Tinder-Geschichten: Zwischen Date und Sportschau

Bikini-Bilder, Sportschau und strikt getrennte Rechnungen: Tinder-Dates sind immer wieder für Überraschungen gut. Eine Stadtkind-Autorin berichtet.

Stuttgart – Am Ende wollen ja alle Singles doch nur das eine: Liebe finden. Selbst die überzeugtesten und unabhängigsten Singles wünschen sich doch nur eine ganz normale Beziehung. Nur: Es muss natürlich das ganz Große sein. So mit Seelenverwandschaft, Wir-zwei-für-immer und Da-passt-kein-Blatt-Dazwischen! Drunter macht man es ja gar nicht mehr. Für die ganz große Liebe ist die Messlatte recht hoch, für die Zeit dazwischen wiederum ist sie bei vielen ganz schön niedrig.

In Konkurrenz mit der Sportschau

Wenn diese wirklich ganz tiefe Verbindung zwischen zwei Menschen aber nicht sofort binnen der ersten Sekunden einer Begegnung aufflammt, dann sind wir heute ja schnell geneigt, das Ganze sofort wieder zu beenden. Wisch-und-Weg, empfiehlt der Zeitgeist. Das Tinder-Prinzip. Wer nicht gleich was taugt, wird aussortiert. Schlechte Eigenschaften hat man doch selbst schon genug.

Nur mit einer Person, die einem sehr gut gefällt, in Kontakt zu stehen, das gilt längst als antiquiert. Sich einfach mal auf eine Sache einlassen, sich das ganze Mal in Ruhe anschauen und kucken, ob es was wird? Anfängerfehler! Heutzutage gewinnt man über die Masse! Das glauben zumindest viele.

Viele suchen, aber sie wissen eigentlich gar nicht was sie suchen.

Denn tausende Singles tummeln sich tagtäglich auf Online-Datingplattformen. Das Problem: Viele suchen, aber sie wissen eigentlich gar nicht was sie suchen. Offensichtlich führt die verzweifelte Suche auch dazu, dass so mancher gar nicht mehr weiß, wie man sich eigentlich verhält, wenn man zumindest mal eine potenzielle Kandidatin gefunden hat.

Tinder-Kandidat Sebastian, wir nennen ihn einfach mal so, hält es für eine todsichere Strategie, ein Date nach knapp vierzig Minuten zu beenden, weil „jetzt die Sportschau kommt“. Das sei nichts Persönliches übrigens, man könne sich doch gerne am nächsten Tag noch einmal treffen, er müsse jetzt halt wirklich ganz dringend weg, weil eben „der VFB nicht jeden Tag 4:1 gegen Bayern gewinnt“. Er würde dann aber als Entschädigung beim nächsten Treffen „einen Drink ausgeben“. Doch welche Frau hat schon Lust mit der Sportschau zu konkurrieren?

Getrennt oder zusammen?

Sebastian lässt aber nicht locker. Ob man ihm das mit der Sportschau nicht verzeihen könnte? Weil man ein großes Herz hat, gibt man ihm eben noch eine Chance. Seine neue Strategie an diesem Abend: Das Restaurant ist blöd, das Essen zu versalzen, etwas lieblos hergerichtet – und überhaupt alles doof. Den Joker hebt er sich aber für den Schluss auf. Der Kellner bringt die Rechnung und fragt „Getrennt oder zusammen?“. Da sagt er gönnerhaft: „Meins und die Schbezi von der Dame.“ Auf die Frage des Kellners, was denn mit der Pizza der Dame sei, sagt er nicht ohne Stolz: „Ha, die zahlt se selber.“ Später braust er mit seiner schicken Limousine davon…

Dass man ihm danach eine Woche lang nicht mehr antwortet, bringt ihn keineswegs zum Nachdenken. Er fragt einfach nach acht Tagen an einem schönen Samstagnachmittag nach mit „Lebst du noch? Kannst du ein paar Bikini-Fotos aus dem Urlaub schicken?“

Und das ist dann der Moment, in dem man selbst lieber auf die Sportschau umschaltet…

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