Twenty Something: Gedanken am Katersonntag

Mitte 20 und keinen Plan – der typische Katermorgen nach einer durchfeierten Nacht. In der „Twenty Something“-Kolumne schreibt unser Autor heute über die Gefühle und Gedanken, die an einem Sonntag mit Kater im Bett so aufkommen.

Stuttgart –  Leise zwitschern mir Vögel aus der Ferne entgegen. Bilder in meinem Kopf: ein Frühlingsmorgen mit geöffnetem Fenster zum Garten, Frühstück am Bett mit der Sonne im Gesicht.

Es ist 12:06 Uhr an einem Sonntag.

Das Zwitschern wird jetzt lauter, fast störend. Ich werde aus einem wirren Traum gerissen und greife nach rechts, um dem Vogelgezwitscher-Wecker meines Handys ein schnelles Ende zu bereiten. Ein leichtes Pochen schiebt sich direkt hinter den Augen in meine Wahrnehmung. Ein Blick auf die Uhr – es ist 12:06 Uhr an einem Sonntag. Kein Frühling, keine (echten) Vögel und auch kein Garten.

Kurze Erinnerungsfetzen von letzter Nacht kommen mir in den Kopf: vorglühen, dann in einen Club, Tanzfläche, Bar, dann wieder Tanzfläche, dann wieder Bar, dann Pommes bei der Fritty Bar, dann Heimweg, dann Bett. „Irgendwie unnötig“, denke ich, mache den Wecker aus und versuche noch eine Runde zu schlafen.

Drinking is like borrowing happiness from tomorrow

13:11 Uhr. Mein Kopf scheint sich erholt zu haben, trotzdem fühle ich mich ein wenig leer und nicht besonders fit. Nach einem ausgiebigen Katerfrühstück bin ich zwar satt, aber immer noch in einer merkwürdigen Stimmung – und das nicht zum ersten Mal, wie mir auffällt. Liegt es am Suff von gestern? Man sagt ja nicht umsonst „drinking is like borrowing happiness from tomorrow“.

Habe ich also meine ganze happiness auf der Tanzfläche versoffen? Oder liegt es daran, dass man sonntags irgendwie immer in einer Kuschel-, Pärchen-, Spazierengehen-, Zweisamkeitsstimmung ist? „Nein“, denke ich. Ich bin jung, unabhängig und glücklich. Daran liegt es nicht.

Versunken im Meer wie Frank Ocean

Liegt es am ekligen Herbstwetter oder fühle ich mich wirklich einsam? Egal, ich will jetzt etwas dagegen tun. Und bevor ich in den Songs von Frank Ocean versinke wie in einem tiefen blauen Meer (that’s a pun), schnappe ich meine Laufschuhe und raus geht’s in den Nieselregen.

Fragen, die mir beim Laufen so durch den Kopf gehen: Wie geht es mir gerade so? Fühle ich mich alleine oder einsam? Und was ist da eigentlich der Unterschied?

Nach diesem nassen Lauf, mit äußert tiefsinnigen Gedanken, geht es mir schon besser. Die Endorphine nach dem Sport tun ihr übriges und ich verabrede mich sogar noch mit Freunden auf einen Kaffee.

Der Katersonntag ist fast geschafft

21:09 Uhr, der Katersonntag ist fast geschafft und ich muss ein bisschen über mein wehleidiges Selbst von heute Morgen schmunzeln. War der Kreislauf nach Sport, Kaffee und guter Gesellschaft erst einmal hochgefahren, wirkte mein kleines Selbstmitleidsbad zwar notwendig, aber auch ein wenig theatralisch.

Wobei, manchmal ist es okay, sich in Einsamkeit zu suhlen als wäre es ein wohltuendes Schaumbad. Es tut nämlich gut, sich selbst zu bemitleiden und einfach mal kurz loszulassen. Und das hat auch nichts mit „gut gehen“ oder „schlecht gehen“ zu tun. Manchmal muss man auch ein wenig alleine sein. Und zwar nicht im Sinne von „einsam-alleine“, sondern eher „Zeit-für-sich-selbst-alleine“. Diesen Zustand sollte man genießen. Und wenn man sich mal einsam-alleine fühlt, ist das nichts, wofür man sich schlecht fühlen sollte.

Ich hab den Tag genossen – mit Sport, Freunden, mir selbst. Und zum Abschluss hatte ich Take-Away-Essen vom Asiaten um die Ecke. In Jogginghose, auf meiner Couch, ganz alleine – und ich fand’s richtig geil.

Beim Schreiben dieses Artikels gehört

Über den Autor

Irgendwo zwischen 20 und 30, Sonntagen mit Katerbeigeschmack, lauen Sommernächten über den Dächern Stuttgarts und benebelten Lebensphilosophien am Küchentisch, schreibt unser Autor in seiner Kolumne über Quarter-Life-Krisen, die Ups and Downs des Single-Lebens, Selbstverwirklichung oder wie viele Tassen Kaffee am Tag wirklich ungesund sind. Eben über all die wichtigen und unwichtigen Fragen, die man sich mit Twenty Something so stellt.

Mehr aus dem Web