Trotz Legasthenie: Sandra Wurster schreibt ein Buch

In der Kindheit gab es früh Trouble, die Schulzeit war alles andere als leicht. Trotzdem oder gerade deshalb hat Legasthenie das Leben von Sandra Wurster maßgeblich geprägt und sie am Ende sogar motiviert, ein Buch zu schreiben.

Stuttgart – Sandra Wurster ist 27 Jahre alt, hat ihr Label Bauchfrauen erfolgreich auf- und ausgebaut und steht nun kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches mit dem Titel „Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen“. Das klingt zunächst – um im Thema zu bleiben – nach einem Bilderbuch-Lebenslauf. Doch ihr Weg dorthin war alles andere als leicht und schön, er war – wie so oft zitiert – steinig und schwer. Sandra ist Legasthenikerin. Eine Tatsache, die ihre Eltern schnell überforderte und die Lehrer veranlasste, sie als dumm zu bezeichnen. „Total demotivierend und ungerecht“, findet die 27-Jährige. Denn sie hat schon immer gern geschrieben. „Meine Tagebücher bestehen quasi nur aus Kurzgeschichten, ich hatte immer so eine Lust auf Poesie und Gedichte.“ Da war das eigene Buch eigentlich nur eine Frage der Zeit.

Legasthenie ist keine Schwäche

Sandra ist es wichtig, zunächst einmal ihre vermeintliche „Schwäche“ zu definieren. Denn viele würden Legasthenie als Lese- und Rechtschreib-Schwäche kennen beziehungsweise mit eben dieser verwechseln. Laut dem Katalog der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) ist Legasthenie aber eine veranlagte Störung in der Hirnfunktion, die für viele Teilleistungsstörungen verantwortlich ist. „In meinem Fall erkennt man diese Störungen vor allem an meiner miesen Rechtschreibung, aber auch an meinen mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen, an meinem schlechten Langzeitgedächtnis und der schnellen Art zu sprechen“, erklärt die gelernte Tanzpädagogin.

Bis zur dritten Klasse war Sandras Legasthenie kaum aufgefallen, danach offenbarten sie schlechte Noten. Ihrer Mutter habe dies schwer zugesetzt, sie hatte damals bereits von Legasthenie gehört, suchte beim Klassenlehrer nach Rat, doch der tat das Ganze nur mit dem Satz ab: „Ihre Tochter ist einfach dumm.“ Daraufhin dachte sich Mama Eva: Jetzt erst Recht! Sie ging mit klein Sandra zum Legasthenie-Zentrum in Stuttgart und sollte recht behalten. Untersuchungen und Tests ergaben: „Ich bin sehr starke Legasthenikerin, mir fällt sowohl lesen als auch schreiben schwer“, erklärt die Powerfrau.

Beim Vorlesen falle es ihr schwer, das Wort zu greifen. Sie nehme sehr hohe Töne wahr „und ich spreche sehr schnell, damit nicht auffällt, ob ich das Wort gerade richtig ausgesprochen habe.“

Die eigene Logik kreieren

„Das schlimmste an der Legasthenie ist, dass du trotz deiner Bemühungen immer wieder gesagt bekommst: Du bist schlecht, du kannst es nicht! Meine Motivation war am Nullpunkt.“ Trotzdem hat Sandra ihren Hauptschulabschluss gemacht, recht gut, wie sie findet. Und setzte sogar noch den Realschulabschluss obendrauf. „Aber ich weiß auch, dass ich viel mehr dafür tun musste als andere. Legasthenie bedeutet nicht, dass du dumm bist. Einstein zum Beispiel war Legastheniker. Man kreiert eben seine eigene Logik.“ Die einen würden Gründe für ihr „schlecht sein“ finden, die anderen Wege. „Und ich habe mich für die Wege entschieden. Ich habe ein großes Mundwerk, bin mutig und lasse alles auf mich zukommen.“

Und auch ihr Schreibstil sei aufgrund der Legasthenie ganz eigen. Sandra konnte sich Fremdwörter nicht merken, also habe sie angefangen, diese zu umschreiben.

Legasthenie hat in mir viel Schmerz verursacht. Ich habe irgendwann Humor entwickelt und viel darüber gelacht und es auch öffentlich gemacht.

Da sei kein Platz für Stolz. „Es darf mir nicht peinlich sein, dass Leute meine Texte, Geschäftsmails etc. korrigieren. Ich war auch so dankbar über die Erfindung von Sprachnachrichten. Denn Menschen haben Vorurteile, keiner kann sich davon frei sprechen und viele Fehler in einem Text, da denkt sich doch jeder erstmal: Was ist denn bei der los?“

Legasthenie ist meine größte Schwäche, aber ich habe sie in meine größte Stärke umgewandelt. Ich bin Legasthenikerin und habe kein Problem mehr damit.

Warum ist Kreativität kein Schulfach?

Sandra fällt es schwer, an ihre Schulzeit zurückzudenken. „Weil ich es nicht leicht hatte.“ Am schwersten sei es ihr gefallen, wieder ein lebensfroher Mensch zu werden. „Die Schule war für mich ein System, in dem ich das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen. Meine Kreativität wurde als Verschleierung meiner angeblichen Dummheit und Faulheit gedeutet.“ Dabei sei sie so ein wissbegieriges Kind gewesen, von allem fasziniert. „Die Begeisterungsfähigkeit war immer da.“ Und auch wenn ihre Kreativität in jedem Zeugnis vermerkt worden war, so sehr bedauere sie doch auch, dass eben diese immer noch nicht den gleichen Stellwert wie etwa die Zwei in Mathe habe.

Legasthenie ist jetzt ihre größte Stärke: Sandra Wurster feiert ihre Individualität und Kreativität

Viele wissen nicht, was Legasthenie ist, setzen sich nicht damit auseinander und tun es gern mal als Ausrede ab.

Dabei tun Legastheniker viel mehr als andere. „Ich bin sehr zielstrebig“, betont Sandra. Schon immer habe sie Leute inspirieren, an ihrer Lebensfreude teilhaben lassen und ihre eigene Welt kreieren wollen. „Mir war deshalb klar, dass ich irgendwann ein Buch schreiben werde.“ Und genau das sollte in diesem Jahr passieren.

Unsere Schwächen machen uns interessant und zu dem, der wir sind. Es geht immer darum wie du damit umgehst und was du daraus machst. Niemand ist perfekt.

Der Trias Verlag kam auf Sandra zu, fand sie als Person interessant und ihre Message spannend. Genug Stoff für ein ganzes Buch, an dem Sandra nun tatsächlich das letzte halbe Jahr geschrieben hat. „Das war krass.“ Stimmung und Energie statt Fakten, lautete die Devise im Schreibfluss. Es habe so viel Spaß gemacht, aber sei auch wahnsinnig anstrengend gewesen. „Weil es mir so wichtig ist. Aber was soll ich sagen, ich will unbedingt noch fünf weitere Bücher schreiben“, freut sich der Kreativkopf. Legasthenie und das Schulsystem würden darin unter anderem auch thematisiert. Es sei ein heikles Thema. „Zum einen ist es schön, dass wir die Schule haben und Bildung für die Kids kein Fremdwort ist, aber auf der anderen Seite ist unser Schulsystem so veraltet. Währenddessen und danach, im Berufsleben, geht einiges schief, die Begeisterungsfähigkeit immer mehr verloren. „Und ich versuche, die Menschen daran zu erinnern, was für ein Wunder sie selbst sind und das Leben ist – das ist die Message. Angelehnt an mein Lieblingszitat von John Lennon:

Als ich 5 Jahre alt war, hat meine Mutter mir immer gesagt, dass Glück der Schlüssel zum Leben ist.
Als ich zur Schule ging, fragten sie mich, was ich werden will wenn ich groß bin.
Ich sagte: ‚glücklich‘. Sie sagten mir, dass ich die Aufgabe nicht verstanden habe, aber ich sagte ihnen, dass sie das Leben nicht verstanden haben.

Glücklich zu sein, darum geht es und es ist so schade, dass wir das vergessen und verlernt haben. Und, dass Kreativität keinen höheren Stellenwert hat und kein eigenes Schulfach ist. Mein ganzes Leben besteht aus Kreativität, ich bin Berufsoptimistin, habe mir meine eigene Tanzschule aufgebaut und später mein eigenes Label. Das sind Berufe, die ich selbst kreiert habe.“

Sandra hat immer gedacht, dass sie falsch und schlecht ist – wegen ihrer Legasthenie. „Und jetzt denke ich: Ich bin Legasthenikerin und habe dicke Oberschenkel – na und? Schönheit bedeutet, den Mut zu haben, der Mensch zu sein, der du sein willst. Und ich bin – in Farben gesprochen – ein Pink, ich habe lange versucht ein Grau zu sein, anständig, gesellschaftlich akzeptiert, aber ich tue der Welt und mir keinen Gefallen, wenn ich als mattes Grau durch die Gegend renne und doch eigentlich ein Pink bin. Nur so kann ich leuchten und meine (Farb-)Kraft entfalten.“

Diese und ähnliche Gedanken finden sich in Sandras Buch wieder.

Und meine Gedanken in dem Buch sind so groß, im Vergleich dazu sind die Rechtschreibfehler so klein.

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Manchmal ist mir eben „leicht“ nach Pink 🌸

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