TÜV (ich bin in Nashville schon mit Uber-Fahrern unterwegs gewesen, über die will ich nicht mal nachdenken!). Das hat einerseits etwas mit einem gewissen Gentlemen‘s Agreement zu tun: Ich lass mich irgendwo volllaufen und kann auf dich zählen, lieber Taxifahrer, dass du mich nach Hause fährst. Es hat aber auch damit zu tun, dass ich Traditionalist bin. Sicher, ich habe auch nicht immer nur supernette und charmante Taxifahrer und -fahrerinnen. Insbesondere in Sachen Kartenzahlung gab es da schon oft Problemchen. Aber, von wegen Uber sei so fortschrittlich und so: Seit es Apps wie FreeNow gibt, ist all das kein Problem mehr: Bestellung per Handy, Standortbestimmung und Profil des Fahrers, Bezahlung per PayPal, Bewertung, tippitoppi alles.

Im Uber weinen?

Deswegen halte ich der Taxizunft die Treue. Weil sie es verdient hat. Sie fährt vollgesoffene Volksfestgäste nach Hause. Sie ist anonym. Sie hört sich Geschichten, Sorgen und Ängste der Fahrgäste an. Sie heizen schneller durch die nächtliche Stadt als es ein Uber-Fahrer je tun würde. Und sie lassen uns manchmal sogar das Radio lauter drehen, wenn ein guter Song kommt. Apropos Songs: Was wäre die Popkultur ohne Taxis? New York ohne die gelben Cabs? London ohne die alten schwarzen? „Im Taxi weinen“ von Kettcar ist auch deswegen so ein schöner Song, weil er nicht „Im Uber weinen“ heißt.

Euer Ehren, sehr geehrte Geschworenen: Taxifahren als Wirtschaftszweig darf nicht von jedem Privatfahrer bedroht werden, der mit seiner Karre die Innenstädte verstopft. Ach ja, stimmt ja, ihr wollt ja auch alle die Autos aus der City verbannen. Na ja, dann ist es ziemlich scheinheilig von euch, Uber zu supporten.

Titelbild: Unsplash/Dan Gold

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