Toxic Positivity: „Lächle doch einfach mehr!“ ist kein guter Ratschlag

Wie kann man für einen geliebten Menschen in Krisenzeiten da sein? Wie sollte man reagieren und was sollte man am besten lassen? Und muss man eigentlich immer positiv sein? Das erklärt die Psychologin Bona Lea Schwab im Interview.

Stuttgart – „Das ist doch nicht so schlimm. Du musst einfach nur positiv bleiben!“ oder „Lächle einfach mehr, dann geht es dir wieder besser!“ – Die meisten von uns haben solche Ratschläge schon einmal bekommen oder sie jemandem gegeben. Zwar sind solche Sätze oft gut gemeint, aber helfen tun sie eher nicht. Weshalb solche Ratschläge problematisch sind, erklärt die Psychologin Bona Lea Schwab: „Es wird damit das Gefühl vermittelt, es liege lediglich an der richtigen Einstellung und der puren Willenskraft, Probleme überwinden zu können. So einfach ist das – wie wir wissen – nicht.“

Toxic Positivity: Negative Emotionen lassen sich nicht einfach weglächeln 

Dies wird oftmals auch als „toxic positivitiy“ bezeichnet: Also die Annahme, dass sich negative Emotionen einfach weglächeln ließen und für ein glückliches Leben nur eine Portion positives Denken reiche. Das soll natürlich nicht heißen, dass eine positive und optimistische Grundeinstellung schlecht sei. Aber manchmal hat man einfach keine Lust, positiv und optimistisch zu sein. Oder man kann es schlichtweg nicht. Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen können nicht einfach positiv denken und dann ist alles wieder gut.

Zudem haben negative Gefühle ihre Berechtigung. Ihnen sollte Raum gegeben werden. „Es steckt viel Kraft in negativen Emotionen. Es gibt oder gab einen triftigen Grund für ihre Existenz. Sie wollen uns auf eine Schieflage oder einen Mangel hinweisen und ihre Energie soll sich nicht nach innen wenden. Lassen wir sie also raus! Vielleicht in sozial verträglichem Maße“, sagt Schwab.

Die beste Reaktion ist Anteilnahme.

Aber wie kann man am besten reagieren, wenn sich einem ein geliebter Mensch mit seinen (psychischen) Problemen anvertraut? „Die beste Reaktion ist Anteilnahme. So etwas wie: ‚Oh, das tut mir leid zu hören, das ist ja eine echt heftige Zeit für dich'“, rät Schwab. „Das klingt einfach, setzt aber voraus, dass wir uns emotional einfühlen, die Situation und Gefühle des Anderen anerkennen und auch aushalten können.“

Man muss auch nicht unbedingt Lösungsansätze parat haben. Als Freund*in möchte man vielleicht erst einmal nur Mitgefühl und ist emotional noch gar nicht bereit, an einer Lösung des Problems zu arbeiten.

Manchmal muss man auch einsehen, dass man jemand anderem schlichtweg nicht helfen kann. Wenn man merkt, dass ein*e Freund*in ihre (psychischen) Probleme alleine nicht mehr bewältigen kann, ist es ratsam, ihm*ihr zu raten sich professionelle Hilfe zu holen.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon 0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

(Titelbild: Unsplash/Sydney Sims)

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