Tischtennis ist mein Leben!

Stadtkind-Autor Björn Springorum hat eine ganz spezielle Vorliebe. Warum ihm Tischtennis so viel bedeutet, hat er hier zusammengefasst.

Stuttgart – Es ist Wochen her, seit ich meinen letzten Schuss hatte. Ich bin auf Entzug, relativ kalter Entzug sogar. Frostiger Entzug. Und das liegt nicht an den Temperaturen da draußen. Wer (wie ich) in Tischtennis seine Erfüllung findet, aber (wie ich) weder Garage noch Keller für eine gescheite Indoor-Platte hat, der nimmt mit der Straße vorlieb. Mit den grundehrlichen, bisweilen hart umkämpften und immer auch ein wenig unebenen, schiefen, ramponierten Steinplatten, die es in Stuttgart in hoher Anzahl gibt. Auf öffentlichen Plätzen, vor Schulen, auf Spielplätzen: Find me where the Platte is!

Winter der Unzufriedenheit

Nur eben im Winter nicht. Und genau hier beginnt mein kalter Entzug. Ich glaube, es war Ende November, als ich das letzte Mal den Schläger schwang. Acht Wochen, seit ich das letzte Mal dieses High gespürt habe, diese Ekstase eines langen Ballwechsels, dieses Adrenalin, wenn man einen fiesen Schmetterball mit der Leichtigkeit eines Balletttänzers pariert und den Punkt am Ende doch noch macht. Euer Koks könnt ihr behalten. Gebt mir einen Schläger, einen Ball und einen Partner, der es mir mit aufnehmen kann! Runner‘s High? Kinderkram, Table Tennis High ist das neue High!

Paul-Gerhardt-Platz for life!

Problem: Selbst im November war es bisweilen schwer, dieser Sucht zu frönen. Regnerisch, windig, kalt. Wer um den Paul-Gerhardt-Platz im Stuttgarter Westen unterwegs war in den grauen Herbstwochen, der wird morgens des Öfteren zwei unerschütterliche Gestalten beobachtet haben, die verzweifelt einem Ball hinterherjagten, der zum Spielball der Winde geworden ist. Uns war das egal. Tischtennis ist in gewisser Weise unser Leben. Na ja, meins zumindest, was meine anderen Tischtennis-Partner (Huiss, Christian, you know who you are) dazu sagen, weiß ich nicht. Ich glaube aber gern, dass sie genauso empfinden.

Fitnessstudio? Spitzenidee!

Ich habe natürlich auch andere Interessen. Wein, Katzen und Bücher zu Beispiel. Zumindest aus sportiver Sicht ist Tischtennis aber alles für mich. Ein Fitnessstudio kommt wegen der schlimmen Typen, den hygienischen Zuständen und den mannigfachen Gerüchen für mich nicht in Frage, beim Joggen verliere ich mich zu schnell in der Schönheit der Landschaft und für Yoga fehlt mir die Geduld. Tischtennis jedoch, Tischtennis war eine Offenbarung für mich. Nicht so posh wie Tennis, nicht so proletarisch wie Fußball, aber immer noch wunderbar anstrengend, kunstfertig, anspruchsvoll und das pure Leben.

Glitter hat beim Tischtennis meist nichts verloren! (Quelle: Youtube-Screenshot)

Ja, das ist Sport!

Denn lasst mich gleich mal mit einem Vorurteil aufräumen, mit dem wir Tischtennisspieler immer zu kämpfen haben: Wenn du diesen Sport nicht anstrengend findest, dann liegt das nur daran, dass du kein Talent für ihn hast. Immer nur auf einem Fleck stehen bleiben und dröge *tock-tock* den Ball hin- und herspielen hat so viel mit Tischtennis zu tun wie eine Runde Ponyreiten im Zoo mit Polo. Also spart euch eure despektierlichen Kommentare, die prallen an uns eh ab wie die Bälle von unseren fachmännisch geschwungenen Schlägern. Ach, und noch was: Über dieses Video von Marteria und Casper können wir Tischtennisspieler nur herzlich lachen. Nice try, Jungs.

Minus sieben Grad. Wir spielen

Was ich ohne Tischtennis machen würde? Gute Frage. In den letzten Wochen hatte ich mehr als genug Gelegenheit, das für mich zu beantworten. Zugrunde gehen würde ich! Also haben einer meiner treuen Tischtenniskumpane, ein dufter Typ, der Musiker ist und bei mir um die Ecke wohnt, und ich heute einen verwegenen Entschluss gefasst. Es hat minus sieben Grad da draußen, ja. Aber es ist trocken und windstill. Um neun Uhr dreißig treffen wir uns zum ersten Match des Jahres. Und ich werde endlich wieder vollständig sein.

Nachtrag: Ich habe verloren, obwohl ich Handschuhe anhatte. Und wisst ihr was? Es ist mir egal, denn ich habe gelebt.

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