Tobias Rückle: Mit der Seenotrettung Sea-Eye in Malaga

Tobias Rückle war mit der Regensburger Seenotrettung Sea-Eye unterwegs und hat mitbekommen, wie angespannt die Stimmung in den Mittelmeerhäfen ist.

Stuttgart – Nach dem Studium erstmal auf große Reise gehen? Tobias Rückle hat sich zwar für einen Trip entschieden, aber für einen etwas ungewöhnlichen. Für ihn ging es nach Malaga, mit der privaten Seenotrettung Sea-Eye auf Mission. Zwar keine Rettungsmission, sondern nur eine Schiffsüberführung – doch Sea-Eye meldete sich bei Tobi und der Zeitpunkt passte. „Vier Tage vor Missionsbeginn haben sie mich angerufen“, sagt Tobi, dann ist er nach Malaga geflogen und dort an Bord des Schiffs Sea-Eye gegangen.

Clubs gegen Kajüte eintauschen

Zwei Wochen sollte die Überführung des Schiffs dauern, das zunächst von Malta über Hammamet in Tunesien nach Malaga gefahren war, um von dort weiter über Gibraltar nach Hamburg zu schippern. In Stuttgart kennen die meisten Tobi wohl eher aus dem Nachtleben. Mit der LoveiT-Crew prägt er seit Jahren die elektronische Szene in Stuttgart. Im Vorjahr hatte er gemeinsam mit WTF und Quo Vadis „Sociocultural Playground“ gegründet, eine Initiative für Open-Airs im Kessel. Für zwei Wochen wollte er Clubs gegen Kajüte eintauschen, den Kopf frei kriegen und erste Erfahrungen bei der Seenotrettung sammeln. So kam er zu Sea-Eye.

Vom Fischkutter zum Rettungsschiff

Der Verein Sea-Eye hat sich vor drei Jahren in Regensburg gegründet. Mit den zwei zu Rettungsschiffen umgerüsteten Fischkuttern, der Sea-Eye und der Seefuchs, war er an der Rettung von mehr als 14.000 Menschen beteiligt. „Seit 2015 gibt es keine europäischen Mandate mehr, um Menschen zu retten. Diese verheerende politische Fehlentscheidung bezahlten bis heute mehr als 20.000 Menschen mit ihrem Leben“, lässt Sea-Eye verlauten. Der Verein zählt inzwischen gut 350 Mitglieder und weit über 1000 Aktivistinnen und Aktivisten.

Der Smut kocht in der Kombüse

Einer der Aktivisten ist jetzt Tobi. Was Sea-Eye von ihm erwartete? „Seeerfahrung“, antwortet der 27-Jährige, er habe ein bisschen Segelbooterfahrung vorweisen können. Angeheuert hat er auf dem Rettungsschiff dann als Smut, also Küchenchef: „Ich habe immer in der Kombüse gekocht, jeden Tag um 13 Uhr gab es Essen.“ Außerdem hat Tobi die Crew bei der Kommunikation unterstützt. Außer ihm waren für die Überführung noch der Kapitän, zwei Bundeswehroffiziere, eine Polizistin, ein Lehrer und zwei Maschinisten an Bord. Alle in ihrer Freizeit, versteht sich.

Juristische Konsequenzen für Retter

Er habe gemerkt, dass die anderen Crewmitglieder teilweise konservativer eingestellt waren, wenn es um Politik ging. Auch Tobi hat nach der Reise ein noch differenzierteres Bild, was die Problematik mit den Geflüchteten betrifft. „Man kann wahrscheinlich nicht alle aufnehmen. Aber ertrinken lassen geht halt auch nicht“, meint er. So sehe es auch der Rest der Crew. „Das Problem ist, dass die Medienpräsenz nachgelassen hat“, sagt er. Privaten Rettungsmissionen wird derzeit der Einsatz untersagt oder die Flagge entzogen. Schiffe wie die Seefuchs dürfen den Hafen in Malta nicht mehr verlassen, der deutsche Kapitän der „Lifeline“ steht in Malta wegen eines Rettungseinsatzes vor Gericht.

Ein paar tausend Euro für einen Traum

Wenn man einen Schlüssel für die Verteilung der Geflüchteten auf die verschiedenen EU-Staaten hätte, wäre es einfacher, meint Tobi. Dann dürften vielleicht auch die Schiffe wieder die Häfen verlassen.

„Nicht fünfzig Flüchtlinge ertrinken, sondern fünfzig Menschen“, sagt Tobi. In Malaga starten viele Kreuzfahrten. Die Kreuzfahrttouristen würden für ihre Reise ungefähr gleich viel zahlen wie die Geflüchteten für ihre gefährliche und oft tödliche Überfahrt – ein paar tausend Dollar. „Denen wird einfach so ein Traum verkauft, der nie in Erfüllung gehen wird“, sagt Tobi.

Probleme mit dem Öldruck beenden die Überführung

Kurz nach dem Start Mitte Oktober hatte das Schiff dann technische Probleme, die Ölpumpe streikte. Das Schiff musste in den Hafen von Malaga umkehren. Dort war nicht klar wie es weitergeht. Die ersten Tage seien stressig gewesen, weil man noch nicht wisse, was auf einen zukommt und man noch nicht sicher auf dem Boot sei, meint Tobi: „Ich habe nachts komplett unruhig geschlafen.“ Nach mehreren Tagen stellte sich dann heraus, dass die Reise vorerst beendet war, zu groß waren die technischen Probleme.

Die Mission sieht Tobi trotzdem als einen guten Start, bei dem er sich mit der Umgebung an Bord und der Seenotrettung vertraut machen konnte. „Ich bin froh, dass ich nicht den ‚worst case’ mitgenommen habe. Das ist schon nochmal eine andere Nummer.“ An Bord würde er auf jeden Fall wieder gehen. Wenn sich die politische Situation ändert, vielleicht auch mit einer Rettungsmission.

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