Toxische Partnerschaft: Im Zweifel für dich selbst

Gehen oder bleiben? Eine Beziehung zu beenden ist immer sehr schwer. Deshalb sehen wir oft zu lange über vieles hinweg. Selbst wenn der Partner lügt oder betrügt, ignorant oder egoistisch ist, bleiben wir. Warum verharren wir so oft in Beziehungen, die uns eigentlich überhaupt nicht guttun?

Stuttgart – Seien wir ehrlich: meistens ist es eigentlich nicht der Partner, der uns zum Bleiben zwingt. Wenn wir in einer Beziehung ausharren, in der uns der Partner mehr schadet als dass er uns guttut, wissen wir eigentlich ganz genau, dass es selten an ihm oder ihr als Person liegt. Wir trennen uns nicht, weil uns der Mensch noch am Herzen liegt, sondern weil wir Angst haben, vor dem, was danach kommt. Mit dem Ende einer Beziehung sterben vor allem die Illusionen, die wir damit verbunden hatten: Glückliche Zweisamkeit, ein harmonisches Familienleben oder einfach die Tatsache, nicht allein sein zu müssen.

Der Weg aus der toxischen Partnerschaft

Einsamkeit, Traurigkeit, vielleicht auch finanzielle Unsicherheit. Diesen unangenehmen Gefühlen wollen wir aus dem Weg gehen, deshalb bleiben wir – und halten lieber die unangenehmen Gefühle aus, die wir schon kennen. Weil wir viel zu oft unseren Wert als Mensch darin bemessen, ob wir in einer Partnerschaft sind. Als wären wir alleine nichts wert. Das ist aber vor allem ein gesellschaftlicher Druck: Die romantische Zweierbeziehung gilt immer noch als das Non-Plus-Ultra.

Natürlich ist die Angst vor Einsamkeit berechtigt, niemand ist gerne auf Dauer alleine. Aber wir sehen oft nicht, dass wir damit auch die Chance verpassen könnten, mit jemand anderem glücklich zu werden.

Ach, ist doch ganz ok.

Oft denken wir gar nicht, dass es besser werden kann, wenn wir uns aus einer unglücklichen Beziehung lösen. Vielleicht auch, weil wir glauben, nie wieder jemanden zu finden. Wer von sich selbst glaubt, auf dem Single-Markt chancenlos zu sein, der redet sich oft eine schlechte oder schwierige Beziehung schön, denkt vielleicht „Ach, ist doch ganz okay.“

Und dann sitzen wir Tag für Tag da und hoffen, dass der andere sich vielleicht doch noch ändert, und irgendwann so wird, wie wir es haben wollen. Aber das passiert in der Regel nicht. Aus einem notorischen Betrüger und Lügner wird selten ein grundehrlicher Mensch. Dafür wären mindestens ein paar Jahre Therapie nötig – die solche Menschen aber meistens nicht bereit sind, zu machen.

Im Zweifel für uns selbst

Die Angst, vor dem was da kommt, ist oft zu groß. Und ja, es erfordert unglaublich viel Mut, sich zu trennen und seinen eigenen Weg zu gehen. Die Unwägbarkeiten, die auf uns zukommen, wenn wir unsere sichere Komfortzone verlassen, einfach auszuhalten.

Doch letztlich bringt es uns selbst persönlich weiter, wenn wir uns im Zweifel für eine Person entscheiden: für uns selbst.

Eine Trennung ist der einzige Weg, um sich nicht selbst ins Unglück zu stürzen.

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt? Bedenklich ist es immer dann, wenn keiner von beiden mehr Wertschätzung für den anderen aufbringt, wenn jeglicher Respekt fehlt oder auch einfach, wenn wir feststellen, dass wir nicht dieselben Werte teilen.

Das gilt vor allem und ganz besonders für Beziehungen, in der eine Person sich permanent destruktiv verhält. Wenn der Partner emotional oder physisch Gewalt ausübt, wenn es um Missbrauch geht, dann sollte die Entscheidung eigentlich klar sein. Eine Trennung ist der einzige Weg, um sich nicht selbst ins Unglück zu stürzen.

Das Vertraute vermittelt Sicherheit

Der Beziehungstherapeut Holger Kuntze nennt in seinem Buch „Lieben heißt wollen – wie Beziehung gelingen kann, wenn wir Freiheit ganz neu denken“ vier Partnerschaftstypen, mit denen eine zufriedene Beziehung nie gelingen wird. „Es gibt Persönlichkeitstypen, die den Alltag in einer Beziehung zur Hölle machen beziehungsweise die einen Alltag zulassen, der mit einer erfüllenden Partnerschaft nichts oder nur sehr wenig zu tun hat.“

Für Kuntze sind das Menschen mit einer Suchtproblematik, mit einer Borderline-Störung, passiv-aggressive Persönlichkeiten und Menschen mit einer starken narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Diese vier Typen machten den Alltag in einer Beziehung „zur Hölle“, sagt Kuntze.

Doch gerade in Beziehungen mit solch toxischen Partnern, fällt es dem anderen schwer zu gehen. Das liegt daran, dass wir uns unbewusst immer dieselben Muster suchen. Wer als Kind bereits Gewalt erfahren hat, sucht sich später oft einen gewalttätigen Partner. Wer narzisstische Eltern hatte, spürt mit schlafwandelnder Sicherheit genau die Partner auf, die ebenso narzisstisch sind. Es klingt absurd, aber das Vertraute vermittelt uns Sicherheit.

Konflikte aus der Kindheit lösen

Wer davon betroffen ist, sollte umso mehr eine ungesunde Beziehung in Frage stellen und den Schritt in ein eigenes Leben wagen. Wir geben uns ja damit auch die Chance, Konflikte aus unserer Kindheit (die wir im Übrigen alle haben) aufzudecken und sie endlich zu lösen.

Die ersten Wochen sind natürlich immer hart, daran kommt man leider nicht vorbei. Weil unsere Gefühle alle paar Sekunden schwanken, wir in der einen Sekunde denken, wir können sehr viel besser ohne den anderen leben, in der anderen plötzlich wieder „Oh, war doch alles gar nicht so schlecht.“ Das sind die Momente, in denen wir von Einsamkeit und Schmerz überflutet werden, in denen die Horrorvorstellung in unserem Kopf herumspukt, wie wir alt und einsam sterben werden. Weil wir nie, nie wieder jemanden finden. Das ist natürlich Unsinn.

Das war die beste Entscheidung unseres Lebens.

In schwachen Momenten reden wir uns die Beziehung wieder schön, glauben vielleicht, wir hätten übertrieben, könnten das irgendwie schon aushalten. Viele kehren deshalb in den Momenten der Reue wieder um, gehen zurück zum Partner, in den vermeintlich sicheren Hafen.

Das sind die Momente, in denen wir hart zu uns selbst sein müssen. Denn danach wird es besser. Und irgendwann kommt der Tag, an dem wir aufwachen und merken: Das war die beste Entscheidung unseres Lebens. Weil wir ohne den anderen viel besser dran sind.

Titelfoto: Unsplash/Priscilla Du Preez

Bleibt up to date mit unserem Newsletter:

Mehr aus dem Web