Ti amo, Kesselrand!

Unsere Autorin entzieht sich dem Hype um die hippen Innenstadtbezirke Stuttgarts. Sie hat eine Schwäche für den Kesselrand entwickelt. Dort, wo Gentrifizierung noch ein Fremdwort zu sein scheint und trotzdem Großstadtfeeling aufkommt.

Stuttgart – Es verirrt sich nur selten ein Kesselbewohner dorthin, wo ich wohne. Lieber wandeln sie auf dem Beton-Biotop des Kesselbodens umher. Gut – dass manche vom Charme der Altbauwohnungen im Westen angetan sind, kann ich ja noch nachvollziehen. Hohe Wände, Stuck an der Decke und Fischgrätenmuster auf dem Holzboden machen sich auf Instagram einfacher besser als Mehrfamilienhäuser mit Garage und Garten. Aber ernsthaft: Duschen in der Küche? Das zumindest war ein Angebot im Westen, das meinem Preisbudget entsprach. Und da vergeht mir die Lust auf den Altbauflair schneller, als man Kessel sagen kann.

Liebe und Werbung für den Kesselrand

Und während viele zuzuziehende Studierende auf WG-gesucht wieder mal bei der Frage danach, wo ihre WG liegen soll, Westen, Osten oder Mitte ankreuzen, entschied ich mich dazu, auch andere Stadtteile in Betracht zu ziehen. Anfangs haben mich nur die hohen Mietpreise in den beliebten Bezirken Stuttgarts dazu bewegt, bei der WG-Suche auch einen Blick raus aus dem Kessel zu wagen. Denn auch ich wollte ursprünglich am liebsten in einem Altbau im Westen unterkommen. Dann aber habe ich mich verliebt. Der Kesselrand hat es mir angetan.

Vorstadtidylle statt Großstadtanonymität

Denn während dort unten im Kessel die Anonymität der Großstadt herrscht, kennt man sich hier oben. Supermarktverkäufer, Metzger und Bäcker grüßen freundlich und fragen, ob es denn letztens geschmeckt hat. Und so manche Seltenheiten findet ihr auch hier: Zum Beispiel einen Bäcker, der in seiner Garage Backwaren zubereitet und verkauft. An Sonntagen weht der Duft von hausgemachtem Zwiebelrostbraten durch die Häuserreihen und man hat die Omi in ihrer Kittelschürze vor Augen. Und was uns Schwaben so wichtig ist: Die Kehrwoche wird auf dem Hochplateau Stuttgarts noch ernst genommen. Dorfleben pur, oder?

Anbindung? Check!

Naja, nicht ganz. Die Vorstadtidylle trügt. Jedoch nicht im negativen Sinne. Denn selbst hier oben fahren Busse, S-Bahnen und U-Bahnen im Minutentakt. Anbindung? Check. Zur Uni brauche ich mit der Bahn nur wenige Minuten. Verglichen mit der halben Ewigkeit, die die S-Bahnen allein für die eine Haltestelle von der Schwabstraße aus zur Uni brauchen, ein Klacks. Nur das Taxi aus der Innenstadt hoch, das ist in meinem Budget dann doch nicht mehr drin. Und heimlaufen? Schon probiert, kann ich nicht empfehlen. Deshalb ist Planung alles: Die S-Bahnen fahren nachts zwar seltener, bringen einen jedoch trotzdem ans Ziel.

Großstadtlärm adieu.

Und während die Kosmopoliten aus dem Kessel noch nach einem Parkplatz suchen, ihr Auto dann doch zwei Kilometer von der Stadtwohnung entfernt abstellen und dafür dann auch noch ein Parkticket ziehen müssen, mache ich es mir im urbanen Jungle auf der Dachterrasse meiner WG in Stuttgart-Rohr gemütlich. Apropos Verkehr: Was so mancher mit dem Euphemismus Großstadtsinfonie betitelt, ist für mich nur eines: Lärm. Diesen mentalen Stress, verursacht durch Baustellen, Verkehr und Co., tausche ich lieber gegen Vogelgezwitscher am Stadtrand ein.

Grünflächen statt Beton-Wulst

Hier brauche ich nur aus der Tür zu fallen, um die Natur zu erleben. Tief durchatmen, ohne dass die Lunge einen Feinstaubalarm vermeldet. Nur wenige Minuten Fußweg trennen mich von den Feldern. Hier kann ich im Frühjahr Erdbeeren pflücken, im Sommer Blumensträuße zusammenstellen oder einfach dem Bauernhof einen Besuch abstatten.

Oder ich marschiere zu Fuß in den Wald und unternehme eine Wanderung ins Siebenmühlental. Denn auf dem Kesselrand zu wohnen, hat noch einen entscheidenden Vorteil: So schnell, wie man nach Stuttgart gedüst ist, ist man eben auch im Umland. Wir Kesselrandbewohner können deshalb nicht nur den Blick auf den Kessel genießen, sondern auch mal vor ihm fliehen, wenn es uns im Großstadtrummel zu trubelig wird.

Kombi aus Großstadtfeeling und schwäbischer Gemütlichkeit

Der Kesselrand vereint für mich die Vorzüge von Stuttgart. Denn seien wir mal ehrlich: Was das Großstadtfeeling anbelangt, kann Stuttgart mit anderen Metropolen wie München, Berlin, Hamburg oder Köln nicht mithalten. Den Charme unserer Schwabenmetropole macht doch vor allem die Kombi aus City und Gemütlichkeit aus. Deshalb lasse ich mich nicht mehr vom Hipstertum derer beeindrucken, für die der Kesselrand nicht hip genug ist. Und wenn mir die Luft hier oben dann doch mal zu dünn wird, ist die Innenstadt nur ein paar Stationen mit der S-Bahn entfernt.

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